. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
16. Oktober 2004, 10:00 Uhr

Flucht ins Feuer

Hinter einen Wollvorhang versorgen Pflegerinnen drei junge Frauen. Seit kurzem erst gibt es für die Brandopfer Verbände, die beim Wechseln die Wunden nicht wieder aufreißen© Stephanie Sinclair

Der Oberarzt der Station, Mohammed Homayon Azizi, sieht sofort, wenn der Tod mit Frauen wie Fatunah in die Station kommt. "Die sind so ruhig, als wären sie bereits erlöst." 14-Jährige hat er sterben sehen, glücklich, dass sie der Heirat mit einem 60-Jährigen entkommen waren, den der Vater ausgesucht hatte.

Fatunah war Grundschullehrerin, beliebt, engagiert. 13 Jahre war sie verheiratet, ihr Gesicht entstellt von den Schlägen ihres Mannes. Alle Kolleginnen wussten von den Misshandlungen, auch ihre Schwester Hatifah, die in derselben Schule arbeitete. Keine traute sich, Fatunah zu helfen. Der Mann hat das Recht, seine Frau zu züchtigen - fast die Hälfte aller Afghanen stimmen diesem Satz uneingeschränkt zu. Irgendwann konnte Fatunah nicht mehr. Erst versuchte sie, sich mit einem Lampenkabel unter Strom zu setzen. Das misslang. Als sie Petroleum über sich schüttete und mit dem Streichholz entzündete, stellte sie sicher, dass die Flammen ihren ganzen Körper umhüllten. Sie starb in den Armen ihrer Schwester Hatifah, und seitdem spielt auch diese immer wieder mit dem Feuer. Sie kann den Gedanken nicht loswerden, dass der Tod vielleicht doch besser ist als ihr Leben.

Beide Schwestern sind privilegiert aufgewachsen im liberalen Kabul der 70er Jahre. Hatifah war Fernsehjournalistin. Dann kamen die Taliban, verboten das Fernsehen und den Frauen die Arbeit. Hatifahs Familie verarmte. Jetzt lebt sie mit 26 Menschen in einem kleinen Haus in Herat, mit zwei Kindern und ihrem Ehemann in einem Zimmer. Der älteste Schwager bestimmt das Leben der Großfamilie. Hatifah ist die einzige Frau im Haus, die lesen und schreiben kann, und die einzige im Viertel, die zur Arbeit geht.

Ihr Schwager will, dass sie zu Hause bleibt. Seine eigenen zwei Frauen gehen nie allein auf die Straße. Die Ehre der Familie steht auf dem Spiel, sagt er, und dann muss Hatifah wieder argumentieren: dass sie das Geld braucht, dass sie eine ehrbare Frau ist. Hatifahs Mann arbeitet als Agrartechniker bei einer internationalen Hilfsorganisation. Er verteidigt seine Frau gegen die Angriffe seines älteren Bruders. Aber als Jüngerer ist auch er an dessen Weisungen gebunden. Niemand soll dem Familienvorstand widersprechen.

"Ganz Afghanistan muss in eine psychiatrische Klinik", sagt Hatifah. Ihr Mund lacht, ihre Augen tun es nicht. Viele ihrer Kolleginnen denken über Selbstmord nach. Das ist ein offenes Geheimnis. Die Ängste aus sieben Jahren Taliban-Herrschaft sind zu der einen Angst geworden, es werde sich nie etwas ändern.

Hatifah hat in der Taliban-Zeit keinen Fuß vor die Tür gesetzt: "Ich habe jahrelang nur Wäsche gewaschen und mein Leben an mir vorbeiziehen sehen." Jetzt braucht sie jeden Tag mehr Kraft, um trotz aller Widerstände vor die Tür zu gehen. Sie ist dieses Lebens so furchtbar müde.

Hat sie nie daran gedacht, sich Hilfe zu holen? Hat sie nicht gehört von Frauenhäusern, von Psychologinnen? Hatifah sinkt in sich zusammen: "Nein, das geht nicht, dort kann ich nicht hingehen. Mein Mann würde es niemals erlauben. Es geht nicht." Es gibt Frauenhäuser, auch in Herat, aber sie sind für "Gefallene", für Drogenabhängige, Prostituierte. Hier würde keine "anständige" Frau wagen, Hilfe zu suchen. Hier könnte sie keine Nacht verbringen, nicht mal, wenn es ihr Leben rettete. Es würde ihren Ruf zerstören, und was nutzt dann noch das Leben?

