
Ans Geländer gefesselt: "Stresspositionen" nennen die politisch Verantwortlichen diese Form der Folter
Am 13. November unterschreibt Präsident Bush eine Verfügung, dass die USA ausländische Terroristen vor ein Militärtribunal stellen werden, nach Regeln, die das Weiße Haus bestimmt. Damit ist der Weg frei für außergerichtliche Prozesse. Shiffrin ist nicht wohl bei der Entscheidung, es ist der erste Schritt Richtung Folter, aber er trägt sie als hoher Pentagon-Jurist mit.
Was er nicht weiß: Zur gleichen Zeit und hinter seinem Rücken gibt sein Chef Rumsfeld erste Anweisungen zur Folter. Nach Festnahme des "American Taliban" John Walker Lindh übermittelt er dem Militärgeheimdienst eine unmissverständliche Botschaft: "Take the gloves off." Zieht die Samthandschuhe aus. Lindh wird, wie später auch die Gefangenen in Abu Ghraib, nackt ausgezogen, angekettet und dabei fotografiert.
Fühlt sich Shiffrin heute schuldig? Da wartet er mit der Antwort. Er sagt: "Meine Empfehlung hat zum Missbrauch der Gefangenen beigetragen. Zu meiner Verteidigung sage ich: Wir standen alle noch unter dem Eindruck der Terroranschläge. Dennoch haben Juristen in meiner Position eine Verantwortung. Ich war ein Komplize."
Hier soll es nun also passieren, denkt sich Michael Gelles. Hier werden die Verhöre also stattfinden. Gelles, Anfang 40, arbeitet seit zwölf Jahren bei der NCIS, der Militärstrafverfolgungsbehörde der Navy. Er ist Verhaltenspsychologe und ein Experte für Verhöre. Gelles ist groß und kräftig, er kann furchteinflößend schauen, aber er führt keine Verhöre. Er schaut nur zu. Manchmal ist er im Raum, manchmal steht er hinter einer Glasscheibe. Er analysiert, berät, arbeitet mit den Ermittlern die nächsten Fragetechniken aus. Er versucht zu verstehen, in welcher Situation sich der Verdächtige befindet. Und er soll ein Korrektiv sein, wenn es zu Misshandlungen kommt. Aber daran mag er nicht denken. Er geht selbstverständlich davon aus, dass die Genfer Konvention gilt, auch in Guantánamo.
Der Vizepräsident ist bei vielen Sitzungen nicht dabei. Er trifft sich lieber allein mit Bush, schon nennt man ihn "The Dark Side". Vielen seiner Weggefährten, wie Colonel Lawrence Wilkerson, erscheint Cheney in diesen bedrückenden Wochen wie ausgewechselt. Wilkerson, 56, ist Stabschef von US-Außenminister Colin Powell und damit so etwas wie dessen Augen und Ohren in der Regierung. Aus Cheney, dem vernünftigen, abwägenden Bürokraten, den er von früher kannte, sei ein Überzeugungstäter geworden, ein Kriegstreiber. "Der wahre Präsident hieß Richard Cheney", sagt Wilkerson. "Er sah die Chance, seine Vision von der Allmacht des US-Präsidenten zu verwirklichen. Ohne Kontrolle des Kongresses, der Medien, des Volkes. Und Cheney hatte seinen Rasputin: Addington. Sie waren so rücksichtslos wie erfolgreich darin, ihre Vision durchzusetzen. Wir nannten sie die Nazis", erzählt Wilkerson, "manchmal auch die Waffen-SS."
So ist es auch, als es in der Regierung um die heikle Frage geht, ob man die Genfer Konvention aushebeln kann. Die Einwände sind gewaltig, vor allem bei Colin Powell im State Department. Der Außenminister trifft sich sogar mit Bush, er erklärt, bittet. Doch Cheneys Leute haben ihn bei Bush angeschwärzt. Wenn es nach Powell ginge, müsste jeder Kriegsgefangene wohl auch noch eine "Sportuniform" bekommen, höhnen Addington und Bushs Rechtsberater Alberto Gonzales.
Addington sitzt in den Meetings oft da wie ein Unbeteiligter, bis er irgendwann aufspringt und brüllt: "Das ist alles Bullshit. Wir machen jetzt alles anders." "Wir nannten ihn ‚den unheimlichen David‘", erinnert sich Wilkerson. "Er war auf seine Weise brillant, unglaublich arrogant. Und vollkommen skrupellos."
