Laut dem Ortsansässigen Nadschibullah, planen die Dorfältesten nun, nach der Beerdigung der Opfer nach Kundus-Stadt zu reisen und sich dort über den Angriff zu beschweren. Klarheit über den Vorfall wird, wenn überhaupt - erst die von der Isaf angekündigte Untersuchung des Vorfalls bringen. Ein Team von Ermittlern unter der Leitung eines Admirals der Nato-geführten Schutztruppe sei bereits an den Ort des Geschehens geschickt worden, sagte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen.
Es wird auch die Frage geklärt werden müssen, warum der als besonnen geltende Bundeswehr-Offizier Verstärkung aus der Luft angefordert hat, um zwei gekaperte Tanklaster unschädlich zu machen. Der seit dem Sommer zuständige Nato-Oberkommandierende in Afghanistan, Stanley McChrystal, sagte laut der "New York Times" jüngst in einem Interview, dass es für Luftangriffe strikte Vorgaben gebe, um unnötige Opfer unter den Zivilisten zu verhindern. Üblicherweise sei Luftverstärkung nur dann erlaubt, wenn die Gefahr bestehe, dass die Koalitionstruppen vom Gegner "überrannt" werden könnten.
Gewiss ist aber schon jetzt, dass die Taliban ihre Drohung wahr gemacht haben: Sie haben den radikal-islamischen Aufstand in den Norden getragen. Besonders das einst sichere Kundus ist betroffen, wo die Entwicklung immer mehr an die südafghanische Unruheprovinz Kandahar erinnert. Vor der Präsidentschaftswahl vor gut zwei Wochen sagte ein Anführer der Taliban in Kundus namens Maulawi Kari Baschir dem US-Magazin "Newsweek": "Die Deutschen sollten besser mehr Särge schicken, um ihre toten Söhne einzusammeln."
Das mag zu einem großen Teil großspurige Taliban-Propaganda sein. Dass die Gewalt aber trotz der immer stärkeren Bundeswehr-Präsenz eskaliert, ist unstrittig. Kaum ein Tag vergeht ohne Anschläge oder Gefechte. Erst vor zwei Tagen wurden bei Kämpfen vier deutsche Soldaten verletzt, nach Angaben der Bundeswehr wurden mindestens drei Aufständische getötet. Ein Hauptfeldwebel, der alleine in den ersten vier Wochen seines Einsatzes in fünf Feuergefechte verwickelt wurde und bereits 2008 in Kundus war, sagte kürzlich: "Die Lage hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr um 180 Grad gewendet. Das ist Krieg. Definitiv."
Nach dem Zwischenfall ist zudem sicher, dass die Debatte über den deutschen Einsatz am Hindukusch wieder aufflammen wird. Denn offiziell führt die Bundeswehr in Afghanistan keinen Krieg, sondern einen Stabilisierungseinsatz. "Zugegeben einen recht robusten Stabilisierungseinsatz, der Kampfhandlungen mit einschließt", wie Ministeriumssprecher Christian Dienst sagt. Doch je mehr die Taliban die deutschen Soldaten im Norden in Kämpfe verwickeln, und je mehr Opfer es dabei auf Seiten der Truppen als auch in der afghanischen Zivilbevölkerung gibt, desto kritischer dürfte die deutsche Öffentlichkeit den Einsatz beurteilen - wenige Wochen vor der Wahl keine einfache Lage für die politischen Befürworter des Afghanistanfeldzugs.