
Wird wie ein Messias gefeirt: Barack Obama© AP
Es scheint, als will sich das Land nach acht dunklen Jahren nun einen entscheidenden Ruck geben.
Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung stimmten für Obama - die absolute Mehrheit der Wähler hatte bei den Demokraten zuletzt Jimmy Carter, und das ist dreißig Jahre her. Er hat satte demokratische Mehrheiten im Kongress und im Senat, und er hat genug Geld, dem Druck von Lobbyisten aller Art zu widerstehen.
Barack Obama hat das Mandat für eine echte Zeitenwende. Es ist eine gewaltige Chance. Und welch eine große Last. Denn die Erwartungen sind hoch, vielleicht zu hoch. Jetzt liegt es an ihm. Welche Prioritäten setzt er? Kann er es schaffen, dem Land sein Selbstvertrauen zurückzugeben? Könnte Barack Obama gar ein großer Präsident werden?
In den vergangenen Wochen schien es manchmal, als könne er es kaum erwarten. Als sei er seiner immergleichen, exakt 30 Minuten dauernden Wahlkampfrede überdrüssig, der jubelnden Massen müde. Manchmal wirkte er, als sei er längst woanders. Als wisse er, dass all das Gerede von dieser historischen Wahl schon bald vergessen sein wird - denn wirklich Geschichte wird er erst schreiben, wenn er etwas vollbracht hat im Weißen Haus. Und er will schnell beginnen. Am besten schon heute.
Er tritt ein schweres Erbe an. Katastrophal ist die Hinterlassenschaft des George W. Bush. Zwei Kriege, die globale Finanzkatastrophe, das dramatische Haushaltsdefizit von bis zu einer Billion Dollar, die rasch steigende Arbeitslosigkeit, Kreditkrise und Rezession.
Seit fünf Monaten arbeitet sein "transition team" unter Leitung des klugen John Podesta, einst Stabschef von Bill Clinton. Es bereitet ihn präzise auf die Amtsübernahme vor. Das Team fasste die dringendsten Probleme in einem "briefing book" zusammen - und alleine das umfasst schon 50 Kapitel. Schon führte er erste Gespräche mit Harry Reid, dem Mehrheitsführer im Senat. Hakte dabei eine ganze Themenliste ab, die er auf einem Zettel notiert hatte. Noch in den kommenden beiden Wochen könnte der US-Kongress ein Hilfspaket über 100 Milliarden Dollar verabschieden: die Verlängerung der Arbeitslosenunterstützung, die Unterstützung für Kommunen in Finanznot, Winterhilfe für Arme. Noch in diesem Monat will er die Namen seines Außen- und seines Finanzministers bekanntgeben.
Er tritt so ganz anders auf als Bill Clinton, der einst unvorbereitet ins Weiße Haus stolperte. "Er muss das Chaos umarmen", sagt John Panetta, einst selbst Stabschef im Weißen Haus. "Und die schmerzhaften Entscheidungen sollte er zuerst treffen." Schon am Mittwoch wollte er zwei weitere enge Vertraute zu Leitern seines Übergangsteams ernennen, darunter auch seine langjährige Förderin Valerie Jarrett. Klar scheint auch, dass Rahm Emanuel, Politfreund aus Chicago und eisenharter Fraktionsführer im US-Kongress, den Posten des Stabschefs antreten wird. Und fast jeden Tag telefoniert Obama jetzt mit Finanzminister Paulson.
Er will eine Politik der Mitte propagieren, Kompromisse mit den Republikanern, eine breite Machtbasis anstreben - auch wenn es ihm Ärger mit den Linken in der demokratischen Fraktion einbringen wird. Denn die fordern die rasche Einlösung seiner Wahlversprechen, vor allem die versprochenen Steuersenkungen für die Mittelklasse und eine Krankenversicherung für alle.
Seine Fans sagen, Obama ist pragmatisch. Seine Kritiker lästern, der Mann sei nur opportunistisch. Und niemand weiß, wie er unter Druck reagiert. Ob er harte Entscheidungen auch wirklich durchsetzt. Doch mit ihm wird ein neuer Politikstil ins Weiße Haus einkehren. Sachlich, pragmatisch, kompetent. Experten werden gehört, Diskussion ist Pflicht. Entschieden wird mit dem Kopf - nicht durch den Bauch, so wie sich George W. Bush stets rühmte, es zu machen.
Schon macht in Washington ein Wort die Runde, mit dem Präsident Franklin D. Roosevelt vor 76 Jahren eine Zeitenwende in den USA einläutete: der New Deal. Ein staatliches Konjunkturprogramm, mit dem Millionen Arbeitsplätze geschaffen wurden. Ein Programm, mit dem der Wohlstand etwas gerechter verteilt werden soll, wie Roosevelt damals sagte. Der New Deal begründete Amerikas Wiederaufstieg nach der Weltwirtschaftskrise. Und schon spekuliert man, dass Barack Obama zu seinem Amtsantritt einen "New Deal" verkünden wird, ein staatlich finanziertes Programm zur Verbesserung der maroden Infrastruktur, ein gigantisches Programm auch zur Förderung einer neuer Energiewirtschaft. All das wird Hunderte Milliarden Dollar und harte politische Kämpfe kosten.
Aber der Mann scheint fest entschlossen, Geschichte zu schreiben. Vor knapp zwei Jahren sagte Barack Obama in einem Interview einmal: "Es reicht nicht, nur Präsident zu sein zu wollen. Nein, es geht vielmehr darum, ein großer Präsident zu sein."
Eins muss man Barack Obama lassen: Er weiß genau, was er will.
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