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24. Mai 2006, 14:00 Uhr

Die Kommission wird abgeschafft

Für mich ist folgende Frage besonders brennend: Warum müssen wir nach Europa unkontrolliert Waren einführen lassen, wenn die Unternehmen weder hier produzieren noch Steuern zahlen wollen? Arbeitsplätze raus, genmanipulierte Nahrungsmittel rein. Die Unternehmen haben sich vollkommen der sozialen Verantwortung entzogen. Das sollten einmal Privatpersonen versuchen. Boris Becker ist heute vorbestraft, weil er glaubte, in Deutschland leben und in Monaco (keine) Steuern bezahlen zu können. Genauso verhalten sich doch Unternehmen, die ihre Gewinne, die sie bei uns erzielen, durch steuerrechtliche Gestaltung in ein Niedrigsteuerland transferieren. Das müsste sich Steuerhinterziehung nennen, aber verbieten kann unser Staat es nicht. Nach Europarecht und insbesondere der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs ist das völlig legal.

Das hat zur Folge, dass Staatsausgaben heute überwiegend von den kleinen Leuten finanziert werden. Wenn BDI Ex-Chef Michael Rogowski nun den Unsinn von sich gibt, zwischenstaatliche Steuerkonkurrenz könne die deutsche Industrie wettbewerbsfähig machen, dann ist der Mann bestimmt nicht dumm, will uns aber für dumm verkaufen. Steuerwettbewerb um Privatpersonen machen Staaten doch auch nicht mit. Wer Geld in einem Staat verdient, hat dort Steuern zu zahlen. So sollte die Regel lauten. Aber die Unternehmen haben es im heutigen Europa erreicht, dass sich Staaten auf einen desaströsen Wettlauf um die niedrigsten Unternehmenssteuern einlassen mussten. In Europa nennt sich das freier Kapitalverkehr und Niederlassungsfreiheit, und die nationalen Finanzminister müssen wehrlos zusehen, wie die potenziellen Steuereinnahmen ins Ausland transferiert werden.

"Wettbewerb kann nicht frei sein, wenn er fair sein soll

Warum ist heute der freie Wettbewerb die Grundregel jeder internationalen Wirtschaftsbeziehung? Wettbewerb kann nicht frei sein, wenn er fair sein soll - und unfairen Wettbewerb sollten wir alle ablehnen. Im internationalen Wettbewerb etwa sollen nur die Produktionsregeln vor Ort gelten, die Waren aber auf der ganzen Welt absetzbar sein. Ein Unternehmer in Deutschland bezahlt so hohe Steuern, hat Umweltauflagen zu erfüllen, Arbeitnehmerrechte zu wahren, Sozialabgaben zu leisten - dem Konkurrent in China kann all das das egal sein. Wer kann da noch von fairem Wettbewerb sprechen?

Politik wird von Menschen ohne Legitimation gemacht

Das Mittel gegen unfairen Wettbewerb sind Zölle. Aber für Zölle ist Europa zuständig, und dort fabulieren alle noch von den Segnungen des freien Welthandels - womit ich wieder bei der wirklichkeitsfernen Politik wäre und dem Wunsch der Fische, im Teich mitzubestimmen, statt die Herrschaft weiter den fetten Karpfen zu überlassen, die sich nicht darum scheren, welche Sorgen und Wünsche die anderen Teichbewohner umtreiben. Wozu auch? Sie haben sich doch hervorragend ohne sie eingerichtet. Wer hat denn die Menschen in Europa gefragt, ob sie José Manuel Barroso für den so wichtigen Posten des Kommissionspräsidenten wollen? War Joschka Fischer als Außenminister nicht sogar abgewählt, als er in Brüssel die europäische Entscheidung mit trug, die Erweiterungsverhandlungen mit der Türkei aufzunehmen - abgewählt zu Gunsten einer Kanzlerkandidatin, die sich dagegen ausgesprochen hatte? In Brüssel wird Politik von Leuten gemacht, die demokratische Legitimation nie erlangt oder verloren haben.

