
CIA-Chef George Tenet, Vizepräsident Dick Cheney, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und US-Präsident George W. Bush im Oval Office am 7. Oktober 2001: "Ich denke, wir sollten es machen"© Eric Draper/AP
Wie wirkungsvoll Cheney agierte, zeigte sich besonders im August 2002. Die Situation für ihn war zu jenem Zeitpunkt misslich. Powell hatte Bush überzeugt, den UN-Sicherheitsrat einzuschalten. Der Krieg, den Cheney seit Monaten vorangetrieben hatte, war in weite Ferne gerückt. Cheney verlor Oberwasser. Da informierte er den Präsidenten, dass er eine Rede vor Kriegsveteranen in Nashville halten werde. "Mach mir keine Probleme", sagte Bush. Aber genau das hatte Cheney vor. "Um es klar zu sagen", teilte er den Kriegsveteranen mit, "es gibt keinen Zweifel, dass Saddam Hussein jetzt Massenvernichtungswaffen besitzt und sie anhäuft, um sie gegen unsere Freunde, Alliierten und uns zu benutzen."
Eine Kriegserklärung. Cheney, der Pedant, der sonst alles so genau nimmt, setzte unbelegbare Hypothesen in die Welt. Cheney, der Skeptiker, der nichts so verabscheut wie Verschwörungstheorien, verweist bis heute auf eine Verwicklung Saddams in die Anschläge vom 11. September. Den Irak nannte er das "geografische Zentrum des Terrors" - zu dem das Land doch heute erst geworden ist.
Derweil machte Colin Powell eine besorgniserregende Veränderung aus in jenem Menschen, den er zwölf Jahre zuvor als stoischen, emotionslosen Verteidigungsminister gekannt hatte, eine Art "Fieber". Die Realität, so folgerte Powell, spielte für Cheney keine Rolle mehr. Die Realität schuf sich der Vizepräsident selbst. Er griff sich Geheimdienstinformationen und machte Widersprüche und Ungenauigkeiten zu Fakten. Cheney, der nie gedient hatte, wollte mit aller Macht diesen Krieg. Powell, der Vier-Sterne-General, wollte Containment. Die Invasion eines arabischen Landes, warnte Powell den Vizepräsidenten, könnte zur Schließung aller US-Botschaften weltweit führen. "Darum geht es nicht", antwortete Cheney. Es könnte ungeahnte Folgen haben, fuhr Powell fort. "Darum geht es nicht", antwortete Cheney.
Die Auseinandersetzungen zwischen Cheney und Rumsfeld auf der einen und Powell auf der anderen Seite nahmen im Spätsommer 2002 dramatische, bislang unbekannte Formen an. Im Außenministerium nannten sie die Ideologen um Cheney und Rumsfeld schon mal "Motherfuckers", eine "separate kleine Regierung" mit einem neu geschaffenen Geheimdienstbüro nur für den Irak. Powell nannte es das "Gestapo-Büro". Für Cheney waren die Leute im Außenministerium Bremser und Weicheier. Er verglich den Kampf der beiden Lager mit der Auseinandersetzung zwischen Theokraten und Reformern im Iran. "Die Frage ist nur", so schloss er, "ob sie zwei Seiten derselben Regierung vertreten - oder zwei separate Regierungen?"
Powell war ein Problem, räumte Cheney später ein. "Colin stand den Dingen, die wir versuchten, immer sehr reserviert gegenüber." Cheney sagte dies bei einer "Siegesfeier" mit anderen Neokonservativen drei Wochen nach Kriegsbeginn in seinem Haus. Ein wunderbarer Krieg bis jetzt, meinte Ken Adelman, einer der Chefstrategen. Aber was ist mit den Massenvernichtungswaffen? "Finden wir", sagte Wolfowitz. "Finden wir", sagte Cheney.
Als Powell in den Monaten vor dem Angriff einsah, dass er in der Regierung zunehmend isoliert war, versuchte er Bush persönlich umzustimmen. Ein Krieg, so argumentierte Powell, könnte die Region destabilisieren. Er würde vom Kampf gegen den Terror ablenken. Powell klang wie ein Europäer. Er klang wie Chirac. Im Januar 2003, zwei Monate vor Kriegsbeginn, machte Powell einen weiteren, einen letzten Vorstoß: "Sind Sie sich sicher? Sie verstehen die Folgen. You know, you will own the country." Sie werden dann das Land an der Backe haben. "Ich denke, dass ich es tun muss", antwortete Bush und fuhr fort: "Sind Sie auf meiner Seite? Ich will Sie auf meiner Seite." Da lenkte Powell, der loyale Soldat, ein: "Ich gebe mein Bestes. Ja, Sir. Ich werde Sie unterstützen."
Die wichtigen Entscheidungen aber trafen andere. Am 19. März 2003 gegen 16 Uhr, wenige Stunden vor Ablauf des Ultimatums an Saddam Hussein, erhielt der Präsident Geheimdienstinformationen über den angeblichen Aufenthaltsort des irakischen Diktators. Er ließ seinen Kriegsrat und einige Mitarbeiter im Oval Office versammeln und fragte in die Runde: "Würdet ihr es machen?" Nachdem alle ihre Meinung kundgetan hatten, schickte Bush sie hinaus, alle bis auf Cheney. "Was denkst du, Dick?", fragte er wieder einmal. "Ich denke, wir sollten es machen", sagte Cheney. Da rief Bush die anderen wieder herein und gab den Befehl zum sofortigen Angriff.
