In dieser Familie fand George W. zunächst seine Rolle als Familienclown, dann als starrsinniger Rebell. Er fluchte, er trank, war aggressiv und ungeduldig. Nie vertrug er Kritik. Vor Jahrzehnten monierte seine geduldige Frau Laura einmal eine schlechte Rede. "Sie sagte, es sei nicht so gut gelaufen. Ich war so schockiert, dass ich den Wagen an unsere Hauswand fuhr, " schreibt Bush in seiner Autobiografie. "Er war der betrunkene Besserwisser", meint die Bush-Biografin Kitty Kelley, "einfach immun gegen jedes Schamgefühl."
Er lebt nach dem rigiden Rhythmus der Bekehrten. "Alles muss eine feste Struktur haben", sagt sein ehemaliger enger Berater Dan Bartlett. "Er gibt ja auch zu, dass er eine suchtgefährdete Persönlichkeit hat." Bush hatte sich von seiner Alkoholsucht befreit, als er Mitte der 80er Jahre die Religion entdeckte. Sieht sich seitdem als Wiedergeborener, der sich selbst für seine Fehler begnadigte. "Mein Glaube befreit mich", sagt er. "Macht mich frei, die Entscheidungen zu treffen, die andere nicht mögen. Ich muss mir keine Sorgen machen um das, was kommt."
Und so regierte er auch sein Volk. Sorglos steuerte er eine ganze Nation in den Abgrund. Nach dem 11. September 2001 veränderte er zielgerichtet den politischen Entscheidungsprozeß. Vizepräsident Richard Cheney erhielt faktisch die operative Macht. Experten wurden nicht mehr angehört, Andersdenkende entfernt. Regeln, Gesetze, die Verfassung? Sei's drum - es ging um den Krieg gegen Terroristen. "Amerika ist jetzt ein Imperium", kanzelte ein Bush-Berater einen entsetzten Journalisten ab. "Wenn wir handeln, schaffen wir neue Realitäten. Wir sind die Akteure der Geschichte. Und Ihr werdet bestenfalls studieren, was wir tun."
Und er schuf neue Realitäten. Vor allem im Irak. Drei Jahre sah er zu, wie der Krieg verloren ging, den er anzetteln ließ. Ließ geschehen, dass Tausende US-Soldaten und Zehntausende Iraker starben. War es, weil er glaubte, man müsse nur genügend Terroristen töten und dann werde schon alles gut? War es, weil Condoleezza Rice die Lage stets schönredete? Oder weil er sich stur auf den intriganten Verteidigungsminister Rumsfeld verließ? "Er hielt an ihm fest, schon aus Prinzip", sagt der Reporter Peter Baker. "Das war einer seiner größten Fehler. Aber es gehört zu seinem Verständnis von Loyalität. Je massiver die Kritik an Rumsfeld wurde, desto verbissener verteidigte er ihn. Ich bin der Entscheider, sagte er damals."
Im Sommer 2006, als man Nichts mehr beschönigen konnte, stimmte Bush zögernd einer Überprüfung seiner Strategie zu. Es war eine hochgeheime Operation, denn auf keinen Fall wollte man kurz vor den anstehenden Kongresswahlen eine faktische Niederlage eingestehen. Und wieder einmal entschied er dann nach seinem Bauch, folgte seinem Instinkt, auf den er so stolz ist. Befahl gegen den Widerstand des Generalstabes und seiner engsten Berater die "surge", die massive Truppenerhöhung im Irak. "Wenn das nicht klappt, haben wir unsere letzte Karte ausgespielt", fürchtete Condoleezza Rice. "Unsere letzte Kugel."
Es funktionierte, bislang, die Lage stabilisierte sich. Und mit David Petraeus gab es wohl zum ersten Mal einen wirklich fähigen General in Bagdad. Heute spricht George W. Bush nicht mehr vom "Sieg" im Irak. Stattdessen benutzt er das Wort "Erfolg".
"Präsident Bush musste seine innenpolitische Agenda zugunsten des Irakkriegs opfern", sagt Ex-Berater Marvin Olasky dem stern. Das habe alles verändert. "Sein Vermächtnis hängt nun ganz und gar davon ab, ob sich der Mittlere Osten reformiert oder nicht."
Jetzt muss Bush auf die Geschichte hoffen. Muss darauf hoffen, dass sie ihn reinwäscht. Etwas übriglässt von seiner Mission, den Terror in der Welt auszurotten, die Freiheit voranzubringen. Von ihm mehr hinterlässt, als das Bild eines sympathischen Dilettanten im Weißen Haus. In 86 Tagen wird er das Weiße Haus verlassen. Es wird ihn niemand vermissen.