Wer nichts auf Zeichen gab, der konnte es daraus schließen, dass am 1. Oktober 1949 Mao die Volksrepublik China ausrief, dass seine Volksbefreiungsarmee noch nicht Volks genug befreit hatte, dass Peking das strategisch wichtige Tibet noch immer als Teil Chinas betrachtete und dass Religion fortan für Opium zu halten war. Es begann der Sturm, der den Jungen in die Welt werfen sollte.
Taktser Rinpoche, Abt von Kumbum, einer der Brüder des Dalai Lama, traf bald nach den ersten Nachrichten aus Amdo ein, stotterte seinem jüngeren Bruder die Geschichte vor: Klöster seien von Maos Truppen entweiht worden, gebrandschatzt, geplündert. Politischer Zwangsunterricht werde abgehalten. Die Kommunisten wollten das Land befreien von den ausländischen Imperialisten. Nun hätten die Chinesen ihm, Taktser, den Posten des Gouverneurs angeboten, wenn er nach Lhasa gehe, den Dalai Lama vom Kommunismus überzeuge - oder ihn, seinen Bruder, notfalls töte. Tibet reagierte auf die Gefahr: Die Regierung befahl dem Volk, mehr zu beten. Im Glauben fest, in der Kampfeskraft schwach, stand das Schneeland, 8500 Soldaten, vor dem Feind. Hilferufe gingen in die Welt. Die britische Regierung versicherte wärmstes Mitgefühl, Indien wollte den Frieden mit China nicht gefährden, und die USA empfingen die Delegation nicht.
Imperialisten waren in Tibet schwer zu finden. Doch von nichts anderem sprachen die Chinesen. Dabei hätte es in Tibet einiges zu erneuern gegeben. Diebe wurden in Käfigen vorgeführt. Lhasa war verdreckt, aber Krankheiten erklärte man lieber mit Dämonen. Die Macht lag bei adeligen Grundbesitzern und Klöstern. Kleinbauern mussten Frondienste leisten, Leibeigene mussten knechten. Doch eines hatten sie: einen tiefen Glauben, um den der sinnleere Westler sie noch heute beneidet - aus der Ferne. Auch wenn der Glaube bis heute bei einfachen Tibetern tief von Aberglaube durchsetzt ist, Angst vor furchtbaren vorbuddhistischen Dämonen. Sie hatten einen König, auf den sie vertrauten und der nur auf Erden war, um sie vom Leid zu erlösen. Die Tibeter befragten das Staatsorakel. Das Medium taumelte: "Seine Zeit ist gekommen." Mit 15 wurde der Knabe, den die Götter mit zweieinhalb in ihre Welt gehoben hatten, von ihnen auf den Thron gestoßen.
Haben Ihre Heiligkeit jemals bezweifelt, tatsächlich der Auserwählte zu sein, Ihrer Aufgabe gewachsen zu sein? Die berühmte Dalai-Lama-Brille liegt auf der Nase wie ein Fremdkörper, dahinter schauen schmale Augen ins Leere. Dann grollt es wieder: "No, no, es war mir egal. Die Leute setzten mich auf den Thron? Ja gut, da sitz ich. Übernehme meine Verantwortung und habe Spaß." Wieder lacht er. Das berühmte Dalai-Lama-Lachen. Hoch, kehlig, sich spiralförmig steigernd. "Wissen Sie, ich bin nicht jemand, der immer sehr ernst ist."
Wahrscheinlich wäre er kein großer Weiser geworden und auch kein Entertainer, zumindest nicht für die Westler, wenn er langsam in die Zwänge eines korrupten, konservativen Hofstaats hineingewachsen wäre. So war der König ein neugieriger, aber ahnungsloser Junge. Vom Kommunismus wusste er nichts, von den Chinesen hatte er einmal in einer Zeitschrift gelesen. Teufel, glaubte er. Er floh vor ihnen nach Südtibet.
Während eine tibetische Delegation in Peking versuchte, eine friedliche Lösung auszuhandeln, saß das junge Oberhaupt in einem Kloster, hörte "Radio Peking": vom "industriellen Fortschritt" und "Gleichheit für alle". Ist eigentlich nicht schlecht, staunte er. Bis eines Tages eine Stimme knarzte: Die Tibeter haben ein "17-Punkte-Abkommen" unterzeichnet, Tibet kehrt heim ins Mutterland China. Es war, so stellte sich später heraus, unter Druck mit gefälschtem Siegel entstanden. Genehmigt hatte der Gottkönig nichts. Sollte er nach Indien fliehen? Nein. "Ein Feind gibt uns die Chance, Toleranz und Geduld zu üben", ist eine der immer gern gehörten Lektionen, mit denen der Dalai Lama heute den Westen beeindruckt. Lerne, nicht zu hassen. Und lerne immer.
