Soll denn alles umsonst gewesen sein? Die Erfolge, Opfer, Strapazen? Der Juni dieses Jahres war der verlustreichste Monat für amerikanische- und Koalitionstruppen seit Beginn des Krieges, 45 Soldaten starben - mehr als im Irak. Warum treibt man die Kerle nicht weiter in die Enge, bis sie keinen Fluchtweg mehr finden? Mindestens 25.000 Truppen fordern Kommandeure und Militärexperten für die Provinz Helmand, um ein Mindestmaß an Sicherheit garantieren zu können - fast ein Drittel der in Afghanistan stationierten Truppen. Ansonsten wird es nie gelingen, die Taliban zu besiegen - und die mit ihnen verbrüderten Drogenbarone, die mit ihren Gewinnen aus der Opiumpaste die Kriegsmaschine der Gotteskrieger schmieren.
Seit vier Monaten haben sich die Amerikaner am Rande der Wüste festgebissen; ohne fließend Wasser oder Privatsphäre, sie sind müde und erschöpft. "Wir essen aus und kacken in Tüten", sagt ein Soldat. "Ich würde gerne mal wieder richtig duschen! Ist schon ein paar Monate her." Dies sei der Punkt, an dem es brenzlig wird. Weil man mit den Gedanken schon zu Hause in North Carolina sei "und nicht bei dem Mann, der mit seiner Panzerfaust hinter einer Mauer lauert", sagt Robert Dawson. Zeit kann zum größten Feind der Soldaten werden, weil sie so unendlich langsam vergeht - aufwachen mit den ersten Sonnenstrahlen, Tütenfutter um acht, Gewehr zerlegen, reinigen, wieder zusammenbauen, Kartenspielen, Patrouille, Kopf ausschalten. Und mit jeder Sekunde, die man näher an die Heimat rückt, lässt die Konzentration nach. In Gegenden wie Garmsir kann das tödlich enden.
Der Tag: Das ist vor allem unerträgliche Hitze, Schweiß und Staub. Die Routine füllt schon lange die Zeit nicht mehr aus. Marines dösen auf ihren Feldbetten und starren auf die Unterseite ihres Ponchos, den sie zum Schutz gegen die Sonne aufgespannt haben - mit einem Blick, der zu sagen scheint: "Ich bin zwanzig Jahre alt, sitze in der Scheiße und schwitze mir die Eier ab. What the fuck!" Die meisten haben nicht vielmehr von der Welt gesehen als ihr behütetes Elternhaus - und Krieg. Manche hatten noch nie eine feste Freundin. Andere traten dem Marine Corps bei, weil ein Richter sie vor die Wahl stellte: Gefängnis oder Krieg; wegen Drogenhandel oder einer ausgearteten Prügelei. Nachts spielen sie Texas Hold 'Em oder erzählen sich die immer gleichen Geschichten ihrer Heldentaten, tausendmal gehört und jedes Mal mit ein bisschen mehr Dramatik gepfeffert; in dem sinnlosen Versuch, Langeweile und Einsamkeit auszutricksen.
Hin und wieder schaut ein Reporter vorbei und möchte wissen, wie viele Feinde oder Zivilisten man denn schon getötet habe. Oder ob die Soldaten für oder gegen den Krieg seien. Das hört man zwar nicht gerne - verschafft aber zumindest ein bisschen Abwechslung. Und wenn die Hitze und der physische Druck mal besonders unerträglich sind, verlieren einige schon mal den "Verstand", wie es die Marines nennen. Vielleicht, weil sie wissen, dass sie bald sterben könnten - oder ansehen müssen, wie ein Freund getötet wird. Man erkennt sie am Tunnelblick. Dann reden sie mit niemandem und man lässt sie am besten in Ruhe, da sie sich vermutlich für ein paar kostbare Stunden in eine andere Welt beamen - ohne mieses Essen, Sand und Fanatikern im Vorgarten, die meinen, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie einen Ungläubigen töten. "Jeder macht diese Phase durch", sagt Dawson, "das gibt sich wieder." Immerhin sei man im Marine Corps; harte Krieger aus Tradition - 1775 gegründet und somit ein Jahr älter als die Vereinigten Staaten. Das Korps hat in jedem Krieg gekämpft, den Amerika geführt hat. Elite eben. Nur die, die sich den Lauf ihres Sturmgewehrs in den Rachen schieben, schickt man besser nach Hause. Man hat ja schon genug Sorgen.
Seit einigen Tagen, so scheint es, testen die Taliban mal wieder, wie weit sie gehen können. Ein paar Kilometer von Bravo Company entfernt, greifen Aufständische Alpha Company an; eine Viertelstunde lang rattern Maschinengewehre und explodieren Granaten; eine Klangwolke, die kilometerweit zu hören ist. An einem anderen Tag fährt ein gepanzerter Humvee der Weapons Company auf eine Mine und brennt aus. Immer öfter finden Patrouillen in den Sand gegrabene IEDs (Improvised Explosive Devices), Sprengfallen, die hochgehen, sobald man drauftritt. Hin und wieder fliegt eine Rakete über das Lager hinweg. "Zum Glück hat keiner den Burschen das Zielen beigebracht."
