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2. Mai 2008, 14:34 Uhr

Der Kampf ums Essen

In einem Vorort von Kairo umlagern Menschen eine Bäckerei. Die meisten können sich nur noch die Weizenfladen leisten, die mit staatlich subventioniertem Mehl hergestellt werden - doch das reicht nicht für alle© Asmaa Waguin/Reuters

Als der Westen anfing, die Finanzhilfen für die eigenen Bauern abzubauen, saß Ägypten in der Falle. Der Importweizen wurde teurer, die Regierung in Kairo machte Schulden, um die Preise niedrig zu halten. Später musste der Internationale Währungsfonds mit Krediten einspringen. Er verlangte aber, Ägypten solle die Landwirtschaft auf Exportfrüchte umstellen, mit denen sich Dollar verdienen ließen. Aus einer Kornkammer ist so ein verschuldeter Staat geworden, der zwar Erdbeeren gen Europa verschickt, aber seine eigene Bevölkerung nicht mehr ernähren kann. "Wir bauen an, was Geld bringt, und nicht, was die Menschen hier eigentlich brauchten", sagt Scharif Attia, Besitzer von Greenegypt, dem viertgrößten Obstexporteur vor den Toren Kairos. "So ist eben die Globalisierung."

Wie konnte das System aus den Fugen geraten?

Tausende Ägypter sind in den vergangenen Wochen auf die Straße gegangen. Schon einmal, 1977, war es zu landesweiten Revolten gekommen, als sich der Brotpreis drastisch erhöhte. Damals starben Hunderte, fast wäre das Regime gestürzt. Inzwischen hat die Regierung Aufpasser an fast allen staatlichen Bäckereien im Land postiert. Sie sollen verhindern, dass die Lage eskaliert. "Kullu Tamam - kein Problem hier, alles in Ordnung", sagt einer dieser Männer vor dem Ausgabefenster einer Kairoer Bäckerei. Die Menschen in der Schlange neben ihm bleiben ruhig, sie haben Angst. Wie konnte ein System, das zwar ungerecht war, aber doch irgendwie die Preise stabil hielt, überhaupt so rasch aus den Fugen geraten?

Ein Bestsellerautor hätte es sich kaum dramatischer ausmalen können. Es begann vor zwei Jahren am anderen Ende der Welt, in Australien. Normalerweise ist das Land zweitgrößter Exporteur von Weizen. 2006 aber brach die Ernte aufgrund von Dürre um die Hälfte ein. Der Weizenpreis zog an. Dann meldeten die US-Farmer drastische Rückgänge der Maisernte, und bis Februar 2007 kletterte auch der Preis für Mais auf ein Zehnjahreshoch.

Eine Frau hat in Manila ihre Reisration ergattert. Wie in der Hauptstadt lässt die philippinische Regierung überall im Land das Grundnahrungsmittel zum Sonderpreis verteilen. Die Lastwagen werden von Soldaten mit Sturmgewehren gesichert© Romeo Gacad/AFP

Noch hätten sich die Märkte wieder einpendeln können, nun aber verheerten Unwetter weitere wichtige Ernteregionen. Dauerregen ertränkte die Felder Großbritanniens, gleichzeitig litten die wichtigen Getreideexporteure am Schwarzmeer unter Wassermangel - allein die Ukraine, sechstgrößter Getreideexporteur, drosselte die Ausfuhr um ein Drittel. Auch Kanada verzeichnete Einbußen, und als ob das nicht schon genug sei, wurde Australien 2007 erneut von Trockenheit heimgesucht. Wieder erntete das Land nur knapp 13 Millionen Tonnen Weizen anstelle der üblichen 25.

Spill-over-Effekt

Mästereien schwenkten nun auf Mais als Futtermittel um, und so stieg auch der Preis von Mais weiter an. Schlimmer noch: Es kam zu einem sogenannten Spill-over-Effekt. Die allgemeine Inflation der Lebensmittelpreise ließ auch den Preis von Reis ansteigen, obwohl die Ernte 2007 eigentlich gut gewesen war. Regierungen verhängten Exportbeschränkungen, und die Preiskurven wurden abermals steiler.

Das alles wäre schon schlimm genug gewesen. Doch aufgrund der hohen Ölpreise wurde die Umwandlung von Mais, Zuckerrohr oder Palmöl in Biotreibstoff immer lukrativer. Und im Sog der Klimadiskussion heizen einige Regierungen den Trend weiter an. Mittlerweile landet ein Fünftel der gesamten US-Maisproduktion in Kraftstofftanks; in Brasilien stellt Ökosprit aus Zuckerrohr fast die Hälfte des gesamten Benzins, in der EU sollen es zehn Prozent bis 2020 sein.

Schon die Klimabilanz dieses Experiments ist fragwürdig. Eine Studie der Universität Minnesota kommt zu dem Schluss, dass Biosprit zu doppelt so hohen Emissionen führt wie normales Benzin. Die Ausdehnung von Anbauflächen vernichtet Regenwald und raubt den Menschen die Nahrung: Die Rohstoffe, die notwendig sind, um den Tank nur eines Geländewagens zu füllen, könnten einen Menschen ein Jahr lang ernähren.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 18/2008

 
 
 
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