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8. Mai 2008, 11:13 Uhr

"Echte Autonomie ist der einzige Weg"

Nach dem Interview: Der Dalai Lama mit Fotograf Jay Ullal (l.) und stern.de-Reporter Teja Fiedler (r.) in Dharamsala© Jay Ullal

Unterstützt die Mehrheit ihrer Landsleute in Tibet ihre politische Linie?

Ich meine schon. Natürlich gibt es Leute, die Unabhängigkeit für Tibet fordern. Doch viele Menschen, vor allem die mit Bildung und Einsicht, stehen voll hinter meinen Weg, ich glaube, es ist die Mehrheit. Das hat auch mit Intelligenz zu tun. Manche Menschen verstehen gar nicht, was meine Politik des Mittelwegs, des Kompromisses, bedeutet. Es ist halt viel einfacher „Unabhängigkeit! Unabhängigkeit!“ zu rufen.

Verlassen wir Tibet. Sie sind ab kommender Woche in Deutschland. Alle Ihre Auftritte sind bereits ausverkauft. Sie sind, erlauben Sie mir die Bemerkung, seit dem Hinscheiden von Papst Johannes Paul II. der Pop-Star der Spiritualität schlechthin. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?

Ich weiß nicht, warum das so ist, und es ist mir auch nicht wichtig. Eines vielleicht, überall wo ich hingehe, behandle ich die Menschen wie Brüder und Schwestern. Ich baue nie Schranken auf, ich fühle mich nicht wie ein Fremder, versuche immer geradeheraus und ehrlich zu sein. Wenn man sich von den anderen distanziert, gehen auch sie auf Distanz. Ich mache das nie, ich mische mich unter sie, benehme mich wie einer von ihnen. Wenn ich eine Heiligkeit bin, dann sind zum Beispiel Sie auch eine. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns, wir wurden beide als Menschen geboren.

Der Unterschied ist: Sie sind der Dalai Lama.

Und als Dalai Lama, als buddhistischer Führer, habe ich nie versucht, anderen meine Lehre aufzudrängen. Alle Religionen haben das gleiche Potenzial, davon bin ich tief überzeugt, alle können der Menschheit große Dienste erweisen. Auch wegen dieser Einstellung werde ich von vielen Christen, Juden und in jüngster Zeit zunehmend auch von Muslimen respektiert. Zu Menschen ohne Bekenntnis sage ich nie, man muss einer Religion angehören. Man kann auch ohne Religion ein sehr netter Mensch sein.

Der Westen hat eine Sinnkrise. Die traditionellen Religionen haben dramatisch an Einfluss und Anhängern eingebüßt. Andererseits fühlen sich die Menschen in einer Welt von Materialismus, Stress und Unsicherheit verloren. Die Leute sehnen sich nach Werten, nach spirituellem Rat. Treffen Sie mit Ihren Lehren da einen Nerv?

Alle meine öffentlichen Auftritte befassen sich vor allem mit säkularen, diesseitigen Werten. Würde ich immer und überall von Buddha und dem buddhistischen Glauben reden, könnte ich nur einen geringen Teil der Menschen erreichen. So ist es übrigens auch mit der Tibet-Frage. Würde ich sie dauernd ansprechen, interessierte das viele Leute nicht. Früher habe ich bei meinen Besuchen anderer Länder überhaupt nicht über Tibet oder den Buddhismus gesprochen sondern einfach über globale Verantwortlichkeit und Mitgefühl. Zurzeit kommt Tibet zwangsläufig ein bisschen häufiger vor.

Wie viele Besucher nehmen Ihren Auftritt nur als Event mit? Als Ausflug ins Spirituelle?

Manche Leute nehmen das, was ich ihnen sage, wirklich ernst. Es kommen immer wieder Menschen zu mir, die berichten, dass meine Lehren ihr Leben änderte, dass sie jetzt viel glücklicher sind und besser mit Missgeschicken umgehen können. Natürlich, die Mehrheit hört es sich nur an und fährt mit dem Gefühl nach Hause: Das war ein netter Abend. Ich mache jedes Mal am Schluss meiner Rede klar: Wenn ihr von dem, was ich sagte, etwas gebrauchen könnt, dann nutzt es. Wenn es für euch bedeutungslos ist, vergesst es. Ich habe damit kein Problem.

Die westlichen monotheistischen Religionen haben ein sehr striktes dogmatisches Lehrgebäude, verurteilen zum Beispiel Abtreibung und Homosexualität. Sie wollen anderen Religionen nicht zu nahe treten. Trotzdem, was halten Sie davon?

Solange jemand keiner Religion angehört, soll er das halten, wie er will. Beim Sex zum Beispiel. Solange es „safe sex“ ist, bleibt es jedem selbst überlassen. Ist man aber Anhänger einer Religion, dann muss man ihren Geboten schon folgen. Auch der Buddhismus hat seine verbindlichen Regeln.

Was sind aus Ihrer Sicht als buddhistischer Lehrer die größten Herausforderungen für die Menschheit?

Überbevölkerung – die wichtigste Herausforderung. Dann der Unterschied zwischen arm und reich, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und natürlich die Umweltprobleme, die globale Erwärmung.

Trotz Überbevölkerung lehnt die katholische Kirche Geburtenkontrolle ab.

Vielleicht sollte es bei den Katholiken mehr Mönche und Nonnen geben (lacht). Das wäre eine ganz natürliche und sanfte Art der Geburtenkontrolle.

Würden Sie lieber wieder ein einfacher Mönch sein, der mehr Zeit hat zu meditieren und Uhren zu reparieren, Ihr berühmt-berüchtigtes Hobby?

Das ist eine Frage, die mit einem sinnvollen Leben zu tun hat. Sinnvoll im Dienst von anderen. Der erste Dalai Lama war lange Zeit Einsiedler. Doch als älterer Mann verließ er seine Einsiedelei und fing an, als Lehrer zu wirken und gleichzeitig ein heute berühmtes Kloster in Tibet zu bauen. Als ihn seine Schüler fragten, warum er sein Leben geändert habe, sagte er: „Ich hätte in meiner einsamen Klause bleiben und möglicherweise einen höheren Grad der Erleuchtung erreichen können. Doch ich habe dieses Leben aufgegeben um euch zu helfen.“ An diesem Beispiel orientiere ich mich

Sie sind der 14. Dalai Lama. Sind Sie der letzte Dalai Lama?

Das hängt von unserem „Boss“ ab, der Regierung in China. Wenn die keine Probleme machen und auf unsere Forderungen eingehen, dann könnte es durchaus sein, dass ich der letzte bin. Still, mit Anstand und Grazie. Doch falls der Boss Ärger macht, wird sich die tibetische Seite nicht weniger entschlossen zeigen als die Chinesen, und es wird einen neuen Dalai Lama geben. Wenn das tibetische Volk es will, wird wieder einer erscheinen. Unser Reservoir an Personen, die das Karma für einen guten Dalai Lama haben, ist groß genug. Davon bin ich überzeugt

Als was möchten Sie wiedergeboren werden?

Im 8. Jahrhundert schuf ein großer buddhistischer Meister aus Indien ein Gebet, das ganz ähnlich ist wie das des Franziskus von Assisi: „Solange es das Universum gibt, solange es Leben und Leid in dieser Welt gibt, solange soll es mich geben, um dem Leben gegen das Leid zu helfen.“ Was immer meine nächste Existenz sein wird, wo immer sie sein wird, hier oder in Europa, Afrika, Amerika, das spielt keine Rolle. Ich bin bereit für jede Wiedergeburt, in der ich mich für andere als nützlich erweisen kann.

Seite 1: "Echte Autonomie ist der einzige Weg"
Seite 2: Unterstützt die Mehrheit ihrer Landsleute in Tibet ihre politische Linie?
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
Eisenbaer (16.05.2008, 20:41 Uhr)
Wenn ich an das jetzige China denke...
...fällt mir immer spontan ein Zitat von Werner Finck zu Zeiten des Hitlerfaschismus ein: In unserem Land kann jeder sagen, was er denkt. - Er muss nur das richtige Denken.

Übrigens: Auf Besuchen in China, sei es eingeladen oder in einer Reisegruppe lernt man nicht das richtige China kennen, sondern erlebt eine gekonnt gemachte Vorstellung à la Schmierentheater. Wenn man als "Langnase" in China unterwegs ist, und nicht man selbst wird von "unbeteiligtem Volk" angeschaut, sondern der Fokus der Leute richtet sich mehr oder weniger starr auf die einen begleitenden "Touristik-Mitarbeiter", dann weiß man als gestandener früherer DDR- und UdSSR-Besucher schnell, was die Stunde geschlagen hat. Mit einem gravierenden Unterschied allerdings: In China sind die Menschen noch viel, viel vorsichtiger...
Nursery (15.05.2008, 12:44 Uhr)
Dominoeffekt