Routinepatrouille am frühen Abend. Der Himmel schwankt unentschlossen zwischen hell- und dunkelblau. Im Westen versinkt langsam die Sonne und taucht die Sanddünen am Horizont in rosafarbenes Licht. Die Luft hat sich auf 42 Grad gekühlt. Zehn Mann marschieren über Melonenfelder und Schotterstraßen, durchsuchen Fahrzeuge und Anwohner nach Sprengstoff und Waffen. Kinder zupfen an Uniformen und laufen dann lachend davon. "Ein gutes Zeichen", sagt ein Corporal, "weil die Eltern ihre Sprösslinge nicht mehr aus Furcht vor den fremden Truppen verstecken." Aber warum schaut der Ziegenhirte dort drüben so grimmig? Vielleicht hat er eine Kalaschnikow oder ein Funkgerät unter seinem Gewand versteckt. Alte Männer fahren sich durch ihre langen weißen Bärte und blicken verwundert den schwerbewaffneten Ausländern hinterher, die ihnen freundlich zuwinken. Manche sprechen sogar ein paar Brocken Paschtu. In ihren schusssicheren Westen, den Funkgeräten auf dem Rücken und den Hightech Waffen, wirken sie in dieser kargen Landschaft wie Sturmtruppen eines fernen Planeten.
An einem stillgelegten Bazar stellt Dawson drei Männer zur Rede, die aussehen wie Schuljungen, die gerade etwas ausgefressen haben und an einem weißen Toyota herumfummeln. "Hey, Salamaleikum, der Bazar ist geschlossen. Was treibt ihr hier?". "Wir wollen nur einen Reifen wechseln", sagt einer der Männer, zündet sich eine Zigarette an und bläst Sergeant Dawson den Rauch ins Gesicht. Dabei lächelt er.
Die Männer duften nach süßem, schwerem Parfum, tragen frischgestutzte Bärte und Haare, die Hände mit Henna gefärbt. Ungewöhnlich in dieser Gegend und manchmal ein Indiz dafür, dass man es mit Selbstmordattentätern zu tun habe, meint Dawson. "Sie machen sich zurecht, bevor sie vor Allah treten." Die Männer sind ab jetzt Verdächtige - schon allein deshalb, weil der Toyota keinen Platten hat, das Reserverad noch immer im Kofferraum liegt und im Fahrzeug kein Wagenheber zu finden ist. Sergeant Dawson fragt die Männer nach ihren Namen und funkt sie ins Hauptquartier: Abdul Walhi, Azmet Ahmed und Noor Mohammed. "Vielleicht sind das Typen, die wir suchen, und stehen auf einer Liste."
Eine Stunde später krächzt eine Stimme aus dem Funkgerät, dass die Männer tatsächlich gesucht werden. Man fesselt sie und bringt sie ins Lager zum Verhör und am nächsten Morgen rennt Sergeant Dawson ein bisschen aufrechter als sonst durch das Lager, mit einem gewaltigen Grinsen. Eben kam die Bestätigung. Bei den Dreien handelt es sich um einen Bombenbastler der Taliban. Der andere schmuggelt Selbstmordattentäter und Sprengstoff aus Pakistan nach Helmand und der Dritte ist der Assistent eines örtlichen Talibankommandeurs. Volltreffer! "Auch eine Art, die Kerle loszuwerden", sagt Dawson und beginnt die Kugeln seines Gewehres zu schrubben.
Wer sind die Marines? Mitglieder des United States Marine Corps (USMC) werden als Marines bezeichnet. Das Korps der Marineinfanteristen stellt eine von insgesamt fünf Teilstreitkräften der US-Streitkräfte. 2007 umfasste das Korps rund 186.000 aktive Mitglieder und rund 40.000 Reservisten. Bei einer Marine Expeditionary Unit (MEU), einer Expeditionseinheit, handelt es sich um den kleinsten unabhängig operierenden Verband in der Organisationsstruktur der Marines. Die 24. Marine Expeditionary Unit, die seit Ende April 2008 in der Provinz Helmand in Afghanistan im Einsatz ist, umfasst 2400 Soldaten. Nachdem die Einheit zunächst einen Aufstand niederschlug, ist es jetzt ihre wichtigste Aufgabe, gemeinsam mit britischen Soldaten mittels Patrouillen die Wiederkehr der Widerständler zu verhindern.
Was ist die Isaf? Isaf ist die Abkürzung für International Security Assistance Force, was mit Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe übersetzt werden kann. Die Truppe, die aus Soldaten aus rund 40 Ländern besteht und seit August 2003 unter Führung der Nato steht, soll in Afghanistan für Sicherheit sorgen und den Wiederaufbau des Landes unterstützen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) beschloss die Entsendung der Truppen im Dezember 2001 als Reaktion auf eine Bitte der damals neuen afghanischen Regierung. Die Bundeswehr beteiligt sich seit dem Jahr 2002, mittlerweile mit rund 3500 Soldaten. Insgesamt ist die Truppe auf mehr als 50.000 Soldaten angewachsen. Besonders prekär ist die Sicherheitslage im Süden des Landes. Immer wieder haben vor allem Amerikaner, Briten und Kanadier, die dort die Hauptlast tragen, an die Bundesregierung appelliert, Truppen auch in diese heiß umkämpfte Region zu schicken. Allerdings ist das politisch brisant, weil damit gerechnet werden muss, dass dann auch mehr Soldaten sterben. Insgesamt starben in Afghanistan nach einer Berechnung des US-Fernsehsenders CNN bislang insgesamt 907 Soldaten, davon 567 Amerikaner. Diese Berechnung beinhalten jedoch auch jene Soldaten, die im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) gefallen sind. Insgesamt starben bislang 26 Bundeswehr-Soldaten.