Er machte sich zurück auf den Weg nach Lhasa. Bald danach folgten die Chinesen in die Stadt, 9. September 1951, 20 000 waren es bald, 16 Jahre alt war der Gott, unter die Gebetsfahnen der Stadt mischten sich Mao-Plakate. Der Dalai Lama stimmte zähneknirschend dem Abkommen zu, das Tibet immerhin kulturelle und religiöse Autonomie und die Entscheidungshoheit für Reformen versprach. Und einen Krieg verhinderte. "Frieden muss grundlegend aus uns selbst herauskommen", Dalai Lama, 1984.
Und wie geht man mit Ohnmacht um? "Wenn ich an Tibet denke, ist natürlich immer Hilflosigkeit da", sagt er. Er rast dabei mit der Stimme hoch und runter in einem Satz, was ihm etwas sehr Präsentes gibt, alle Oktaven dabei, der ganze Mensch. Da spricht es aus der Tiefe einer Seele, denkt man. "Als Buddhist weiß ich: Alles hängt von Dingen ab, die außer unserer Kontrolle liegen. Jedem geht es so. Aber egal welches Problem: Du wirst es lösen, wenn du es ehrlich und mit klarem Geist angehst."
Die Chinesen verletzten bald schon das Abkommen, immer mehr Soldaten kamen, forderten Verpflegung, ohne zu zahlen, Lebensmittel wurden knapp. Der junge Gottkönig munterte seine Regierung auf: Denkt daran, nichts währt ewig! Die Preise für Gerste stiegen um das Zehnfache, eine Hungersnot drohte. Eine Beschwerdeliste wurde den Chinesen überreicht. Die Chinesen überlegten, die Premierminister des Dalai Lama zu erschießen. Der Dalai Lama entließ die beiden rechtzeitig. Die Tibeter beschimpften die Invasoren in den Gassen, gründeten Widerstandsbewegungen. Die Chinesen forderten den Dalai Lama auf zu verkünden, dass jede Kritik als "konterrevolutionär" verboten sei. Der Dalai Lama lernte, sagt er später, "wie man einen falschen Anschein vortäuscht, wenn die Lage schwierig wird".
Er beschloss selbst Reformen durchzuführen: Landrecht, Justiz- und Erziehungsrecht. Die Chinesen verweigerten sich. Sie drängten ihn nach China, den Großen Vorsitzenden zu treffen. So ritt er, 19 Jahre alt, auf Mulis und russischen Jeeps Richtung Peking. Traf Mao, zehnmal. Beeindruckend, dachte der Junge, Ausstrahlung hat er, und ehrlich ist er. Mao sagte: Wir Chinesen wollen euch helfen. Die Industrie imponierte, dieses mächtige Wasserkraftwerk. Gleichheit und Gerechtigkeit für alle - ließen sich Marxismus und Buddhismus nicht verbinden? Anderseits durfte niemand frei mit ihm sprechen, alle wirkten gleich geformt, eingetönt, Maoblau. Er nahm an Staatsempfängen mit offizieller Rolle teil, Chruschtschow, Nehru. Der Dalai Lama, ein Mann Chinas.
Was war der glücklichste Moment in Ihrem Leben? Er überlegt. "Einer davon war, als ich aus China zurückkam. Als ich hinreiste, war ich voller Angst, aber ich bekam einen guten Draht zu Mao. Als ich zurückkehrte war ich voller Erleichterung und Vertrauen." Er lächelt verschmitzt. "Aber dieser glückliche Moment hielt nur ein paar Monate." Der Gott ist ironisch, alle lieben das. Und hat ein Gott nicht dann am meisten Einfluss, wenn er geliebt wird?
Wahrscheinlich hatte er es schon geahnt damals. mit Mao. Zum Abschied saß er in dessen Büro, träumte noch, Buddhismus und Marxismus seien verwandt, da rückte Mao näher: "Sie haben eine gute Einstellung. Aber die Religion ist Gift."
Zurück in Lhasa waren bereits mächtige Steuern erhoben worden, Grundbesitzer wurden als Verbrecher verurteilt, öffentliche Demütigungen für "Reaktionäre" eingeführt - vor allem Nonnen und Mönche. Aufstände in Kham. Noch mehr chinesische Soldaten. Der Dalai Lama predigte Frieden. Bat Mao um Hilfe. Keine Antwort. Die Rebellen weigerten sich aufzugeben. Die Chinesen zerbombten Klöster, Dörfer. Es gab Vergewaltigungen, Hinrichtungen. Rücktritt? Oder offene Opposition? Der Dalai Lama konzentrierte sich vorerst auf seine anstehenden Prüfungen, wurde Geshe, Doktor in Buddhismuskunde. Wie soll einer sein Volk ins Glück führen, dachte der Gottkönig, ohne am eigenen Geist zu arbeiten?
