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23. September 2006, 09:30 Uhr

Rekordernte im Narco-Staat

Eine afghanische Anti-Drogen-Einheit fliegt mit US-Spezialisten zu einem Einsatz in den Bergen an der Grenze zu Pakistan© Perry Kretz

"Afghanistan hat eine Narco-Ökonomie", sagt Doug Wankel, Top-Drogenfachmann bei der US-Botschaft in Kabul. Längst übersteigt der Exportwert des Rauschgifts, knapp drei Milliarden Dollar, die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. 70 Prozent der Investitionen haben Drogenbezug, nicht zuletzt der Bauboom in der Hauptstadt Kabul. "Das Land ist bereits ein Narco-Staat", sagt Michael Scheuer, früher bei der CIA Chef für Anti-Drogen-Operationen in Afghanistan. "Entscheidungsträger haben sich abhängig gemacht. Ich wette, dass drei Viertel der Karzai-Regierung irgendwie Geld scheffeln mit Dope. Und wir sehen weg und werden weiter wegsehen."

Leise Vorwürfe an die Bundeswehr

Auch die Bundeswehr hält sich strikt an ihr Mandat, nicht einzuschreiten gegen Drogenkonvois und Drogenbauern. Dies sei Sache der afghanischen Regierung, wiederholte jüngst der neue Verteidigungsminister Franz Josef Jung. "Eure Generäle könnten wirklich mehr machen, als sich an ihr Mandat zu klammern und einfach nur wegzusehen", sagt ein Drogenfachmann der britischen Botschaft. "Die Deutschen agieren hier wie in einem Zimmer mit einem Elefanten, den sie angeblich nicht sehen", sagt ein Rauschgiftexperte der US-Botschaft.

Trotzdem ist die Bundeswehr mehrfach zum Ziel von Anschlägen geworden. Opium- und Heroinnetzwerke bedrohen die Sicherheit und Stabilität gemeinsam mit Terroristen und Aufständischen. "Sie alle haben sich für ein gemeinsames Ziel verbündet", sagt Generalmajor Sayed Kamal Sadaat, Direktor der Anti-Drogen-Polizei: "Destabilisierung." Die Rauschgiftmafia finanziert Terrorgruppen und erkauft sich Schutz von Ministerien, Gouverneuren, Polizeichefs, vor allem in den 34 Provinzen. "Man kann organisierte Kriminalität und Terrorismus nicht mehr trennen", sagt Kevin Whaley, Chef für internationale Operationen bei der DEA in Washington. "Drogenleute und Terroristen teilen sich Milizen, Logistiker und Waffen." Im Süden des Landes herrschen die schwersten Kämpfe seit fünf Jahren. "Sie resultieren aus den Zahlungen von Drogenbaronen an die Taliban und andere Gruppen", sagt der britische NatoGeneral David Richards.

Offener Drogentransport

Unter den Augen der westlichen Militärs können schwer bewaffnete Konvois mit 20 oder 30 Landcruisern weiterhin ungehindert durch die Wüsten im Süden des Landes Richtung iranische und pakistanische Grenze preschen "und in jedem Wagen sind 400 Kilo Heroin", wie ein deutscher Fachmann beschreibt. "Drei Kilometer vorneweg ein schweres Motorrad, der Aufklärer, und dann der ganze Tross. Ab und an bleibt ein Wagen mit Drogen minderer Qualität liegen, den die Polizei dann sicherstellen darf, um Erfolge vorweisen zu können. Natürlich entkommen die Täter." Die Konvois sind bewaffnet mit Granatwerfern und MGs und nicht selten bemannt mit Profis aus der russischen oder israelischen organisierten Kriminalität. Selbst DEA-Agenten trauen sich nicht an sie heran - zumal US-Militärs ihnen meist logistische Hilfe versagen. Monatelang warteten DEA-Spezialisten vergebens auf die ersten beiden eigenen Helikopter, um flexibler operieren zu können.

Dabei sind westliche Sicherheitsbehörden bestens informiert über die Drogenbarone, ihre Groß- und Zwischenhändler, Transportrouten und Abnehmer in den Nachbarstaaten. "Afghanistan ist Kriegsgebiet, da sind genügend Überwachungssatelliten am Himmel, um jeden Konvoi und jedes rauchende Heroinlabor zu orten", sagt ein Insider. Die Top-Drogenbosse würden rund um die Uhr lokalisiert. "Aber es ist einfach zu viel. Das Problem ist zu groß geworden."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2006

 
 
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