Im Sommer 2001 war Condoleezza Rice die erste leitende US-Beamtin, die sich privat mit Russlands Präsident Vladimir Putin in Moskau traf, sie durfte ihn sogar übers Wochenende auf seine Datscha begleiten. Sie hat Einfluss, doch sie macht niemals Andeutungen, dass dieser oder jener Erfolg eigentlich ihr Werk sei - oder gar, dass der Präsident ohne sie auf verlorenem Posten stünde. Öfter als andere Regierungsvertreter beginnt sie ihre Sätze in Talkshows mit der Standardformel: "Der Präsident glaubt, dass ..." Selbst im kleinen Kreis drückt sie sich, wenn das Gespräch auf Politik kommt, kaum anders aus als im Fernsehen. Außer dass sie Freunden gegenüber ihre Verehrung für den Präsidenten noch offener zeigt.
Condoleezza Rice wurde 1954 in Birmingham, Alabama, geboren. Der Name war eine Idee ihrer Mutter - nach der italienischen Musiknotation "con dolcezza" (mit Süße). 1963, als ihre Heimatstadt zum Schlachtfeld der Bürgerrechtsbewegung wurde, war sie gerade acht Jahre alt.
Sie kannte zwei der vier Mädchen, die beim Bombenanschlag auf die Sixteenth Street Baptist Church im Spätsommer des Jahres ums Leben kamen. Aber sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen alle Versuche, sie für die liberale weiße Bürgerrechtsbewegung zu vereinnahmen. Einige Schwarze mögen zwar "unter der Hitze der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung" geschmort haben, wie Martin Luther King jr. es in seiner "I Have a Dream"-Rede formulierte, bis sie durch ihre Massenproteste endlich Gerechtigkeit und Chancengleichheit durchsetzen konnten.
Aber nicht die Familie Rice. Das waren "sehr fähige, hoch qualifizierte Leute, die an ihre Kinder höchste Ansprüche stellten", sagt Colin Powell, der in Birmingham in eine Familie mit ähnlichen Grundsätzen einheiratete: "Rassentrennung gibt es nun mal, so ist das eben. Lass dir bloß nicht einfallen, das für ein Problem zu halten. Wir werden alles nur Erdenkliche tun, damit du die gleichen Chancen bekommst wie andere Kinder." Condoleezza nahm außer Klavier- auch Flöten- und Ballettstunden, bekam Französisch-, Eiskunstlauf- und Geigenunterricht. Sie übersprang zwei Schulklassen. Besonders streng waren ihre Eltern, wenn es um Kleidung und Manieren ging. Rice erzählt oft, dass ihre Eltern sagten, sie könne Präsidentin werden - zu einer Zeit, als die meisten Schwarzen in den Südstaaten noch nicht einmal wählen durften. In einer Variante dieser Geschichte reist der Vater mit der achtjährigen Condi nach Washington. Als sie zum Weißen Haus kommen, sagt sie: "Eines Tages werde ich in dem Haus sein." Ihre Stärken waren Disziplin, Entschlossenheit und der Glaube an sich selbst. Vorsicht, Zweifel und Zaudern sind für sie Fremdwörter. Wenn sie sich je unsicher war, dann hat sie das mit ihrem eisernen Willen weggezaubert.
Condoleezza ist Einzelkind, beide Eltern waren über 30, als sie zur Welt kam. Sie stammt zum Teil von weißen Sklavenhaltern ab. An sich eine komplizierte Angelegenheit, aber nichts, wofür man sich schämen oder worüber man sich ärgern müsste. Oft führten Abhängigkeits- auch zu Liebesverhältnissen. Nicht ohne Stolz erwähnte Rice mir gegenüber eine längst verstorbene Verwandte, eine Sklavin, die sich selbst das Lesen beibrachte, und eine andere, die trotz ihrer Armut 90 Dollar ausgab, zu Zeiten der Depression ein Vermögen - "für sieben ledergebundene Bücher mit Goldprägung ..., die Werke von Dumas und die Werke von Shakespeare".
Es gibt einige Geschichten darüber, wie Rice auf Rassismus reagiert. Zum Beispiel, als einer ihrer Professoren andeutete, Schwarze seien genetisch bedingt weniger intelligent als Weiße. "Ich meldete mich", verriet sie in einem Interview, "und sagte: "Sie sollten das nicht als Tatsache darstellen, denn es gibt reichlich Beweise für das Gegenteil. Ich für mein Teil spreche Französisch, ich spiele Bach, ich bin besser in Ihrer Kultur als Sie selbst."" In einem Juweliergeschäft wies sie eine Verkäuferin zurecht, die ihr nur Modeschmuck zeigen wollte: "Dass das klar ist: Sie stehen hinter dem Ladentisch und arbeiten für sechs Dollar die Stunde. Ich stehe auf dieser Seite und will den guten Schmuck sehen, weil ich wesentlich mehr verdiene."
Der Zufall wollte es, dass sie als Studentin zu Josef Korbel kam, einem tschechischen Flüchtling und Gelehrten, dessen Tochter Madeleine Albright später US-Außenministerin wurde. Korbels Seminar über internationale Beziehungen war der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben. "Ich weiß noch, dass mir eine Vorlesung wie eine Erleuchtung vorkam, die Vorlesung, die jeder Sowjetexperte über Josef Stalin hält. In den 20er Jahren schwenkte er erst nach rechts und isolierte die Linke, dann nach links und isolierte die Rechte, bevor er später wieder nach rechts zurückschwenkte - und plötzlich keine Konkurrenten mehr hatte. Ich fand diese Art von Politik faszinierend. Das Verhältnis von Politik und Moral hat mich von jeher besonders interessiert."
Rice hatte sich auf der Universität schon einen Namen gemacht, als sie 1981 Mitglied im Stanford Center for International Security and Arms Control wurde. Das Zentrum hatte nie zuvor weibliche Mitglieder zugelassen, geschweige denn eine Schwarze. 1987 erhielt sie eine Dauerstellung als Professorin. 1989 wurde sie von Scowcroft in den Nationalen Sicherheitsrat geholt, genau rechtzeitig, um die Auflösung des Warschauer Paktes und den Fall der Berliner Mauer mitzuerleben.
Präsident Jimmy Carter, sagt sie, sei schuld gewesen, dass sie 1982 die Partei wechselte. Genauer: seine Bemerkung, als er sich 1980 schockiert zeigte über die sowjetische Invasion in Afghanistan. Rice, eine aufmerksame Schülerin von Josef Korbel, konnte nicht verstehen, dass irgendwer darüber schockiert sein könnte.