Wovor haben Sie Angst? "Als Kind hatte ich Angst vor Geistern." Wieder das Dalai-Lama-Lachen, der Gott muss also ein Kind geblieben sein. Und jetzt? "Ich weiß es nicht. Als Buddhist habe ich gelernt, keine Angst vor dem Tod zu haben." Aber vor dem Fliegen fürchte er sich, hat er das nicht mal gesagt? "Yes, yes, yes!", Pause, "stimmt, das ist ein Widerspruch!" Dann ein Lächeln, große Freude. "Ich glaube ein Tod im Bett, friedlich, das wäre no problem! Aber bei einem Flugzeugabsturz?" Er lacht hoch und runter, Selbstironie, man muss ihn wohl lieben.
Von einer Granate zerfetzt, das wäre kein schöner Tod gewesen, 1959 in Lhasa. Die Chinesen luden ihn zu einer Tanzvorführung. Das Volk fürchtete, sein Juwel würde entführt und demonstrierte vor dem Sommerpalast. Die Chinesen drohten, den Norbulingka zu beschießen. Als Soldat verkleidet, schlich sich der Dalai Lama, 24, aus der Stadt, 17. März 1959. Granaten flogen später auf den Palast, die Aufstände hatten ihren Höhepunkt erreicht, 87 000 Tote würden sie insgesamt fordern. Auf der Reise rief der geflohene Gott die Unabhängigkeit wieder aus.
Bald würden die Berge hinter ihm liegen, am 31. März 1959 überschritt er die Grenze, schwer krank, von einem Dzo, einer Yak-Rind-Mischung, getragen. Kaum in Indien gab er eine Pressekonferenz, erklärte erneut die Unabhängigkeit. Tibet sprach zur Welt. Das würde seine größte Aufgabe sein. Der Beginn der Weltkarriere eines Mönchgottpolitikers. Nun musste der Beschützer Tibets seinem Volk helfen, ohne bei ihm zu sein. Als Gast in einem Entwicklungsland, das nichts weniger wollte als einen Konflikt mit China. 100 000 Flüchtlinge folgten in den nächsten Jahrzehnten. Premier Nehru gab den Tibetern Asyl, versprach humanitäre Unterstützung, aber weigerte sich, die Unabhängigkeit Tibets anzuerkennen. Die Lager wurden zu Dörfern, der Dalai Lama bekam ein neues Heim. Einen alten Ferienbungalow in Dharamsala, Nordindien, Schlafzimmer mit Stahlbett, Schrank, ein Blumenposter als Zierde.
War Ihr Leben erfolgreich? "Alles ist relativ", er baut mit den Händen wild Gedankengebäude in die Luft, sehr energetisch wird man danach denken, "ich habe mein Land verloren. Aber als Flüchtling habe ich mein Bestes gegeben. Ich habe geholfen unsere Identität zu erhalten, unsere Kultur, Spiritualität."
Die Flüchtlinge arbeiteten in Straßenbaukolonnen oder auf dem Feld, viele in Südindien, in ungewohnter Hitze. Manche flehten ihn an, sie woanders hinzuschicken. Er predigte Geduld. Was hatten sie sonst? Den vor den Chinesen geretteten Staatsschatz verspekulierten sie an der Börse, nicht mal ein Achtel blieb. Und doch galt es, im Exil nun das aufzubauen, was in Tibet ausgelöscht wurde. Denn mit den Flüchtlingen kamen die Nachrichten: Massenverhaftungen, Hinrichtungen Unliebsamer und Gläubiger. 1960 kam die Internationale Juristenkommission zu dem Schluss: China mache sich in Tibet schuldig, "eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppierung als solche ganz oder teilweise zu vernichten".
Die Zeit raste. Noch im selben Jahr ließ der Dalai Lama in Indien Institute für Kunst und tibetische Medizin errichten, Schulen und Kinderheime. Finanziert vor allem durch Hilfsgelder. Ließ inoffizielle Botschaften einrichten, New York, Tokio, Genf, Kathmandu. Und erste Flüchtlingsfamilien wurden in den Westen gebracht, in die Schweiz, wo man den "Tibeterli" liebevoll versprach, sie im Sinne ihrer Kultur leben zu lassen. Der Westen lernte langsam, was er an Tibet hatte. Aber wie sollte er ein Volk unterstützen, das ein Oberhaupt wieder einsetzen wollte, das per Vision bestimmt wurde und das per Orakel und Gotteswort regiert?