Seit Monaten bespricht die deutsche Organisation medica mondiale mit lokalen Gruppen, wie sie Frauen wie Hatifah erreichen können. Vielleicht wäre ein Familienzentrum die Lösung, weil es das Wort "Frauenhaus" vermeidet. Vielleicht ein Frauenpark, wie in Kabul. Hinter dessen Gittern finden Frauen Freiheit für eine Stunde, manchmal zwei. Familien trinken Tee auf den Bänken, Mädchen lassen auf den Schaukeln ihre Burkas fliegen. Keine Frau braucht Angst um ihren Ruf zu haben. Wachen achten am Parkeingang darauf, dass sich kein Mann Eintritt verschafft. Wer in den Frauenpark kommt, wird darum nicht verdächtigt, Unanständiges vorzuhaben. Hier gibt es garantiert keine heimlichen Treffen mit Liebhabern. Die Männer vertrauen dem Park, und deswegen erlauben sie den Frauen, ihn zu besuchen, und die Frauen trauen sich, den Gang dorthin einzufordern.

Das nutzt medica mondiale und unterstützt die Psychologin Dr. Zargona, die in einem kleinen Raum im Verwaltungszentrum des Parks dreimal in der Woche eine Gruppentherapie anbietet. Die Frauen sagen ihren Familien, sie gehen in den Park und kommen zu ihr. Das erste Mal berichten sie über Sorgen und ihre Wut, die sie nirgendwo offen zeigen dürfen. Fast alle leiden unter unerklärlichen Bauchschmerzen, Ohnmachtsanfällen, rasender Migräne. Die Organisation Ärzte für Menschenrechte zeigt in einer Studie, dass sieben von zehn afghanischen Frauen schwer depressiv sind, zwei Drittel leiden unter Angstattacken, jede zehnte hat bereits versucht, sich umzubringen. Dr. Zargona sagt, dass die Todessehnsucht ihrer Patientinnen meist schon nach wenigen Sitzungen schwindet, nach wenigen Stunden gefühlter Freiheit: "Die Atmosphäre im Frauenpark ist gut. Ohne Angst." Acht Psychologinnen gibt es in Kabul, in Herat arbeitet keine einzige.

Die Drohung der Taliban Afghanistan ist der Demokratie einen Schritt näher gerückt. Doch die Fundamentalisten sind stark Angriff auf ein Büro der UN in Herat

Die Wahlen sind gelaufen, die Probleme sind geblieben. In Kabul regiert weiterhin vor allem die Furcht vor den bärtigen Eiferern. Seit Monaten demonstrieren sie mit Angriffen auf Mädchenschulen, Wahlhelfer und Mitarbeiter westlicher Hilfsorganisationen ihre Macht. Ganze Regionen sind wieder zum Feindesland für jeden geworden, den die Taliban zum "Helfer der Ungläubigen" stempeln. Mehr als 1000 Menschen wurden in den vergangenen zwölf Monaten ermordet. Über den Kampf der Regierung gegen die Kriegsherren gerät der Aufbau der Zivilgesellschaft ins Hintertreffen. Noch tragen bis zu 60 000 Milizionäre Waffen, fließen jährlich 2,2 Milliarden Dollar aus dem Drogenhandel in die Taschen der Warlords.

Doch ohne Entwaffnung der Milizen gibt es keine Sicherheit - vor allem nicht für die Frauen. Die Wahlen sollten ein erster Test sein, inwieweit sie erneut am öffentlichen Leben teilnehmen können. Der Anteil der Frauen an den 10,5 Millionen registrierten Wählern betrug landesweit 41 Prozent, in den Südprovinzen allerdings kaum zehn Prozent. Hier herrschen weiter die Taliban. Engagierte Journalistinnen, Menschenrechtlerinnen und Beamtinnen erhalten Morddrohungen. Viele schweigen inzwischen aus Angst um ihre Familie und können sich nicht mehr vorstellen, für die Parlamentswahlen im nächsten Jahr zu kandidieren. Hilfsorganisationen verlangen von der Regierung in Kabul und von den internationalen Truppen im Land ein härteres Vorgehen gegen die Kriegsherren. "Frauen riskieren noch immer ihr Leben, wenn sie öffentlich auftreten", sagt die Menschenrechtsexpertin LaShawn Jefferson von Human Rights Watch. "Ihre Hoffnung, dass auch für sie endlich die grundlegendsten Menschenrechte gelten, haben sich nicht erfüllt."

 
 
MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe