Doch es kommt alles anders: Eine einzige Kugel trifft Neda in die Brust. Die Frau bricht zusammen, fällt auf den Boden - und stirbt. Über den ganzen Globus verfolgen Menschen im Internet ihre letzten Sekunden. Die Kameras anderer Protestteilnehmer halten drauf: ihr Gesicht, das Blut, die erstarrenden Augen. Ihr weinender Lehrer, der über ihr kniet.
Nedas Mutter hat das Video zunächst nicht gesehen. Mit ihren Verwandten zog sie in die Wohnung von Nedas großer Schwester. Hier ist genug Platz für die traditionelle, siebentägige Trauerzeremonie. Nach drei oder vier Tagen erzählt ihr jemand von den Aufnahmen. "Als ich heimkam, habe ich mir das Video angesehen", berichtet die Frau den CNN-Reportern. "Es hat so sehr weh getan. Es war so schmerzhaft, dass ich es nie wieder bis zum Ende gesehen habe."
"Der Moment, in dem sie ihr Leben gibt, der Moment, in dem das Leben ihren Körper verletzt …Es tut so sehr weh." Vor allem schmerzt sie der Anblick von Nedas weit aufgerissenen Augen: "Jeden Morgen wache ich mit diesem Bild auf. Jeden Abend gehe ich mit diesem Bild zu Bett."
"Was mich am meisten erschüttert", erzählt Hajar Rostami weiter, "ist der Moment, in dem Neda erschossen wird. Neda war immer so eine tapfere Persönlichkeit. Schon in ihrer Kindheit war sie mutig und furchtlos. In dem Moment, als sie erschossen wird, das konnte ich in dem Video erkennen, kann sie es gar nicht glauben. Sie kann nicht fassen, dass sie eine Kugel abgekommen hat. Sie schaut an ihrem Körper herunter und als Neda sieht, dass sie getroffen wurde, macht sie ein paar wenige Schritte rückwärts und fällt. Das einzige was sie noch hervorbrachte, war: 'Lehrer, ich brenne'. Die Menschen sagen, sie sei innerhalb von 44 Sekunden verstorben."
Einmal ist die Familie zum Ort gefahren, an dem Neda verstarb. Sie wollten den Weg, den Neda am Tag ihres Todes genommen hatte, nachvollziehen. "Es waren nur noch 26 Schritte bis zu ihrem Auto."
Hajar Rostami erinnert sich voller Liebe zurück an ihre Tochter: "Schon als Kind war sie immer sehr aufgeregt und hatte auf alles eine Antwort. Sie hatte einen guten Charakter, war immer freundlich. Vor allem war sie sehr mitfühlend und fürsorglich." Neda war von ihrem Mann geschieden, was die Suche nach einem Arbeitsplatz sehr schwierig machte. "Wenn sie mal ein Bewerbungsgespräch hatte, wurde sie sofort schief angeschaut, kaum dass sie ihre Bewerbungsunterlagen ausgefüllt hatte", erinnert sie sich an diese schwierige Zeit. Aber: "Sie war die Art von Mädchen, das sich niemals einer Gewalt unterordnen würde."
Neda entschied zu Hause zu bleiben, teilte sich ein Zimmer mit ihrem Bruder. In ihrer Freizeit machte sie am liebsten Aerobic oder ging zum Sonnen ins Schwimmbad. Daheim spielte sie Musikinstrumente, Geige und Gitarre. Für ihren Bruder hatte sie kurz vor ihrem Tod ein Piano organisiert. Er sollte spielen lernen. "Wenn er jetzt abends von der Arbeit heimkommt, spielt er und singt in Nedas Andenken", erzählt die Mutter der beiden. "Das hält uns die Abende über am Leben."
Nedas Mörder ist immer noch auf freiem Fuß, doch ihre Mutter vertraut darauf, dass er eines Tages verhaftet und verurteilt wird: "Ich warte auf diesen Tag."
Hajar Rostami freut sich, dass die Menschen ihre Tochter nicht vergessen haben. "Die Leute auf der Straße grüßen mich noch immer, als wäre ihr Tod erst wenige Tage her." Nicht einmal der repressive Staat kann dieses Andenken zerstören. "Immer wieder schreiben die Menschen mit roter Tinte "Märtyrerin" auf ihren Grabstein. Die Behören machen es zwar jedes mal wieder weg, aber das nützt nichts. Neda macht mich sehr stolz."
Entgegen der iranischen Tradition hat die Familie nichts von Nedas Besitz weggegeben. Ihr Bett, der Schminktisch, die Fotos, alles steht noch immer unangerührt an seinem Platz. Der Grund ist, dass Neda ihrer Schwester im Traum erschien und sie bat, nichts wegzugeben.
Neda sagte: "Ich lebe."