Der Präsident und sein Vize befinden sich auf einer Mission, die sie ohne den jeweils anderen nie hätten ausführen können. Bush ist der Bauch. Cheney der Kopf. Bush impulsiv, Cheney stoisch. Bush der Missionar, Cheney der Visionär. Bush mag Menschen und Geselligkeit, Cheney Bücher und Einsamkeit. Bush kämpft sich in der Freizeit durch die Hecken seiner Farm. Cheney durch Kompendien der Militärgeschichte. Bush steht für die Hoffnung, das Licht, den Draht zum Himmel. Cheney für die Furcht, die Dunkelheit, den Zugang zum Bunker.
Sie mögen kongeniale Partner sein, nicht aber Freunde. Dafür sind sie zu verschieden. Cheney, der nur fünf Jahre älter ist, aber 20 Jahre älter wirkt, fügt sich: "Jawohl, Mister President." Er nennt Bush "den Mann". "Der Mann will das." "Der Mann denkt das." "Dick macht einen guten Job, weil er mir sagte, er wolle nicht Präsident werden", scherzte Bush einmal. Obwohl Cheney in 36 Jahren Washington alle Karrierestufen durchlief, strebt er (als erster Vizepräsident seit Nelson Rockefeller) tatsächlich nicht die Präsidentschaft an. Er hatte es einmal erwogen, 1996, doch die permanente öffentliche Durchleuchtung war ihm ein Grauen. In Woodwards Buch gibt Präsident Bush erstmals Einblicke in Cheneys Seelenleben. Bei Interviews "sterbe dieser aus Angst" vor irgendwelchen Dingen, die aus dem Kontext gerissen würden. Und angesprochen auf Woodwards Buch: "Dick ist besorgt darüber, um ehrlich zu sein."
Bis heute wurde Dick Cheney, der Sohn eines Forstbeamten und Vater zweier Töchter, immer berufen. Als Präsident Gerald Ford einen Stabschef brauchte, hieß es: Was ist mit Dick? Als der Verteidigungsminister von Präsident George H. Bush wegbrach, hieß es: Was ist mit Dick? Als der texanische Ölgigant Halliburton einen Chef suchte, hieß es: Was macht Dick eigentlich? Bushs Stärke ist sein Auftritt, Cheneys Stärke die Unverzichtbarkeit. 1995 verließ Cheney die Politik und wurde Konzernchef von Halliburton, Jahresgehalt1999: 1,3 Millionen Dollar.
Seine Vergangenheit holt ihn immer wieder ein. Wenn Aufträge im Irak ohne Ausschreibung an Halliburton vergeben werden, dann steht in den Berichten darüber stets der Beisatz: die Ex-Firma von Vizepräsident Cheney. Als ihm vorgeworfen wurde, dass seine Halliburton-Aktien dank des Krieges stiegen, verkaufte er das Paket, das im Jahr 2000 43 Millionen Dollar wert war - mit Gewinn. Als Leiter der Energiekommission soll sich Cheney von Energieunternehmen beraten haben lassen und muss sich dafür nun vor dem Obersten Gericht verantworten. Als Vater einer lesbischen Tochter hat er sich einst moderat über Homosexuelle geäußert - unterstützt jetzt aber Bushs Kreuzzug gegen die Homo-Ehe. Cheney könnte mit seinen Verstrickungen für den Präsidenten zum Problem werden, warnen einige in der Partei. Nach vier Herzinfarkten hätte er eine gute Entschuldigung auszusteigen.
Genau das wird Dick Cheney wohl nicht tun. Es gilt, eine Mission zu beenden, lässt er die Zuhörer in Pittsburgh, Halle D, wissen. "Die nächste Präsidentschaftswahl ist von dramatischer Bedeutung für unser Land." Entschlossener Krieg gegen den Terror - oder Chaos. Moralische Klarheit - oder Larifari. Ein echter Führer - oder ein Zögerer. Bush oder Kerry. "Es geht um Hoffnung und Frieden für die ganze Welt", sagt er zum Schluss, und die Standing Ovations wollen kein Ende nehmen. Der Chef der National Rifle Association tritt ans Mikrofon und schwärmt: Der Vizepräsident werde in die Geschichte eingehen als einer, der die Kinder in der Welt vom Bösen befreite. "Gott segne Sie."
Dann überreicht er Cheney ein Gewehr, "ein Masterpiece", eine Cecil Brooks Flintlock. Cheney legt an - und zum ersten Mal an diesem Abend huscht ein kurzes, schüchternes Lachen über sein Gesicht. Dann ist er weg.
Buch-Tipp Bob Woodward: "Plan of Attack", Verlag Simon und Schuster, ISBN 074325547X, auf Englisch, Ladenpreis in den USA zirka 20 bis 28 Dollar.