Und so ist aus dem ehemals maroden Reich zumindest in Teilen ein gewisser Wohlstand eingezogen. Hatte 1990 gerade mal einer von hundert Chinesen ein Telefon, sind es heute 64 - Handys noch nicht mitgerechnet. Ähnlich bei den Autos: 1990 besaß nicht mal jeder hundertste Haushalt ein Auto oder Motorrad, heute ist es jeder zweite.
Der Wohlstand erreicht allerdings nicht die chinesische Landbevölkerung, sondern konzentriert sich in den neuen Wirtschaftshochburgen. Die Ungleichheit ist riesig: Die Löhne in den Städten sind mindestens dreimal so hoch wie auf dem Land, Kinder besuchen dreimal so häufig die Oberschule. Die Wahrscheinlichkeit zu studieren ist in den Ballungszentren gigantische 68 mal höher als auf dem Land. Der Lebensstandard in den dünn besiedelten Weiten Westchinas ist noch immer auf Dritte-Welt-Niveau. Das ist wohl die negative Seite des Deng Xiaoping-Satzes "einige müssen zuerst reich werden".
Diese soziale Kluft wird wohl in den nächsten Jahren nicht verschwinden: ""Den Rückstand, den Teile Chinas schon jetzt haben - der wird bleiben", ist sich Experte Taube sicher, "sowas ist verdammt schwer aufzuholen." Dazu kommt der ungeheure demographische Druck: Jedes Jahr werden fast 20 Millionen neue Chinesen geboren, 5,5 Millionen Studenten strömen aus den Universitäten - all diese Menschen wollen teilhaben am ökonomischen Erfolg.
Der Boom hat jahrelang den Blick getrübt für die Probleme im Riesenreich. "Das Wirtschaftswachstum wird erkauft durch soziale Verwerfungen, Raubbau an der Natur und Energieverschwendung", sagt Taube, und warnt: "das kann nicht mehr lange gut gehen." Das Heer der einfachen Landarbeiter ist quasi rechtlos, für den Bau riesiger Staudämme werden Hunderttausende umgesiedelt. Und die steigenden Lebensmittelpreise treiben Hunderttausende in die Armut und auf die Straße.
"China muss diese Faktoren einpreisen", fordert Markus Taube. Heißt: Die Löhne und Preise müssen noch weiter steigen, auf ein faires, realistisches Niveau. Höhere Löhne aber verändern die ganze Wirtschaftsstruktur in dem Riesenreich: Mittlerweile ist Arbeitskraft in anderen Ländern wie Indonesien weitaus billiger zu haben. Deshalb wandert gerade die einfache Produktion schon wieder aus China ab - zum Beispiel die Textilindustrie. China wird wohl nicht mehr lange die Nähkammer der Welt sein.
Stattdessen steigt das Land jetzt massiv in den Elektronikmarkt ein, sogar einfacher Maschinenbau siedelt sich mittlerweile an. "Die gehen ganz gezielt nach oben", sagt Markus Taube dazu. China nimmt gerade die nächste Stufe auf dem Weg vom Entwicklungsland zum modernen Industriestaat.
Und genau an diesem Punkt stellt sich eine drängende Frage, die jahrelang vom wirtschaftlichen Aufschwung in den Hintergrund gedrängt wurde: Die Systemfrage. Denn China ist noch lange keine freie Marktwirtschaft. Auf allen Ebenen ist die Verflechtung zwischen Partei und Unternehmen geradezu inzestuös, ohne gute Kontakte in die Politik kann man im Wirtschaftswunderland nichts werden. Parteisekretäre gründen Milliardenunternehmen, 90 Prozent der wirtschaftlichen Oberschicht sind gleichzeitig Parteikader. Experten sprechen deshalb von einem "Kaderkapitalismus".
Und genau diese hierarchische Wirtschaftsstruktur wird für China zum Problem: "Der Staat ist auf allen Ebenen der zentrale Akteur in der Wirtschaft. Das kann kurzfristig helfen, langfristig führt das ins Desaster", warnt Experte Taube. Denn: "Je komplexer und weiter entwickelt die Wirtschaft ist, desto schlechter lässt sich das zentral steuern. Das geht nur dezentral, wenn man auch Trial und Error zulässt." Wenn also jeder die Freiheit hat, sein ökonomischen Glück auf eigene Faust zu suchen.
Es ist eigentlich ganz einfach: Nur, wenn China die marktkapitalistischen Prinzipien des Westens von Eigenverantwortung und Risikobereitschaft übernimmt, wird es mit ihm auch auf höchstem Niveau konkurrieren können.
Ob das Riesenreich sein bisheriges Tempo im Wirtschaftswachstum auch mittel- und langfristig beibehalten kann, ist dementsprechend schwer vorherzusagen. Markus Taube wagt trotzdem eine Prognose: "Teile Chinas, zum Beispiel der weit entwickelte Küstenstreifen, könnten in 20-30 Jahren das Niveau von Portugal erreichen." Das wäre schon ein gigantischer Erfolg. Denn noch rangiert China beim individuellen Wohlstand weit hinter allen Ländern der westlichen Welt: Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt liegt gerade einmal bei 2500 Dollar, damit steht China weltweit auf Rang 106, zwischen Swasiland und Marokko.
Da ist noch eine Menge Luft nach oben. Der Chinesische Drache ist aus den Kinderschuhen heraus, er ist groß und selbstbewusst genug, um sich Respekt zu verschaffen - aber er ist noch lange nicht ausgewachsen.