
Schachspielen im Münchner Hauptquartier des Uigurischen Weltkongresses: "Wir sind gut integriert"© Lennart Preiss/DDP
Adel Noori habe von seinen Bewachern immer wieder gehört, dass er unschuldig sei, sagt seine Anwältin Seema Saifee. Dieser Meinung war offenbar auch die US-Regierung. Sie bettelte in den vergangenen fünf Jahren bei 100 Ländern förmlich um die Aufnahme der Uiguren. US-Außenminister Colin Powell soll sich 2004 persönlich dafür eingesetzt haben.
Vor ein paar Wochen kam US-Justizminister Eric Holder nach Berlin. Er bat um europäische Unterstützung bei der Schließung Guantánamos. Er hatte 30 Namen von Gefangenen, die jederzeit entlassen werden könnten. Man hörte ihm höflich zu, man gab ihm zu verstehen: Guantánamo sei vor allem ein Problem der USA. Man erwarte die Freilassung von Gefangenen auch auf dem Staatsgebiet der USA. Und dann überreichte Daniel Fried, frisch gekürter Guantánamo-Beauftragte der Obama-Regierung, den Deutschen eine Liste mit neun Namen: allesamt Uiguren.
Hier aber will sie niemand haben. Konservative Politiker nicht, aber auch Sozialdemokraten eiern herum. Wie etwa Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der sich nicht auf ein klares Ja oder Nein festlegen möchte. Die US-Regierung müsse zunächst klarstellen, wie viele und welche entlassenen Häftlinge sie in Europa insgesamt unterbringen wolle, sagte er. Dabei hatte Steinmeier noch vor wenigen Monaten angekündigt, Gefangene aus Guantánamo aufnehmen zu wollen.
Offiziell führt die Politik gegen die Aufnahme der Turk-Chinesen Sicherheitsbedenken ins Feld. Vor allem aber fürchtet das politische Berlin um die guten Beziehungen zu China. Der ständige Ärger mit dem Friedensnobelpreisträger Dalai Lama ist schon schlimm genug, die Beschwerden, die Proteste, der öffentliche Druck.
Außerdem traut man den USA in dieser Frage immer noch nicht - auch wenn der neue Präsident Obama und nicht mehr George W. Bush heißt. Traut den Informationen nicht, die von den US-Behörden zur Verfügung gestellt werden. Misstraut auch dem früher so stramm konservativen Scharfmacher Daniel Fried. Vor allem abmöchte man in Berlin erst einmal ein Symbol sehen: die Freilassung einiger Gefangener innerhalb der USA.
Und das scheint im Moment schwieriger denn je: In den USA wächst der Druck, die Gefangenen in Guantánamo sitzen zu lassen. Die Konservativen machen Front, schüren Emotionen: So fordern die Republikaner im US-Kongress, dass kein Gefangener aus Guantánamo in die USA kommen soll. Man wolle keine Terroristen im eigenen Land, heißt es. Und selbst die Demokraten legten jetzt auf Druck ihrer Wähler nach: Sie wollen die von Obama geforderten 80 Millionen Dollar zur Schließung von Guantánamo erst einmal nicht freigeben.
Niemand will Terroristen im eigenen Land. Doch sind die Uiguren überhaupt gefährlich? Als im Oktober 2001 der Krieg in Afghanistan begann, versuchte Adel Noori, wie Abertausende auch, über die Grenze nach Pakistan zu fliehen. Er saß in einem Auto mit vier arabischen Männern, als die pakistanische Polizei sie verhaftete. In diesen Tagen hatte es Flugblätter vom Himmel geregnet: "Erlangt mehr Reichtum und Macht als in Euren Träumen! Findet Taliban und Mörder!", war darauf zu lesen.
Für 7000 Dollar wurde Adel Noori an die Amerikaner verkauft. Für andere wurden 5000 Dollar pro Kopf bezahlt, heißt es. Und sie waren froh, dass sie von den Amerikanern verhaftet wurden. Jetzt würden sie nicht an China ausgeliefert. Doch seit dem 11. September standen sie nach der offiziellen Schreibweise der chinesischen Behörden unter Terrorverdacht. Die Splittergruppe "Etim" sei eine islamistische Terrorgruppe. Und alle Uiguren in Afghanistan seien potentiell als islamistische Terroristen zu betrachten. Es war für die chinesische Administration schlicht eine willkommene Gelegenheit. Die USA setzten "Etim" erst 2003 auf die Liste terroristischer Vereinigungen, auf massiven Druck Chinas, wie es heißt. Man wollte in China gut Wetter machen - denn damals ging um internationale Unterstützung für den Irak-Krieg.
Insgesamt 21 Uiguren wurden den Amerikanern übergeben. Die US-Behörden sagen: Drei von ihnen wurden im Kampfgebiet entlang der pakistanischen Grenze verhaftet, dem Rückzugsgebiet von al Kaida. Einige von ihnen sollen an Waffen ausgebildet worden sein. Ihre Anwälte sagen: Einige haben ein paar Schuss abgegeben - in einem Land, in dem es mehr Kalaschnikows als Männer gibt. Einer von ihnen soll den US-Verhörern einmal gesagt haben: "Man geht nur nach Afghanistan, um zu lernen, gegen die Chinesen zu kämpfen." Die Anwälte beharren darauf, dass ihre Mandanten erst in Guantánamo von al Kaida gehört haben.
Adel Noori würde gerne nach Deutschland kommen, sagt seine Anwältin. Sein Cousin lebt in München, arbeitet er in einem Restaurant. Auch die uigurische Gemeinde dort, die größte in Europa, würde ihm und seinen Mitgefangenen helfen. "Wir sind gut integriert", sagt Dolkun Isa, "ein Drittel unserer Kinder geht aufs Gymnasium". Der Großteil der Münchener Uiguren hat sich mit Läden und Restaurants selbstständig gemacht, einen Job hätten die möglichen Neuankömmlinge schon jetzt. Und Dolkun Isa, selbst Flüchtling, ist sicher: "Sie wollen kommen und sie werden auch kommen."