Die Illusion der amerikanischen Hypermacht wurde im vergangenen Jahrzehnt gleich zweimal zerstört. Zunächst zeigte sich die Nemesis in den Straßen von Sadr City in Bagdad und den Tälern der afghanischen Provinz Helmand. Sie machte nicht nur deutlich, wie begrenzt die Militärmacht der USA ist, sondern auch, wie naiv die neokonservativen Visionen von einer demokratischen Welle im Nahen und Mittleren Osten waren. Ein zweites Mal zeigte sich die Nemesis, als sich die Subprime-Krise des Jahres 2007 erst zur Kreditkrise 2008 ausweitete und schließlich zur großen Rezession 2009 eskalierte.
Und was blieb? Am Ende des Jahrzehnts konnte die westliche Welt nur staunen, wie schnell die chinesische Regierung auf den schwindelerregenden Exporteinbruch im Zuge der US-Kreditkrise reagiert hatte. Während die Industrienationen am Rande einer zweiten großen Depression standen, musste China nur eine geringfügige Wachstumsverlangsamung hinnehmen. Grund dafür waren ein effektives staatliches Konjunkturprogramm und eine massive Kreditexpansion.
Natürlich wäre es naiv zu glauben, das kommende Jahrzehnt werde China keine Probleme bereiten. Tatsache aber ist, dass Asiens jüngste und größte industrielle Revolution während der Finanzkrise 2007 bis 2009 kaum an Fahrt verloren hat. Und welch eine Revolution das ist! Man vergleiche ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um das Zehnfache im Zeitraum von 26 Jahren mit einer Steigerung um das Vierfache in 70 Jahren. Ersteres hat China zwischen 1978 und 2004 vollbracht, Letzteres Großbritannien zwischen 1830 und 1900.
Was verlieh dem Westen in den vergangenen 500 Jahren Überlegenheit gegenüber dem Osten? Meiner Ansicht nach waren es das kapitalistische Unternehmen, die wissenschaftliche Methode, ein politisches und rechtliches System, das auf Eigentumsrechten und individuellen Freiheiten gründet, traditioneller Imperialismus, die Konsumgesellschaft und das, was Max Weber wohl fälschlicherweise als "protestantische" Arbeitsethik bezeichnete.
Einige dieser Dinge (die ersten beiden) hat China eindeutig kopiert. Andere wird es wohl mit einigen "konfuzianischen" Modifizierungen übernehmen (Imperialismus, Konsum und Arbeitsethik). Was die westliche Version von Recht und Politik anbelangt, so gibt es wenig Anzeichen, dass der Einparteienstaat diese übernehmen wird. Aber braucht China die gute alte Demokratie, um dauerhaften Wohlstand zu erzielen? Das kommende Jahrzehnt wird diese Frage beantworten.