. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
5. März 2010, 15:30 Uhr

Patient Griechenland

Ohne Fakelaki keine Operation

Die Folgen der Misswirtschaft sind überall zu spüren. Aus Kostengründen fehlen in allen staatlichen Krankenhäusern Pfleger und Krankenschwestern. Wer nach einer Operation im Bett bleiben muss, heuert deshalb eine private Pflegekraft an. Die Hälfte des Honorars muss der Patient in der Regel selbst zahlen.

Die Ärzte verdienen eher bescheiden: 2600 Euro brutto bekommt die Fachärztin Meropi Mandeon. Viele Mediziner lassen sich deshalb jede Behandlung von ihren Patienten bezahlen. Besonders Chirurgen kassieren ab. "Es gibt kaum noch Operationen, bei den die Patienten den Arzt nicht bestechen müssen", sagt Meropi. "Fakelaki", kleiner Umschlag, heißt dieses Extrageld. So wundert es in Athen längst niemanden mehr, dass Ärzte aus staatlichen Krankenhäusern trotz überschaubarem Gehalt im Luxus leben, Yachten, Ferienhäuser und schicke Autos kaufen.

Oft nötigen die Ärzte ihre Patienten zu einem Geldgeschenk. "Wir müssen sofort operieren", sagte der Chirurg, als Bounias Thanassis im vergangenen Jahr seine zuckerkranke Mutter ins Krankenhaus brachte. Sie habe Geschwüre am Fuß, er müsse amputiert werden. Das Leben der alten Frau sei in Gefahr.

Doch dann ließ sich der Arzt nicht mehr blicken. Immer wieder verschob er den Eingriff. "Es war eine Katastrophe", sagt Thanassis, der als Fahrer bei der Post arbeitet. "Die Geschwüre begannen schon zu stinken, das ganze Krankenzimmer stank, kaum ein Arzt hat es noch in diesem Zimmer ausgehalten. Es war unglaublich demütigend für meine Mutter."

Der Kranke war dem Arzt völlig egal

Nach drei Wochen operierte der Arzt endlich. "Alle beurteilen dich nur danach, wie viel Geld du wohl geben kannst", sagt Thanassis. "Vermutet der Arzt, dass du wenig hast, bist du nicht interessant für ihn. Er kümmert sich nicht um dich, er beachtet dich nicht einmal. Der Kranke ist ihm völlig egal." Einen zweiten Eingriff lehnte der Arzt gleich ab. "Ich habe keine Zeit", behauptete er. Thanassis ist sich bis heute sicher, dass der Arzt unzufrieden mit dem "Fakelaki" war, der Sonderzahlung im Umschlag. 2500 Euro hatte er den Ärzten insgesamt für die Behandlung seiner Mutter "geschenkt".

"Dieser Staat tut nichts für seine Bürger", schimpft ein Bauunternehmer aus Athen. Er muss regelmäßig Beamte bestechen, um in der Stadtverwaltung Baugenehmigungen zu bekommen. "Ich kann das sogar verstehen", sagt er. "Die Beamten verdienen 1000 Euro und können von ihrem Lohn nicht leben. Sie müssen ihre Kinder schließlich auch in die Nachhilfeschulen schicken und ihre Eltern zum Arzt." Die Familie hilft auch, wenn jemand seine Arbeit verliert: Arbeitslosenversicherung in Höhe von 456 Euro wird nur ein Jahr lang gezahlt. Sozialhilfe gibt es nicht. "Es ist ein Teufelskreis", sagt der Bauunternehmer. "Die Leute zahlen keine Steuern, weil sie dem Staat nicht vertrauen. Der Staat hat kein Geld, weil niemand Steuern zahlt. Unser gesamtes System hat versagt."

Griechenland - ein Land am Abgrund

Griechenland - ein Land am Abgrund Lesen Sie im neuen stern, wie die Bewohner des Krisenlandes über ihre Verhältnisse leben

Eine Reportage von Bettina Sengling, Athen
Seite 1: Patient Griechenland
Seite 2: Ohne Fakelaki keine Operation
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Administrator (05.03.2010, 17:04 Uhr)
Liebe User,

wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße, Ihre stern.de-Admins
jomimo (05.03.2010, 17:02 Uhr)
@prologo @johann
Dem ist eigentlich garnichts mehr hinzuzufügen.

Der Durchschnittsmichel auf seiner Couch vor dem TV hat nun Zeit, sich schon mal mental auf das Kommende vorzubereiten.

