
20. März 2003: Als die ersten Bomben auf Bagdad fielen, versprach Kanzler Schröder: "Deutschland beteiligt sich nicht an diesem Krieg"© Frank Ossenbrink
21. Januar 2003: Bundeskanzler Schröder auf einer Wahlkampfveranstaltung im niedersächsischen Goslar: "Unter meiner Führung wird sich Deutschland an einer militärischen Intervention im Irak nicht beteiligen."
Mittwoch, 22. Januar 2003. Der Deal wird vollzogen. Der BND verabredet mit dem US-Militärgeheimdienst DIA, im Krieg zu kooperieren.
Einen Tag später setzt BND-Chef Hanning das Kanzleramt in Kenntnis. Schriftlich teilt er Geheimdienstkoordinator Ernst Uhrlau Angriffspläne der Amerikaner mit und berichtet über die Absprachen mit dem US-Militärgeheimdienst.
Trotz ihres offiziellen Neins zum Krieg haben sich die Deutschen somit Zugang zur Schaltzentrale der amerikanischen Kriegsmaschinerie verschafft. Dafür zahlen sie einen hohen Preis: Im Gegenzug müssen BND-Agenten in Bagdad für die US-Streitkräfte spionieren. Am 4. Februar 2003 wird der Deal in einer formellen "Regelung zur Übereinkunft" festgezurrt. Noch sechs Wochen bis zum Krieg.
13. Februar 2003: Bundeskanzler Schröder im Bundestag: "Diese Regierung hat die Frage, ob wir uns am Irak-Krieg beteiligen, mit Nein beantwortet, und dabei bleibt es."
Samstag, 15. Februar 2003. Die BND-Männer Mahner und Heinster beginnen in Bagdad mit ihrer Arbeit. Zehn Tage später bezieht Oberstleutnant Porster alias "Gardist" Position bei Centcom in Qatar. Sofort richten die US-Streitkräfte via Porster in Qatar und Pullach die erste Anfrage an das deutsche Agentenduo in Bagdad. Noch drei Wochen bis zum Beginn der Bombardements. Und noch mehr als 60 Anfragen der Amerikaner bis zum Ende des Kriegs.
Donnerstag, 20. März. Bagdad. Um 5.34 Uhr Ortszeit versucht die US-Air Force einen "Enthauptungsschlag" gegen Saddam. Doch der Diktator ist nicht da, wo die Bomben einschlagen. Der Krieg beginnt mit einer Fehleinschätzung der CIA.
Die Amerikaner informieren die Deutschen vorab über Luftangriffe auf Bagdad. Mahner und Heinster wollen sich "nur in Feuerpausen" in die Stadt wagen. Sie haben in ihrer Zentrale schriftlich darauf gepocht, "Infos des Centcom" an Bagdad "verzugslos" zu bekommen.
20. März 2003: Bundeskanzler Gerhard Schröder in einer Fernsehansprache an die Nation: "Der Krieg hat begonnen. Es bleibt dabei: Deutschland beteiligt sich nicht an diesem Krieg."
Allein in den ersten vier Tagen schlagen in Bagdad 1565 Bomben und Raketen ein. Anders als im Golfkrieg 1991 wollen US-Militärs die Infrastruktur des Iraks - Kraftwerke, Ölraffinerien, Brücken - diesmal weitgehend erhalten. "Regimeziele" stehen auf den Ziellisten, der Diktator und seine Schutztruppen, Gebäude von Baath-Partei und Geheimdiensten, Saddams Propagandasender, Treffpunkte von Obristen und Gefechtsstände der Republikanergarden.
An solchen Zielen orientieren sich auch die Aufgaben für Rainer Mahner und Volker Heinster.
Freitag, 28. März 2003, Tag 9 des Krieges. Am Morgen meldet das deutsche Team nach einer gemeinsamen Patrouille mit den Franzosen, dass der Offiziersclub der irakischen Luftwaffe zerstört ist. "In den Ruinen/Gebäuden kann man beobachten, wie Sandsäcke aufgebaut werden. Indizien, dass man sich auf Häuserkämpfe einstellt." Es dauert nicht lange, dann schlägt die US-Luftwaffe am Offiziersclub erneut zu.
Dienstag, 1. April, Tag 13 des Krieges. Mahner meldet um 12.25 Uhr einen erneuten Treffer auf den Club. "Dem Erdboden gleichgemacht", berichtet das BNDTeam anderthalb Stunden später. Im Gebäude gegenüber habe man noch immer "Offiziere gesichtet", in Rohbauten rechts neben den Trümmern "sind unter Tarnnetzen untergezogen höherwertige Militärfahrzeuge", wie sie nur Offiziere benutzen, und "Soldaten der RG", der Republikanergarden. Der BND arbeitet akkurat: "Koordinaten 044 Grad 26 Minuten 02 Sekunden Nord 33 Grad 18 Minuten 14 Sekunden Ost Radius ca. 150 Meter".
Mittwoch, 2. April, Tag 14 des Krieges. Es gibt Probleme mit der Datenübertragung aus Bagdad. Rainer Mahner informiert Pullach telefonisch über den "Einsatz mobiler TV-Sendewagen" und die Zeiten der festgestellten Detonationen. In der Stadt brennen die mit Öl gefüllten Gräben, was die Satellitenaufklärung erschweren soll. "Wetter ist gut, sonnig, ca. 24 Grad, rohölverhangener Himmel. Viele Grüße aus Bagdad."
