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29. Januar 2010, 19:12 Uhr

Blair trotzt den Spießruten

"Ich wollte dieses Risiko nicht eingehen"

"Es ist völlig legitim, dieses Urteil, das ich traf, zu kritisieren", sagt Blair, kaum eine Stunde nach Beginn der Befragung. Seine Hände unterstreichen die Vehemenz seiner Aussage, diese Sätze will er der Welt mitteilen: "Es geht hier nicht um Lügen, um Täuschung oder die Vorspiegelung falscher Tatsachen. Es geht um eine Entscheidung. Angesichts der Millionen Menschen, die Saddam Hussein bereits getötet hatte, angesichts von zehn Jahren, in denen er die UN an der Nase herumführte - konnte man all dies weiter durchgehen lassen? Das war meine Entscheidung, und ich entschied, dass ich dieses Risiko nicht eingehen würde."

Alle weiteren Antworten Blairs in den folgenden sechs Stunden basieren auf diesem Credo: Saddam war der Böse, der Unberechenbare. Der Druck auf Saddam Hussein musste zunehmen, sonst wäre das Risiko für alle untragbar geworden. Blair wehrt sich gegen Vorwürfe, er habe bewusst in den britischen Dossiers im Vorfeld des Krieges Lügen verbreitet. Ja, die Geheimdienst-Informationen haben sich als falsch herausgestellt, aber nein, niemand habe bewusst falsche Fakten eingefügt. Ja, offensichtlich sei die Angabe, dass Saddam Waffen innerhalb von 45 Minuten abfeuern könne von weiten Teilen der Medien falsch verstanden worden. Diese Aussage bezog sich nicht auf Massenvernichtungswaffen, sondern auf Artillerie-Geschütze der Armee. Aber nein, dies sei eben nur ein Missverständnis gewesen und keine bewusste Täuschung.

Blairs eigene Wahrheit

Blair flutschte der Kommission immer wieder wie ein Fisch aus den Fingern, wand sich in seinen Antworten und blieb doch in einem stets fest und sicher: Es war seine Überzeugung, dass Saddam Hussein eine Gefahr darstellte. Es war sein Ziel, ihn unschädlich zu machen. Und nein, das hatte er nicht von Anfang an mit militärischer Gewalt vor, und nein, er habe Bush nicht schon im April 2002 auf seiner texanischen Ranch einen Blutschwur geleistet, ihm in den Krieg zu folgen. Aber eines sei klar: Er habe damals an der Seite der Amerikaner gestanden, und das habe er auch Bush gesagt, auch schon 2002.

Sein Biograph Anthony Seldon schreibt, dass Blair dieser Glaube, an der Seite von Bush stehen zu müssen, zum Verhängnis wurde. Damit verlor er seine Verhandlungsmacht, seine Unterstützung wurde für die Amerikaner zur Selbstverständlichkeit. Er verspielte damit jeden Einfluss auf den Ablauf der Geschehnisse. "Mr. Blair hat heute die Chance, uns entweder noch einmal zu erzählen, wie ehrlich und voller Grundsätze er ist, und wie er alles nach bestem Wissen und Gewissen getan hat. Oder er kann uns die Wahrheit erzählen."

Blair hat sich für seine eigene Wahrheit entschieden. Und die sagt, dass er alles richtig getan habe. "Was wäre denn, wenn Saddam heute, im Jahre 2010, noch an der Macht wäre?", fragte Blair die Welt. Wäre das besser, fragt er. Und sagt: Hatte ich nicht Recht?

Blair sprach nicht über die Opfer

Die Angehörigen getöteter Soldaten, die hinter Blair auf den wenigen Zuhörerstühlen saßen, sagen, dass Blair ihnen nicht in die Augen geschaut habe, als er in den Raum kam. Er sprach über die legalen Implikationen internationalen Rechts, die diplomatischen Verwicklungen zwischen Frankreichs Präsident Chirac, Russlands Präsident Putin und den Vereinigten Staaten, über das Chaos, in das der Irak nach dem angeblichen Sieg über Saddam Hussein verfiel. Aber er sprach nicht über die Opfer.

Sarah Chapman hat ihren Bruder vor fast genau fünf Jahren im Irak verloren, Sergeant Robert O'Connor starb in der Nähe von Basra. Sie sagt, Blair habe ihnen noch nicht einmal fünfzehn Minuten seiner Zeit eingeräumt im Anschluss an die Anhörung. Briefe mit der Bitte um ein Treffen an sein Büro blieben unbeantwortet. "Das hier ist die Tony-Blair-Show", sagt sie, und dass sie sich nicht viel von dem Kommissionsbericht erwarte. Der Bericht soll beantworten, warum Großbritannien in den Krieg zog und wird nicht vor Anfang nächsten Jahres erscheinen. Wer heute Tony Blair zugehört hat, kennt zumindest seine Antwort: Weil er glaubte, dass es richtig war.

Von Cornelia Fuchs, London
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