Am 7. Februar verfügt Bush, Taliban- und Al-Qaida-Gefangenen die Rechte gemäß Genfer Konvention zu entziehen. Artikel 3 dieser Konvention verbietet Folter und die grausame und erniedrigende Behandlung von Kriegsgefangenen. Bushs Begründung lautet: Die USA handeln nach "militärischer Notwendigkeit."
Wilkerson ist entsetzt. Cheney und seine Männer gehen tatsächlich auf die "dunkle Seite", denkt er sich. "Und sie ziehen das ganze Land mit in den Abgrund."
Der Auftrag, den er vom Pentagon erhält, erscheint Colonel Steven Kleinman, 45, höchst eigenartig. Er soll die Wirksamkeit von "enhanced interrogation methods" gegen Terroristen einschätzen. Verbesserte Verhörmethoden, der Begriff ist ein Euphemismus für Folter. Kleinman ist entsetzt. Er erinnert sich an seinen Vater, Pilot der Air Force, der im Zweiten Weltkrieg den Nazis in die Hände fiel und selbst von denen nicht gefoltert wurde. Der gewissenhafte Kleinman ist Reservist der Air Force, er gilt seit dem ersten Irak-Krieg 1990 als einer der besten Vernehmer des US-Militärs. Er ist außerdem ein Instrukteur der Joint Personnel Recovery Agency (JPRA). Dort bildet er US-Elitesoldaten darin aus, den Foltermethoden der Feinde zu widerstehen. Das Programm nennt sich SERE (Survival, Evasion, Resistance, Escape), es basiert auf Verhörtechniken der Chinesen und Russen, der kommunistischen Feinde im Kalten Krieg. Kleinman und seine Kollegen setzen die Soldaten in Rollenspielen unter psychischen Druck, sie ziehen ihnen Kapuzen über den Kopf, schlagen sie leicht, unterziehen sie Schlafentzug und Stresspositionen. Nur auf eines verzichten sie im Training: Waterboarding, jene Foltermethode aus dem Mittelalter, bei der Gefangenen das Gefühl des Ertrinkens vermittelt wird. So weit, denken Kleinman und seine Leute, gehen selbst die Kriegsgegner heute nicht mehr.
Und jetzt also wir?, fragt er sich. Folter? In Amerika? Auf unzähligen Seiten belegt der Colonel dem Pentagon, warum die Methoden nicht nur aus moralischen, sondern auch aus operativen Gründen kontraproduktiv sind. Er folgert: "So sehr du dich nach Rache sehnst, du musst die Integrität haben, nein zu sagen."
Vom Pentagon hört Kleinman nie wieder. Seine Empfehlungen werden ignoriert. Zwei Kollegen, die einige Monate zuvor aus dem Militärdienst ausgeschieden waren, haben den Auftrag erhalten, James Mitchell und Bruce Jessen. Die beiden inzwischen freiberuflichen Psychologen schreiben das SERE-Programm um, aus der Trainingsanleitung erstellen sie ein Folterhandbuch. Und noch bevor der erste hochrangige Terrorist in US-Gefangenschaft ist, geben sie Crash-Kurse für CIA-Agenten.
In Faisalabad, einer Industriestadt in Ostpakistan, umstellen am 28. März nachts um 3 Uhr Beamte der CIA und des FBI sowie eine Eliteeinheit der pakistanischen Polizei ein weitläufiges, gut gesichertes Gelände, auf dem mehrere Häuser stehen. Es gibt eine wüste Schießerei, 60 Mitglieder und Helfer von al-Qaida werden festgenommen. Einer von ihnen ist Abu Subaida. Er ist Anfang 30, soll so etwas wie der Personalchef von al-Qaida und einer der Stellvertreter bin Ladens sein. Der lang ersehnte erste Erfolg im Kampf gegen den Terror. Abu Subaida erleidet bei der Gefangennahme Schusswunden in der Leistengegend, im Bauch und im Bein.
Ein paar Tage später wird er in ein geheimes CIA-Gefängnis nach Thailand verschleppt. FBI-Agent Ali Soufan und ein Kollege pflegen ihn, sie halten Eis auf seine Lippen, sie desinfizieren sei- ne Wunden, füttern ihn, waschen ihn. Als sie merken, dass sein Zustand schlechter wird, bringen sie ihn ins Krankenhaus. Ärzte aus den USA werden eingeflogen, um sein Leben zu retten.
