Die Folgen der Misswirtschaft sind überall zu spüren. Aus Kostengründen fehlen in allen staatlichen Krankenhäusern Pfleger und Krankenschwestern. Wer nach einer Operation im Bett bleiben muss, heuert deshalb eine private Pflegekraft an. Die Hälfte des Honorars muss der Patient in der Regel selbst zahlen.
Die Ärzte verdienen eher bescheiden: 2600 Euro brutto bekommt die Fachärztin Meropi Mandeon. Viele Mediziner lassen sich deshalb jede Behandlung von ihren Patienten bezahlen. Besonders Chirurgen kassieren ab. "Es gibt kaum noch Operationen, bei den die Patienten den Arzt nicht bestechen müssen", sagt Meropi. "Fakelaki", kleiner Umschlag, heißt dieses Extrageld. So wundert es in Athen längst niemanden mehr, dass Ärzte aus staatlichen Krankenhäusern trotz überschaubarem Gehalt im Luxus leben, Yachten, Ferienhäuser und schicke Autos kaufen.
Oft nötigen die Ärzte ihre Patienten zu einem Geldgeschenk. "Wir müssen sofort operieren", sagte der Chirurg, als Bounias Thanassis im vergangenen Jahr seine zuckerkranke Mutter ins Krankenhaus brachte. Sie habe Geschwüre am Fuß, er müsse amputiert werden. Das Leben der alten Frau sei in Gefahr.
Doch dann ließ sich der Arzt nicht mehr blicken. Immer wieder verschob er den Eingriff. "Es war eine Katastrophe", sagt Thanassis, der als Fahrer bei der Post arbeitet. "Die Geschwüre begannen schon zu stinken, das ganze Krankenzimmer stank, kaum ein Arzt hat es noch in diesem Zimmer ausgehalten. Es war unglaublich demütigend für meine Mutter."
Nach drei Wochen operierte der Arzt endlich. "Alle beurteilen dich nur danach, wie viel Geld du wohl geben kannst", sagt Thanassis. "Vermutet der Arzt, dass du wenig hast, bist du nicht interessant für ihn. Er kümmert sich nicht um dich, er beachtet dich nicht einmal. Der Kranke ist ihm völlig egal." Einen zweiten Eingriff lehnte der Arzt gleich ab. "Ich habe keine Zeit", behauptete er. Thanassis ist sich bis heute sicher, dass der Arzt unzufrieden mit dem "Fakelaki" war, der Sonderzahlung im Umschlag. 2500 Euro hatte er den Ärzten insgesamt für die Behandlung seiner Mutter "geschenkt".
"Dieser Staat tut nichts für seine Bürger", schimpft ein Bauunternehmer aus Athen. Er muss regelmäßig Beamte bestechen, um in der Stadtverwaltung Baugenehmigungen zu bekommen. "Ich kann das sogar verstehen", sagt er. "Die Beamten verdienen 1000 Euro und können von ihrem Lohn nicht leben. Sie müssen ihre Kinder schließlich auch in die Nachhilfeschulen schicken und ihre Eltern zum Arzt." Die Familie hilft auch, wenn jemand seine Arbeit verliert: Arbeitslosenversicherung in Höhe von 456 Euro wird nur ein Jahr lang gezahlt. Sozialhilfe gibt es nicht. "Es ist ein Teufelskreis", sagt der Bauunternehmer. "Die Leute zahlen keine Steuern, weil sie dem Staat nicht vertrauen. Der Staat hat kein Geld, weil niemand Steuern zahlt. Unser gesamtes System hat versagt."
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