
Nach dem Interview: Der Dalai Lama mit Fotograf Jay Ullal (l.) und stern.de-Reporter Teja Fiedler (r.) in Dharamsala© Jay Ullal
Ich meine schon. Natürlich gibt es Leute, die Unabhängigkeit für Tibet fordern. Doch viele Menschen, vor allem die mit Bildung und Einsicht, stehen voll hinter meinen Weg, ich glaube, es ist die Mehrheit. Das hat auch mit Intelligenz zu tun. Manche Menschen verstehen gar nicht, was meine Politik des Mittelwegs, des Kompromisses, bedeutet. Es ist halt viel einfacher „Unabhängigkeit! Unabhängigkeit!“ zu rufen.
Ich weiß nicht, warum das so ist, und es ist mir auch nicht wichtig. Eines vielleicht, überall wo ich hingehe, behandle ich die Menschen wie Brüder und Schwestern. Ich baue nie Schranken auf, ich fühle mich nicht wie ein Fremder, versuche immer geradeheraus und ehrlich zu sein. Wenn man sich von den anderen distanziert, gehen auch sie auf Distanz. Ich mache das nie, ich mische mich unter sie, benehme mich wie einer von ihnen. Wenn ich eine Heiligkeit bin, dann sind zum Beispiel Sie auch eine. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns, wir wurden beide als Menschen geboren.
Und als Dalai Lama, als buddhistischer Führer, habe ich nie versucht, anderen meine Lehre aufzudrängen. Alle Religionen haben das gleiche Potenzial, davon bin ich tief überzeugt, alle können der Menschheit große Dienste erweisen. Auch wegen dieser Einstellung werde ich von vielen Christen, Juden und in jüngster Zeit zunehmend auch von Muslimen respektiert. Zu Menschen ohne Bekenntnis sage ich nie, man muss einer Religion angehören. Man kann auch ohne Religion ein sehr netter Mensch sein.
Alle meine öffentlichen Auftritte befassen sich vor allem mit säkularen, diesseitigen Werten. Würde ich immer und überall von Buddha und dem buddhistischen Glauben reden, könnte ich nur einen geringen Teil der Menschen erreichen. So ist es übrigens auch mit der Tibet-Frage. Würde ich sie dauernd ansprechen, interessierte das viele Leute nicht. Früher habe ich bei meinen Besuchen anderer Länder überhaupt nicht über Tibet oder den Buddhismus gesprochen sondern einfach über globale Verantwortlichkeit und Mitgefühl. Zurzeit kommt Tibet zwangsläufig ein bisschen häufiger vor.
Manche Leute nehmen das, was ich ihnen sage, wirklich ernst. Es kommen immer wieder Menschen zu mir, die berichten, dass meine Lehren ihr Leben änderte, dass sie jetzt viel glücklicher sind und besser mit Missgeschicken umgehen können. Natürlich, die Mehrheit hört es sich nur an und fährt mit dem Gefühl nach Hause: Das war ein netter Abend. Ich mache jedes Mal am Schluss meiner Rede klar: Wenn ihr von dem, was ich sagte, etwas gebrauchen könnt, dann nutzt es. Wenn es für euch bedeutungslos ist, vergesst es. Ich habe damit kein Problem.
Solange jemand keiner Religion angehört, soll er das halten, wie er will. Beim Sex zum Beispiel. Solange es „safe sex“ ist, bleibt es jedem selbst überlassen. Ist man aber Anhänger einer Religion, dann muss man ihren Geboten schon folgen. Auch der Buddhismus hat seine verbindlichen Regeln.
Überbevölkerung – die wichtigste Herausforderung. Dann der Unterschied zwischen arm und reich, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und natürlich die Umweltprobleme, die globale Erwärmung.
Vielleicht sollte es bei den Katholiken mehr Mönche und Nonnen geben (lacht). Das wäre eine ganz natürliche und sanfte Art der Geburtenkontrolle.
Das ist eine Frage, die mit einem sinnvollen Leben zu tun hat. Sinnvoll im Dienst von anderen. Der erste Dalai Lama war lange Zeit Einsiedler. Doch als älterer Mann verließ er seine Einsiedelei und fing an, als Lehrer zu wirken und gleichzeitig ein heute berühmtes Kloster in Tibet zu bauen. Als ihn seine Schüler fragten, warum er sein Leben geändert habe, sagte er: „Ich hätte in meiner einsamen Klause bleiben und möglicherweise einen höheren Grad der Erleuchtung erreichen können. Doch ich habe dieses Leben aufgegeben um euch zu helfen.“ An diesem Beispiel orientiere ich mich
Das hängt von unserem „Boss“ ab, der Regierung in China. Wenn die keine Probleme machen und auf unsere Forderungen eingehen, dann könnte es durchaus sein, dass ich der letzte bin. Still, mit Anstand und Grazie. Doch falls der Boss Ärger macht, wird sich die tibetische Seite nicht weniger entschlossen zeigen als die Chinesen, und es wird einen neuen Dalai Lama geben. Wenn das tibetische Volk es will, wird wieder einer erscheinen. Unser Reservoir an Personen, die das Karma für einen guten Dalai Lama haben, ist groß genug. Davon bin ich überzeugt
Im 8. Jahrhundert schuf ein großer buddhistischer Meister aus Indien ein Gebet, das ganz ähnlich ist wie das des Franziskus von Assisi: „Solange es das Universum gibt, solange es Leben und Leid in dieser Welt gibt, solange soll es mich geben, um dem Leben gegen das Leid zu helfen.“ Was immer meine nächste Existenz sein wird, wo immer sie sein wird, hier oder in Europa, Afrika, Amerika, das spielt keine Rolle. Ich bin bereit für jede Wiedergeburt, in der ich mich für andere als nützlich erweisen kann.