Von der Welt draußen, von der geschundenen Hauptstadt Kabul, kriegen die Soldaten nur wenig mit. 20 Jahre Bürgerkrieg haben ihre Spuren hinterlassen. Zwar verbergen sich im Villenviertel hinter meterhohen Mauern englische Rasenflächen und feine Häuser. Doch in ihrer Mitte liegen auch sieben Jahre nach dem Einmarsch des Westens ganze Straßenzüge in Trümmern. Mitten in diesem Chaos steht das Serena, ein Fünf-Sterne-Hotel wie eine Festung, in dem die Stühle im Konferenzraum mit weißen Tüchern überzogen sind und die Seife auf der Toilette aus Großbritannien importiert wird. Craddock sitzt auf einem der Stühle. Gerade hat er erfahren, dass die Taliban ihre Strategie geändert haben. Mal wieder. Erst verlegten sie sich auf Sprengfallen und Selbstmordattentate. Jetzt greifen sie auch Wiederaufbauprojekte an. "Die Annahme, wo eine Straße ist, ist der Taliban nicht mehr, gilt nicht mehr", sagt Craddock.
Doch mehr können seine Soldaten nicht mehr leisten. Und die Nato-Mitgliedsstaaten stellen nur ungern weitere Truppen ab. Bisher hat Craddock ja nicht einmal das zur Verfügung, was ihm bei ihrem Gipfel im April feierlich versprochen wurde. "In Bukarest haben die Staats- und Regierungschefs gesagt: Hey, wahrlich, wir stehen zu unseren Verpflichtungen in der Nato", poltert Craddock. Jetzt fehlen ihm 19 von 72 Ausbildungseinheiten für die afghanische Armee, die er braucht. Er hat Briefe geschrieben und telefoniert und allen Verteidigungsministern und allen Oberkommandierenden und allen Außenministern der 26 Nato-Mitgliedsstaaten gesagt: Er brauche Ausbilder, Truppen und Material. "Die Militärs sind aufgeschlossen, aber es gibt keinen politischen Willen, die Entscheidung zu treffen", sagt Craddock. "Das ist frustrierend." #
Weit entfernt vom klimatisierten Hotel, in der Wüste von Helmand, liegt so viel Staub in der Luft, dass einem die Zunge schon nach ein paar Atemzügen am Gaumen klebt. Das Thermometer zeigt 40 Grad, das ist wenig für die Gegend ein paar Kilometer von Garmsir am Helmand-Fluss. Sonst ist es hier auch gern einmal 50 Grad heiß. Zelte stehen im Staub, drumherum ein paar Hundert Meter mit Sand gefüllte Kunststoffbarrieren, Stacheldraht - Camp Barbe Dwyre ist der äußerste Punkt, an den die Truppen der Isaf vorgestoßen sind. Dahinter liegen Wüste und Mohnfelder: Taliban-Land, bis nach Quetta in Pakistan. Am Horizont wirbelt ein Sandsturm. Ein amerikanisches Marine-Platoon liegt unter ein paar aufgespannten Planen im Schatten. Niemand erhebt sich, als Craddock kommt. Es ist Krieg, nicht Parade. "Wie lange sind Sie noch hier?", fragt Craddock. "Bis Sie uns sagen, dass wir wieder gehen können, Sir", antwortet eine junge Soldatin. Alle lachen. Es ist ein erhebender Moment für Craddock. Die Marines haben Garmsir den Taliban entrissen. 35 Tage Schlacht mit über 1000 Mann; sie haben mehr als 400 Taliban getötet. Jetzt haben sie das Dorf eingenommen. Mit mehr Soldaten könnten die Truppen auch in Südafghanistan gewinnen. "Thank you, good work", sagt Craddock. Es ist auch ein ernüchternder Moment. "Ich glaube, entscheidend dafür, ob man gewinnt oder nicht, ist zu wissen, ob die Taliban einem Ort eine strategische Bedeutung beimessen", sagt der Marine Kent Hayes. "Das ist nicht so einfach zu beurteilen." Für ihn ist klar, dass der Westen nur mit sehr viel mehr Soldaten in Südafghanistan gewinnen kann. "Man braucht Masse, wie wir. Man muss ein Gebiet überwältigen, so kann man sich nach Süden am Helmand-Fluss entlang vorarbeiten."
Soldaten für den gefährlichen Süden Afghanistans will kaum ein Staat bereitstellen. Frankreich schreckt davor zurück. Die Bundesregierung verbittet sich den Einsatz der Bundeswehr außerhalb des friedlichen Nordens. US-Verteidigungsminister Robert Gates sagt immerhin, er untersuche "dringlichst" die Entsendung von mehr Truppen. Dafür müsste er Soldaten aus dem Irak abziehen. Auch US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat diese Linie zuletzt unterstützt.
John Craddock macht so lange das, was ihm für den Moment übrig bleibt. Er verbreitet Optimismus: "Die Lage ist nicht düster", sagt er.