Ali Soufan ist einer der besten Vernehmer der USA. Er ist Muslim, im Libanon aufgewachsen, und wenn er redet, klingt noch der Tonfall seines Geburtslandes durch. Er ist einer der wenigen beim FBI, der Arabisch spricht. Folter lehnt er ab. "Einer, der gefoltert wird, wird dir alles sagen, damit du damit aufhörst. Er wird dir das sagen, was du hören willst, und nicht das, was er wirklich weiß."
Im Krankenhaus befragt Soufan den Top-Terroristen Abu Subaida weiter. Der weiß, wem er sein Leben verdankt. Als Soufan ihm Fotos mutmaßlicher Al-Qaida-Terroristen zeigt, murmelt Abu Subaida bei einem Bild: "Das ist Moktar." Der mysteriöse Moktar, den die Amerikaner schon so lange identifizieren wollen: Chalid Scheich Muhammad. Abu Subaida erzählt den FBI-Agenten, dass Moktar die Angriffe am 11. September plante, dass er der Mastermind von al-Qaida sei.
Es ist eine der wertvollsten Informationen, die die Amerikaner über al-Qaida bis heute erhalten haben.
Ihre Ehe mit einem Supermarkt-Angestellten geht in die Brüche, ein neuer Mann tritt in ihr Leben: Charles Graner, ein charmanter Corporal der Armee. Aber auch ein Mann mit sadistischen Zügen, der perversen Sex von ihr fordert. Sie bleibt trotzdem bei ihm, sie sehnt sich nach Liebe. Er verspricht ihr die Welt, Kinder und Familie. Aber zunächst will Graner ein Held werden, ein Kriegsheld. Und er möchte sie dabei haben.
Die CIA ist neidisch auf den Erfolg des FBI. Sie sendet nun ihre Verhörer nach Thailand, allerdings nicht eigene Leute, man beauftragt private Sicherheitsexperten. Einer von ihnen ist James Mitchell. Von der CIA erhält Mitchell dafür 1000 Dollar am Tag, plus Spesen und Extrazahlungen.
Mitchell wendet nun die SERE-Methoden gegen Abu Subaida an. Er nennt sie "harsch". Aber das, was Ali Soufan beobachtet, ist für ihn "an der Grenze zur Folter". Abu Subaida liegt gefesselt auf einer Krankentrage. Er wird erniedrigt, nackt ausgezogen, er wird extrem kalten und extrem warmen Temperaturen ausgesetzt, mit lautstarker Musik bombardiert. Soufan will damit nichts zu tun haben. Er schreit Mitchell an: "Das bringt nichts, und es verstößt gegen alle Werte unseres Landes. Wir sind die USA, wir machen das nicht." Mitchell bleibt gelassen: "Das ist von höchsten Kreisen in Washington abgesegnet." Soufan ist fassungslos. Mitchell wedelt mit einem Dokument vor seiner Nase, zeigt es ihm aber nicht, sagt nur: "Die Genehmigung kommt von Gonzales." Er meint damit Alberto Gonzales, Freund von Präsident George W. Bush und dessen Rechtsberater im Weißen Haus. 2005 wird Bush Gonzales zum Justizminister ernennen.
Der Streit eskaliert, als Soufan in Subaidas Zelle eine dunkle Holzkiste entdeckt, Mitchell hat sie für Subaida gebaut, sie sieht aus wie ein Sarg. Soufan wird wütend, er vermutet, dass Mitchell den Terroristen zum Schein begraben will. Soufan ruft seine Vorgesetzten an, und FBI-Chef Robert Mueller ordnet daraufhin seine sofortige Rückkehr in die USA an.
Jetzt gibt es niemanden mehr, der Mitchell stoppt. Er sperrt Abu Subaida in die Kiste, der kriegt kaum Luft. Mitchell lässt ihn nicht mehr richtig zum Schlafen kommen. Er schleudert ihn mehrmals bei Verhören gegen die Wand. Und wendet nun auch Waterboarding an, das simulierte Ertränken, das nicht nur Menschenrechtsorganisationen als Folter bezeichnen. Abu Subaida wird insgesamt 83-mal dem Waterboarding unterzogen. Er verrät trotzdem nichts mehr. Es gibt in diesem Gefängnis keinen mehr, dem er vertraut.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2009