Die EU wird neu gegründet, die Kommission wird abgeschafft Damit muss nun Schluss sein. Wenn die Europäische Union bestehen möchte, muss sie sich demokratisieren, um auf die Wünsche der Menschen in Europa reagieren zu können. Dafür braucht Europa eine Verfassung, die dieses Erfordernis umsetzt; eine Verfassung, die eine Regierung und ein Parlament einrichtet, die von den europäischen Wählern unmittelbar und ohne Umweg über nationale Wahlen, nationale Regierungen und nationale Europaabgeordnete ihren Politikauftrag erhalten; eine Verfassung, die den Mitgliedstaaten das Gros staatlicher Kompetenzen belässt und die europäischen Kompetenzen auf die Bereiche begrenzt, in denen Europa handlungsfähiger ist als die einzelnen Mitgliedstaaten; eine Verfassung, die Mischkompetenzen und die damit einhergehende Vermengung von Verantwortlichkeiten sowie generalklauselartige Ermächtigungen, mit denen die Kompetenzen der Mitgliedstaaten geschleift werden können, vermeidet. Die europäischen Institutionen müssen für die Europapolitik gegenüber den europäischen Wählern verantwortlich sein, die nationalen Institutionen für die nationale Politik gegenüber den nationalen Wählern. Nur so kann verhindert werden, dass die Ablehnung des Verfassungsvertrags in Frankreich und den Niederlanden der Anfang vom Ende einer wunderbaren Idee war.

Und welche Rolle soll die zur Zeit so wichtige Kommission in diesem neuen System spielen? Natürlich keine. Sie wird abgeschafft, ihre Beamten arbeiten zukünftig der europäischen Regierung zu. Denn für eine unabhängige politische Institution ist in einem demokratischen System, in dem die Macht vom Volke ausgeht, kein Platz.

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
davidherzig (22.06.2006, 13:59 Uhr)
Mehr Schweiz für Europa
Wenn man Europa schon stärker demokratisieren möchte, sollte man es auch richtig tun: mit Volksrechten. Was nützt einem EU-Bürger, wenn er anstatt von der EU-Kommission vom EU-Parlament beschissen wird? Die europäischen Völker müssen die Gelegenheit haben, sich mittels Initiativen und Referenden aktiv in die Politik einzumischen. Daneben muss "Eurotopia" föderal - und nicht zentralistisch - organisiert sein. Ein solches System funktioniert in der Schweiz seit 1848 (Gründung des Bundesstaates Schweiz; vorher war sie ein Staatenbund). Eine Föderation ist für ein Vielvölker-Staat viel erträglicher. Dass z.B. Spanier und Litauer Eigenheiten haben, ist wohl jedem klar. So stellt sich die Frage: Ist es nicht sinnvoller, wenn die Spanier über Themen, welche nur sie betreffen, auch selber entscheiden können? Das macht eine Föderation aus. Und auch verweise ich auf mein Heimatland. Wenn die Genfer ein neues Spital bauen wollen, ist das ihre Entscheidung. Dazu braucht es kein OK von den St.Gallern oder den Tessinern.
Brataszkowa (08.06.2006, 15:10 Uhr)
Leider ist das nicht übertrieben ...
... eher noch schlimmer.
Wer schon einmal für die Europäische Kommission gearbeitet hat kann sicher bestätigen dass bei Ausschreibungen beispielsweise immer an den günstigsten Anbieter vergeben werden solange er Minimalanforderung bezüglich der Qualität erfüllt (Minimalanforderungen sind beispielsweise, Sozialversicherung, Steuern und MwSt. wurden in der Vergangenheit bezahlt – und der potentielle „glückliche“ Ausschreibungsgewinner hat 60 von 100 Punkten bei der inhaltlichen Analyse erhalten. Glaubt den wirklich irgendjemand das ein Anbieter mit einem durchschnittlichen inhaltlichen Verständnis, Methodologie, Personal, etc. in der Lage ist eine gute oder gar eine überdurchschnittliche Arbeit abzuliefern.
Auch bei einer gewonnenen Ausschreibung sollte der siegreiche Kontraktor seine Bemühungen tunlichst nicht in die Qualität der eigentlichen Arbeit investieren, statt dessen täte er gut daran seine Arbeiten in etwa folgendermassen aufzuteilen: bis 30% reelle inhaltliche Arbeit, min. 70% Controlling, Berichte, ...). Warum? – bei einem Audit, und das kommt sicher, wird kein Kontrolleur die geleistete Arbeit in Augenschein nehmen, er interessiert sich aber für die noch so kleinste Quittung (Parken, Toilette, ...)
Das Dienstleistungsanbieter für die Europäische Kommission zum Minimaltarif arbeiten wird natürlich ausgeglichen, beispielsweise durch Europäische Beamte die, auch wenn sie aus neuen Betrittsländer mit 3. Welt Gehaltniveau kommen, ab dem ersten Tag ein auf hohen europäischen Niveau adaptiertes Gehalt bekommen. Sollte es im Rahmen der Gleichbehandlung von externen Dienstleistungsanbietern und internen Dienstleistern (den Europäischen Beamten) nicht auch für diese Europäische Stellen Einstellungsausschreibungen geben, bei denen der günstigste Kandidat (sprich der mit den geringsten Gehaltsvorderungen) die Stelle bekommt.
Das Salz in dieser administrativen Suppe wird selbstverständlich von der Europäischen Kommission geliefert. Es besteht in Mitarbeitern die teilweise im Schnelldurchgang zu Projektleitern gemacht werden, im in etwa 2-jährigen Wechsel von direkten und administrativen Ansprechpartnern. In teilweise internen Kommunikationsproblemen der Kommissionsmitarbeiter (die natürlich selbst gemacht sind, jedes Land sollte ja proportional in der Kommission vertreten sein).
... hmm, ein Buch zu diesem Thema schreiben. Um ehrlich zu sein daran gedacht habe ich schon. Als Titel würde ich mir einen Ausspruch meiner Lieblingssachbearbeiterin mopsen. - Ne vous inquiétez pas, Madame - Sobald Sie diese Worte von einem Sachbearbeiter oder Projektleiter der Kommission hört, sollten Sie minimal stark beunruhigt sein. Ihr deutschsprachiger Bericht wurde wahrscheinlich von einem Estländer gelesen, der als Zweitsprache Russisch versteht und ein wenig finnisch spricht. Er hatte ihn zur Prüfung an seinen griechischen Kollegen weitergegeben der ehemals in Frankreich studiert hatte. Klarstellungen die sie mit dem Vorgänger des neuen Projektverantwortlichen getroffen haben, gelten angeblich nicht mehr, da zwischenzeitlich wichtige finanzielle Richtlinien innerhalb der Europäischen Kommission geändert wurden. - Vertrag? Alles Auslegungssache! - Um es kurz zu machen, auch wenn Ihnen das Gegenteil versichert wird, so wird sich die Ihnen zustehende Zahlung um einige Monate oder vielleicht ein Jahr verzögern.
Ach, wussten Sie das Europäische Beamte in Kommissionsshops mehrwertsteuerfrei einkaufen können. Na ja das ist dann für ein anderes Kapitel.
Vielleicht sollte ich‚ mal weiter an meinem Bericht schreiben. Und nicht vergessen Ne vous inquiétez pas !
P.S.: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht wer am meisten vom Euro, von Europaweit gleichen Bankgebühren, von günstigen Handyroaminggebühren profitiert. Eventuell der in Brüssel, Luxemburg oder Strassburg sitzende Europäische Beamte? Nee, die machen das alles für uns, für unseren Urlaub und so ...
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