venieli (05.03.2010, 16:49 Uhr)
Was fuer ein Bild habt Ihr Deutschen nur von den Griechen?
Eins moechte ich hier erstmal klarstellen: Griechenland ist sicher selbst schuld an dieser Krise.
Aber: auch in diesem Artikel, wie auch in allen bisher gelesenen, ist einiges voellig uebertrieben bzw. einseitig dargestellt.
Als in Griechenland verheiratete Deutsche lebe ich in dieser Situation. Dass offensichtlich alle Kinder nur mit Nachhilfe das Abitur schaffen ist nicht richtig. Weder meine Kinder brauchen Nachhilfe noch die meiner vielen Bekannten. Sicher, das Schulsystem laesst einiges zu wuenschen uebrig, aber wir machen das Beste daraus. Dass die Erwachsenen den Kindern ihren Tag zuplanen, daran sind sie selber schuld. Da leider viele Unternehmen von den Berufsanfaengern mind. das sog "Lower" im Englischen verlangen, beginnen die Eltern schon ab der ersten Klasse die Kinder in den Frontistirio anzumelden, weil sie meinen, dass sie es sonst nie schaffen. Ausserdem muessen sie dann noch zum Sport, wenn sie daran interessiert sind oder zum Tanz- oder Musikunterricht. Da bleibt nicht mehr viel Zeit zum Kindsein.
Auch ich hatte meinen Sohn ein Jahr im Frontistirio angemeldet, um festzustellen, dass er eigentlich nichts anderes lernt, als in der Schule. Stattdessen kann er jetzt seine Freizeit mehr geniessen. Wenn er das "Lower" wirklich mal braucht, gibt es spaeter auch andere Moeglichkeiten.
mika67 (05.03.2010, 16:45 Uhr)
Danke
Danke an Stern die beide Seiten der Medaile zeigen. An Ihre Reportagen sowie an die Kommentare der Leser. Folgenden Kommentar schrieb ich an Focus und wurde abgelehnt.
"zwei Seiten einer Medaile
logisches Denken via Gefühlvolles, Gut via Böse, Liebe via Hass usw......in allen Berichten wird nur die eine Seite der Griechen gezeigt und aufgeschrieben WARUM?? Das Gleichgewicht des Gesetzes wird nicht gehalten. Es wird dem Menschen nicht die Möglichkeit gegeben ein Fäires Urteilsvermögen zu entwickeln weil die Zweite Seite Vorenthalten wird. Es tut weh als Griechin all dieses Geschrieben zu Sehen zu Hören zu Spüren. Ich Schäme mich nicht als Griechin sondern als Mensch. Als Griechin kann ich mich nicht identifiezieren mit dieser Seite der Medaile. Und als Mensch verstehe ich es nicht und bin entsetzt."
berthold3228 (05.03.2010, 16:33 Uhr)
Die Griechen geben die Hälfte ihres Einkommens für Nachhilfe aus
Das glaubt der "Journalist" doch wohl selbst nicht. Und das Ganze nennt sich Reportage. Peinlich!!!!
Prologo (05.03.2010, 16:33 Uhr)
@Johann, Richtig!!
Da haben wir ja zur gleichen Zeit geschrieben, aber 10.000 km weit auseinander, und schwupp die wupp kam es zur gelichen Zeit an.

Ein tolle Technologie ist das schon. Ich bin von Beruf Elektroniker und ich freue mich immer wieder über die technischen Fortschritte.
MfG,
T.
Prologo (05.03.2010, 16:26 Uhr)
Sie brauchen nur die Überschrift ändern, sie lautet.......
......."Zukunft Deutschland", denn ........

....genau da Steuern wir mit der FDP hin, wo Griechenland jetzt steht. Bestechung, Korruption, Steuerflucht, und Geringverdiener haben wir ja auch schon!!

Nicht zu vergessen, unbezahlbare Krankenversicherung durch die Kopfpauschale der FDP, welche die Hälfte der Arbeitnehmer zu Sozialempfängern macht.

Und, ein ungerechtes Steuersystem, das haben wir ja schon, auch das will die FDP noch ungerechter gestalten, mit weiterer Umverteilung von unten nach oben.

Also, Fakelaki, wir kommen!!

MfG,
T.
Johann58 (05.03.2010, 16:25 Uhr)
Duerfen wir uns ein Urteil ueber Griechenland und die Griechen erlauben?
NEIN! In Deutschland zahlt ein Hoteleigentuemer 1,1 Millionen an Spenden an die FDP und bekommt dafuer von Steuerzahler ueber unsere Regierung ein Milliardengeschenk. Damit ist jede Kritik an anderen ad Absurdum gefuehrt.

Grosse Auftraege und Vertragsverhandlungen werden auf der Rennbahn, dem Golfplatz oder im Bordell diskutiert und vergeben, was also gibt uns das Recht die Griechen zu kritisieren.

Die EU darf das System nicht unterstuetzen, wenn man sich aber mehr um den Kruemmungsgrad und die standardisierte Laenge einer Banane kuemmert und aehnlich wichtige Dinge, dann bleibt keine Zeit fuer so Kleinigkeiten wie die aktuelle Krise in grichenland.
bymoe (05.03.2010, 16:05 Uhr)
...eine Stunde Exklusivunterricht kostet immerhin 30 Euro
Na da lassen sich die Privatlehrer auch nicht lumpen... Wenn wir hierbei auch noch in Betracht ziehen, dass es auf Grund des Verbots wohl steuerfrei sein wird.
MEHR ZUM ARTIKEL
Studie von Transparency International Korruption hat Griechenland fest im Griff

Es klingt so harmlos: Fakelaki - so heißt das Bestechungsgeld, das in Griechenland unterm Tisch gezahlt wird, wenn man schneller an den Führerschein oder eine Baugenehmigung kommen will. Dabei ist die Krake Korruption inzwischen so gefräßig, dass sie laut einer neuen Studie zu einer ernsten Belastung für die griechische Wirtschaft geworden ist. mehr...

Ungebetener Rat aus Deutschland Griechenland soll Inseln verkaufen

Reif für die Inseln? CDU-Politiker Josef Schlarmann fordert das überschuldete Griechenland auf, unbewohnte Eilande zu verkaufen. Der Chef der Mittelstandsvereinigung knallhart: "Ein Bankrotteur muss alles, was er hat, zu Geld machen, um seine Gläubiger zu bedienen." mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe