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13. September 2008, 10:17 Uhr

Aufbauhilfe? Nein, Krieg!

Verteidigungsminister Jung am Montag in Zweibrücken bei der Trauerfeier für den am 1. September getöteten Hauptfeldwebel© Ronald Wittek/DPA

So schildern es zumindest übereinstimmend die afghanische Polizei, Ismail selbst und Gul Mohammed, ein Bauer, dessen Farm neben dem Checkpoint liegt: "Ich kann mir keine Mauer um mein Feld leisten, so konnte ich sehen, was geschah. Als die Deutschen anfingen zu schießen, habe ich mich geduckt. Ich hatte Angst, dass die auch noch auf mich schießen würden, habe dann das MG-Feuer gehört und auch die Schreie von Kindern. Es war furchtbar. Und dann habe ich gesehen, wie die Deutschen um den zerschossenen Wagen herumstanden. Einer von ihnen brach in Tränen aus."

Es wäre wohl nie so weit gekommen, hätte es nicht die Eskalation der vergangenen Wochen gegeben. Nicht die Deutschen haben plötzlich den Krieg erklärt. Er kommt zu ihnen, aus unterschiedlichsten Gründen: Afghanen aller politischen Lager und Ethnien inklusive Präsident Hamid Karzai sind verbittert darüber, dass die US-Streitkräfte im Land offensichtlich weiterhin ihren ganz eigenen Krieg führen und alle paar Wochen Zivilisten bombardieren; im Juli eine Hochzeitsgesellschaft in Ostafghanistan, am 21. August eine Gedenkfeier in Westafghanistan, jedes Mal gab es Dutzende von Toten. Von denen das US-Militär behauptet, es habe sich meistens um Taliban gehandelt. Bis überlebende Zeugen eine gänzlich andere Version offenbaren: dass es friedliche Zusammenkünfte Unbewaffneter waren. Dass Beteiligte einer der zahllosen innerafghanischen Fehden die Opfer beim US-Militär angeschwärzt hätten. Ein Muster, das sich seit 2001 vielfach wiederholt hat. Es überrascht nicht, dass Taliban Unwahrheiten verbreiten und ihre Angriffe oft aus dem Schutz der Zivilbevölkerung unternehmen. Aber auch das US-Militär versucht immer wieder, irrtümliche Bombardements zu vertuschen.

Verständigungsprobleme

Während diese Angriffe die allgemeine Feindseligkeit verstärken, trifft eine andere Bedrohung die Deutschen direkt: Seit im Nachbarland Pakistan die schlingernde Regierung dort de facto ein Waffenstillstandsabkommen mit den Taliban geschlossen hat, strömen mehr Kämpfer denn je über die Grenze nach Afghanistan: "Es kommen Paschtunen aus dem Grenzgebiet, aber auch Usbeken, Araber, sogar Punjabis aus Ostpakistan", beschreibt ein deutscher Nachrichtendienstler in Afghanistan die Lage. "Die brauchen erst mal Dolmetscher, um sich mit den afghanischen Taliban überhaupt unterhalten zu können." Burhan Younus, ein afghanischer Journalist mit guten Taliban-Kontakten, bestätigt den Zustrom: "Irak ist out. Auf den Dschihad-Websites heißt das neue Ziel: Afghanistan." Und damit kommen auch immer mehr Selbstmordattentäter in den einst ruhigen Norden. Darunter selbst Kinder und Jugendliche, Anfang August ein 15-Jähriger namens Zikirullah, der sich afghanischen Polizisten ergab und erzählte, von Taliban aus Pakistan instruiert worden zu sein.

Dass die Taliban im Norden bislang keinen wirklichen Rückhalt hatten, löst sich langsam auf in der Wut über die ausländischen Streitkräfte. Zumal die Bundeswehr sich bei der Aufklärung der tödlichen Schüsse vom Donnerstag bislang zurückhaltend gezeigt hat. Während noch am Montag auf ihrer Website die dürre Nachricht stand, Spuren am Tatort würden "die Vermutung nahelegen, dass die Schüsse auf das Fahrzeug aus deutschen Waffen abgegeben wurden", wussten es die örtlichen Vertreter in Kundus schon am Freitagmorgen erheblich genauer. Zu dem Zeitpunkt, erinnert sich Ismail, der verwundete Fahrer, sei eine Abordnung der Bundeswehr zu ihm ins Krankenhaus gekommen: "Die haben auf mich eingeredet, ich möge aussagen, dass die Afghanen geschossen hätten. Dann kamen Leute von der Polizei und beschworen mich, ich solle nicht lügen. Dann kamen noch mal die Deutschen. Bis ich nur noch aus diesem Krankenhaus wegwollte und mir die Polizisten geholfen haben, dass ich gehen durfte." Die Bundeswehr will sich zu den laufenden Ermittlungen nicht äußern. Tatsächlich wurde Ismail bereits am Samstag trotz seiner Verletzungen entlassen und zurück in sein Dorf gebracht, wo das stern-Team ihn traf.

"Nicht anders als die Amerikaner"

Am vergangenen Wochenende hat sich die Trauergemeinde zu Ehren der erschossenen Mutter und ihrer Kinder in Khanabad versammelt. "Was ist das für ein Leben, wenn wir nicht einmal mehr zu einer Hochzeit gehen können", sagt wütend ihr Bruder Akbar, der Bräutigam jener so tragisch geendeten Feier: "Früher dachte ich, die Deutschen wollten Terroristen bekämpfen. Aber jetzt glaube ich, dass sie eher neue Aufständische schaffen. Die sind auch nicht anders als die Amerikaner!" Muhammad Amin, 70, Großvater der Braut, nickt: "Wir wollten eine schöne Feier haben. Aber die Ausländer haben daraus einen Albtraum gemacht. Wollen sie uns alle töten?" Beifälliges Murmeln, einer sagt leise: "Wenn die damit nicht aufhören, werden wir uns den Taliban anschließen!"

Am Sonntagvormittag hat es den nächsten Sprengstoffanschlag auf eine Bundeswehrpatrouille gegeben, nicht weit von Khanabad entfernt, auf der Straße von Kundus nach Osten. Verletzt wurde niemand, "aber die Angst", sagt ein Soldat, "die Angst fährt jetzt immer mit".

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 37/2008

 
Mitarbeit: Yaqub Ibrahimi
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