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28. Juni 2006, 20:59 Uhr

"Damit müssen Sie jetzt leben"

Der neue deutsche Reisepass enthält biometrische Daten© Martin Oeser/DDP

Landung am Newark Liberty International Airport

An diesem Tag steht der Test an. Ein paar Stunden nach dem Ende des Clooney-Films, um 11.40 Uhr Ortszeit, lande ich an jenem Flughafen in New Jersey, der nunmehr Newark Liberty International Airport heißt. New York ist nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Die Terroristen haben auch diesen Flughafen gebrandmarkt. Am 11. September 2001, um 8.42 Uhr, starteten sie von hier aus mit United Airlines Flug Nummer 93 - jenem Flugzeug, das später dank des heroischen Widerstands von Crew und Passagieren nicht in der Hauptstadt Washington niederging, sondern auf ein offenes Feld in Shanksville in Pennsylvania stürzte.

Bevor ich in Newark nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt habe, sind die US-Behörden bereits gut über mich informiert. Wie alle anderen Fluglinien auch muss "Continental" vor jedem Abflug aus Europa einen Datensatz mit insgesamt 34 Datensätzen zu jedem Passagier übermitteln: Wie heißt der Gast? Wann wurde er geboren? Wo wohnt er? Wie lautet seine Kreditkartennummer? Was isst er auf dem Flug? So was. Diese Daten werden in das so genannte Advanced Passenger Information System, kurz APIS, eingespeist. Dieses gleicht die Namen mit Listen von Terroristen ab - und informiert gegebenenfalls die Grenzpolizei, die wiederum dem Heimatschutzministerium untersteht. Zwar hat der Europäische Gerichtshof den Vertrag zwischen den USA und der Europäische Union, der diesen Datenaustausch ermöglicht, kürzlich gekippt. Aber noch werden die Daten überliefert. Weil der Gerichtshof das Abkommen nur aus formalen Gründen kassiert hat, ist auch unklar, ob sich das jemals ändern wird. Die US-Behörden drohen damit, Fluglinien die Landeerlaubnis zu entziehen, wenn sie die Passagierdaten verweigern.

"US Customs welcomes you to the United States"

Weil die US-Behörden so umfassend informiert sind, funktioniert die Abfertigung der meisten Passagiere nach deren Ankunft in Newark schnell und reibungslos Es gibt ausreichend Schalter, an denen die Reisepässe kontrolliert werden. Die uniformierten Beamten sind freundlich. "US Customs and Border Control welcomes you to the United States" steht auf einem großen Schild geschrieben, das über dem Durchgang zur Gepäckausgabe hängt. Fast alle Passagiere meines Flugs können sich schnell auf den Weg machen, ihr Gepäck abholen oder zu ihrem Anschlussflug eilen.

Ich muss mich gedulden. Fast entschuldigend sagt mein Schalterbeamter, ich müsse mich eines"Second Screenings" unterziehen. Ich habe zwar ein Visum, aber der Vermerk in meiner Personalakte wiege schwerer. Er könne mich nicht durchlassen. Sorry. Wann mein Anschlussflug abfliege, will er wissen. Ich habe Glück, sagt er, heute sei ein ruhiger Tag. Da werde es nicht lange dauern. 30 Sekunden vielleicht, wenn ich mich beeilen würde, vor den anderen einen Stock tiefer zu gehen. Meinen Reisepass (nagelneu, biometrisch) steckt er in eine Klarsichthülle, die er mir in die Hand drückt. "Have a nice trip", sagt er. Er meint es gut. Ein Stock tiefer trennt eine Glaswand die Gepäckausgabe von einem Wartebereich mit blauen Stuhlreihen.

"Hier wird nicht telefoniert"

Es gibt drei Schalter aus gebürstetem Stahl. Nur an einem sitzt ein Beamter in Uniform. Noch haben sie keinen anderen Touristen rausgezogen. Ich habe Glück. Wortlos nimmt der Mann meine Klarsichthülle. Ich solle warten, sagt er. Langsam kommen weitere Passagiere. Drei, vier Frauen sind es, ein Mann. Als ich mein Mobiltelefon heraushole, um eine SMS zu verschicken, wird der Schalterbeamte barsch. "Hier wird nicht telefoniert", herrscht er mich an. "Stecken sie das Telefon weg. Stecken Sie es weg." Zehn Minuten vergehen, der Uniformierte guckt konzentriert in seinen Computer. Ein paar gelangweilte Kollegen scherzen leise. Hinter der Glaswand knallen Koffer auf die Förderbänder. Ich werde nervös, ich muss meinen Anschlussflug erreichen, nach Boston. Dann ruft der Beamte meinen Namen. "Sie können durch", sagt er. "Holen Sie ihr Gepäck ab und gehen Sie durch den Zoll." Ob das denn jetzt immer so weiter gehe mit diesem "Second Screening", frage ich ihn. "Ja," sagt er unumwunden. "Sie müssen damit rechnen, dass sie bei jeder Einreise in die USA noch einmal überprüft werden." Was ich denn dagegen tun könne, frage ich. Es handele sich um einen falschen Eintrag. Der Mann mit der blauen Uniform zuckt mit den Achseln. An wen ich mich wenden könne, setze ich nach. Er habe keinen Zugriff auf die Datei, sagt er. Er führe nur Anweisungen aus. Es gebe aber eine Adresse in London, Kentucky. An die könne ich schreiben, wenn ich wolle. Das habe ich schon getan, sage ich. Vergeblich. "Nun ja," sagt der Mann. Er lacht. Nicht höhnisch, eher hilflos, als ob er mir die Nachricht einer unheilbaren Krankheit überbringen müsse. "Damit müssen Sie jetzt wohl leben. Ich habe jedenfalls noch niemanden kennen gelernt, der seinen Eintrag wieder los geworden wäre."

In der Glaswand ist eine Tür angebracht. Schon bevor ich hindurchgehe, sehe ich meinen Koffer. Auf dem Rollband dreht er Runden.

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