Freitag, 4. April. Es ist der 16. Tag des Krieges. Im Centcom-Hauptquartier in Qatar diskutieren US-Generäle am Morgen, wie man an den Defensivpositionen der Iraker vorbei Bagdad einnehmen könnte. Um 10.50 Uhr meldet sich Pullach telefonisch bei Oberstleutnant Mahner. Er erfährt von seinem Referatsleiter, "dass US-Streitkräfte vor der Entscheidung stehen, die Gunst der Stunde zu nutzen und gleich durchzumarschieren. Daher sind aktuelle Infos zum aktuellen Lagebild in Bagdad von größter Wichtigkeit". Frist: bis 15 Uhr.
Mahner legt los. Schon um 12.20 Uhr meldet er: "Viele hochrangige irakische Stabsoffiziere halten sich vor der französischen Botschaft auf." In einigen der Gebäude, "Umkreis ca. 200 Meter", sind vermutlich Ausweichgefechtsstände.
In den weiteren Telefonaten und Fernschreiben zwischen Bagdad, Pullach und Qatar geht es um "Schanzmaßnahmen (vorwiegend Republikanergarden)" an Palästen und um Villen irakischer Parteifunktionäre. Es geht um die Kampfmoral der Iraker und die Wirkung von Bombentreffern am Messegelände, einem Versteck irakischer Geheimdienstler. Mahner und Heinster treffen sich sogar mit überlebenden Agenten des irakischen Geheimdienstes und horchen sie aus. Auf US-Anfrage Nr. 24 melden sie telefonisch erneut militärische Details: "mannshohe Sandsackwände, häufig in U-Form".
Dienstag, 8. April 2003, Tag 19 des Krieges. Mahner und Heinster werden nachts um 23 Uhr vom Lage- und Informationszentrum des BND aufgefordert, Saddam Hussein zu suchen. Die Amerikaner hätten einen heißen Tipp bekommen. Doch dieses Mal rücken sie nicht aus. In der Morgendepesche schreiben die Agenten: "Hätten wir zu dem vermuteten Aufenthaltsort hinfahren, klingeln und nach SADDAM fragen sollen?" Schon das Auftauchen ihres auffälligen Diplomaten-Mercedes dort hätte "zum sofortigen Verlassen durch Saddam" geführt und "zu ebenso sofortiger Erschießung unsererseits. Wir sind uns nur über die Reihenfolge unklar."
Montag, 21. April 2003. Das alte Regime ist gestürzt, der Diktator geflüchtet. Stolz schreibt das BND-Duo am Nachmittag in einem Sachstandsbericht: "An der deutschen Botschaft wurde heute um 14:00 Uhr Ortszeit von Mitarbeiter Mahner und Mitarbeiter Heinster im Beisein von 6 Wachen wieder die deutsche Flagge gehisst."
Während des Fronturlaubs im Mai 2003 werden Mahner und Heinster bei der Residententagung des BND in München beklatscht und bejubelt, im Beisein von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier. Im Namen von George W. Bush verleiht das amerikanische Militär ihnen und Oberstleutnant Porster im November 2003 die "Meritorious Service Medal", einen Militärorden. In der Laudatio danken amerikanische Generäle den BND-Mitarbeitern "für entscheidend wichtige Informationen an das US-Zentralkommando, um Kampfoperationen im Irak zu unterstützen". Am 16. Dezember 2003 lässt sich Außenminister Joschka Fischer im jordanischen Amman von den BND-Männern den heiklen Fronteinsatz schildern.
Erst Jahre später, im Januar 2006, erfährt die Öffentlichkeit, dass der BND während des Irak-Kriegs in Bagdad war. Danach gefragt, erklärt Joschka Fischer, der Sachverhalt sage ihm "nichts". Sein Amtsnachfolger Steinmeier antwortet auf die Frage, ob er von den BND-Aktivitäten gewusst habe, mit "Nein". Ein Missverständnis, beteuert das Außenamt später.
Und Steinmeier geht in die Offensive. Es gilt, einen drohenden Untersuchungsausschuss zu verhindern. Die BND-Agenten hätten nur sogenannte Non-Targets geliefert - also Ziele wie Krankenhäuser oder Botschaften, die US-Bomberpiloten verschonen sollten. Das Duo habe Kopf und Kragen riskiert, um das "Leben Unschuldiger zu retten", sagt Steinmeier, im Kanzleramt einst oberster Chef der Geheimdienste. "Klare politische Grundentscheidung" sei gewesen: "keine aktive Unterstützung von Kampfhandlungen im Irak", sagt Steinmeier, nun Außenminister. "Jetzt versuchen einige, die Geschichte umzuschreiben."
Genau das wird zu klären sein. Wer sagt die Wahrheit? Wer hat gelogen? Am kommenden Donnerstag müssen Heinster und Mahner vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Dann geht es um die Frage, wie die rot-grüne Regierung mit den USA im Krieg kooperiert hat. Vermutlich noch in diesem Jahr wird auch der Kanzlerkandidat der SPD als Zeuge geladen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2008