Klar ist sollte China einer Minderheit besondere Zugeständnisse machen ,wären andere gleich ebenfalls mit Forderungen da.Doch es ändert nichts an der Jahrtausendalten Kultur der Tibeter, muß China sich bewegen.In Europa ist man entweder dafür oder dagegen.Da China immer noch eines der Kompromißlosesten Regime die bisher keine Oposition neben sich geduldet hat.Auf Dauer wird es sich diesem aber nicht Verschließen können.Da sind Unsere Unternehmer im Großen Stil Unsensibler und Kompromißloser als mancher Roter Kader.Für die Unternehmenskultur ein "Worst Case" im weitesten Sinne.Gerade kann man verfolgen wie Unterdrückte aus der Apartheid in Südafrika die Unternehmen verklagt haben die mit dem Apartheidregime in der Vergangenheit große Geschäfte gemacht haben.
LaoLu (12.05.2008, 00:39 Uhr)
@eribel
war da jetzt eben die Satire-Taste gedrückt, oder nicht??
eribel (11.05.2008, 15:19 Uhr)
Ach ja ...
...und last not least noch meinen allerherzlichsten Respekt für die mutige Frau Merkel ...seine 'Co-Dämonin'...grosse Klasse!
eribel (11.05.2008, 14:45 Uhr)
Grosse Weltklasse..!!!
...ein Licht der Weisheit und der Menschlichkeit in dieser Welt !
Lang lebe der Dalai Lama!
Siegfried2008 (09.05.2008, 18:08 Uhr)
hq79
hq79 ist wahrscheinlich auch ein CIA-Agent mit Deutschkentnissen . Seine Aufgabe lautet : eine einheitliche Denkweise in Deutschland zu schaffen und gleichzeitig die Meinung anderer Seite zu unterdrücken .
LaoLu (09.05.2008, 16:01 Uhr)
Ihre Logik hat Löcher, Signore!
Die Zustände vor Einmarsch der Chinesen betrachten wir als egal – aber der Einmarsch, das ist dann etwas, was wir nach heutigen Maßstäben auf das Deutlichste verurteilen müssen!
China hat Tibet vor über 50 Jahren besetzt.
International gilt Tibet als Teil der Volksrepublik.
Das war auch so, als die Olympiade 2008 an Beijing vergeben wurde.

Und jetzt, Monate vor Olympia, nutzen die Exiltibeter die Gunst der Stunde, und siehe da, überall auf der Welt finden sich gute Menschen, denen plötzlich nichts wichtiger ist als die "Befreiung" Tibets.
Noch eins: verkneifen Sie sich bitte Ihr Gerede von Propaganda. Ich vertrete hier meine Meinung, so wie Sie die Ihre vertreten. Und im Gegensatz zu Ihnen habe ich meine Meinung aus persönlicher Erfahrung und fundierter Kenntnis von Land und Leuten gebildet, nicht aus den Berichten der westlichen Presse.
Luciano (09.05.2008, 13:01 Uhr)
@klaus-dieter
Ob die tibetischen Feudalherren früher das Volk unterdrückt haben oder nicht ist doch völlig egal. Zu dieser Zeit sah es überall auf der Welt noch ganz anders aus.
Was ist denn das für eine bescheuerte Begründung um die permanenten Menschenrechtsverletzungen durch die Chinesen am tibetischen Volk zu rechtfertigen?
Ich muss auch nicht in China gewesen sein um mir eine Meinung über die chinesische Regierung bilden zu können. Im Gegensatz zu den Chinesen kann ich mir meine Meinung nämlich aus zahlreichen Informationsquellen bilden.
In China fühlt sich kein Mensch unterdrückt? Selten so gelacht!
Fragen Sie doch mal die Journalisten, die aufgrund regimekritischer Artikel inhaftiert wurden oder plötzlich verschwunden sind.
Fragen Sie mal die Menschen, die unter "Beobachtung" stehen und auf Schritt und Tritt von Staatsspitzeln verfolgt werden.
Oder fragen Sie mal die Leute, die zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, weil sie im Internet ihre Meinung geäußert haben.
Klaus-Dieter oder Laolu oder wer auch immer:
Versuchen Sie Ihren Propagandaquatsch nicht in der freien, aufgeklärten Welt, das mag da ziehen, wo man die Menschen einschüchtern und dumm halten kann, aber nicht hier.
Nobilitatis (09.05.2008, 12:10 Uhr)
Propagandatreffen
Wenn man wissen will, wie die chinesische Regierung ihre imperialistische Politik rechtfertigt, wird man hier in den Kommentaren gut bedient.
Bis hin zu der "Begründung", dass chinesische Flüsse da entspringen, es sei "Grenzgebiet" haha, sehr witzig. Ziemlich großes Grenzgebiet. Oder was glauben Sie, wie sich das für einen Mitteleuropäer anhört, dass "chinesische" Flüsse da entspringen? Als gutes Argument für eine Invasion? Oder das Argument "wir haben so viele Minderheiten, wenn die Tibeter frei sein wollen, dann kommen die anderen auch alle" ...
Oder die Bemerkung, man sei gar kein Chinese, aber dann spricht man von China als "wir"! Natürlich, auch das ist üblich bei kommunistischen Regimen, wer mit Ausländern sprechen darf ist "zuverlässig".
jingzi (09.05.2008, 11:18 Uhr)
Dalai Lama ist wirklich alte
hier meine ich, dass er viel pragmatischer und weiser geworden ist.
Aber ich wage zu bezweifeln, dass die jungen Tibeter in Exil auch von seiner Anfoderung von der echten Autonomie überzeugt werden können.
Was sollen die westlichen Aktivisten machen, weiter "free tibet" oder "Unabhängigkeit" hysterisch rufen? Dann bedeutet es der Meinung von Dalai Lama die mangelhafte Ausbildung und Intelligenz. Auch die Medien sollen nun etwas ruhiger werden, um sich nicht mehr lächerlich zu machen.
Also, keine Unabhängigkeit, sondern echte Autonomie!
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