
Ziegler prangert an: "Diese Massengräber mit Hungerleichen sind von Menschen gemacht"© Kathrin Harms
Er legt den Kugelschreiber zur Seite, sein Zeigefinger klopft nun auf Holz. "Während wir hier sitzen und reden, stirbt in der dritten Welt jede fünf Sekunden ein Kind." Er hebt den Finger, sticht zweimal in die Luft: "Es könnte der Kleine sein, es könnte auch der sein. Sie alle werden ermordet. Und der reiche Norden schaut zu."
Ziegler nimmt die Brille ab, reibt sich mit vier Fingern das linke Auge. "Nein, er macht sogar mit. Der Raubtierkapitalismus ist die Pest unserer Zeit. Diese Massengräber mit Hungerleichen sind von Menschen gemacht. Gemacht von Menschen, verstehst Du? Weil zur Rendite der Kosmokraten, wie ich sie in meinem Buch nenne, nicht die Bekämpfung des Leids und des Hungers gehören." Zieglers Stirnfalten werden zu Furchen: "Die Nestles und Pfizers dieser Welt haben ja nur die Vermehrung von Reichtum, ihres Reichtums, im Kopf."
Unternehmen als Massenmörder? Übertreibt Ziegler manchmal? Im Eifer seines Gefechts? Ziegler beugt sich vor, nimmt die Brille ab und ihren linken Bügel in den Mund. "Man muss ja die Leute des Raubtierkapitalismus hart angreifen. Sonst hat es keinen Sinn, verstehst Du? Wenn ein Fenster zu ist und Du kannst es nicht öffnen, dann musst Du die Scheibe einschlagen. Deswegen spitze ich meine Sprache zu." Ein leichter Wind weht herein durch die offene Terrassentür. Ziegler blickt nach draußen, sagt: "Voilà, jetzt trinken wir mal wieder etwas. Der Mensch muss ja auch genießen können."
Man steht auf, geht hinaus in den Garten, mediterran angelegt und eingefasst von einer Natursteinmauer. Der Blick reicht über eine weite, grüne Ebene bis zu den weißen Gipfeln der Savoyen. "Da unten", zeigt Ziegler mit ausgestrecktem Arm, "keine dreihundert Meter von hier, ist die Schweiz zu Ende." Er lächelt. "Gott sei Dank." Zwischen der Ebene und den Savoyen liegt, von hier aus nur matt schimmernd am Horizont, was Ziegler prägte: Genf. Dort hat er sein Uno-Büro, dort studierte er Soziologie, "die Waffe in der Hand der Unterdrückten", dort wurde er 1977 auch Professor der Soziologie und zwei Jahre später Parlamentarier für die SP, die Schweizer Sozialdemokraten.
Dort wurde er ein anderer. Denn Jean war mal Hans. Geboren 1934 in Thun, Schweizer Garnisonsstadt unweit Bern. Die Eltern impften ihn mit calvinistischer Demutshaltung: "Mach di Sach!" Halt den Mund, sollte das heißen. Sei folgsam und dankbar für alles. Wir haben es doch gut hier in der Schweiz. Doch Ziegler, "die Trommel der Auflehnung schon früh im Kopf", wie er in seiner Autobiographie schreibt, möchte fort von Thun. Seinen Horizont erweitern, weil ihm die erhabenen Viertausender, die das Städtchen umstehen, "irgendwann wie Bretter vor den Köpfen erschienen."
Geht 1953 mit ein paar Worten Französisch für einige Jahre nach Paris, um die Rechte zu studieren. Konvertiert zum Katholizismus. Lernt, neugierig, selbstbewusst, intelligent, Sartre kennen und de Beauvoir. Bekommt von ihnen "sein theoretisches Rüstzeug für den Kampf um Gerechtigkeit."
Konvertiert zum Sozialismus. Bewirbt sich dann für eine Assistentenstelle der UNO im Kongo, der von Belgien gerade in die Unabhängigkeit entlassen wurde, 1961. Bekommt dort sein praktisches Rüstzeug. Sieht Kinder im Elend verrecken, weil Belgien sich einen Dreck scherte, wie es mit dem Kongo weitergeht. In diesem Augenblick schwor er sich: "Nie mehr - nicht einmal rein zufällig, möchte ich auf der Seite der Henker stehen."
In Genf, drei Jahre später, traf er auf Che Guevara, der einer Konferenz im Interconti beisaß. Ziegler, Bewunderer Ches, begleitete ihn während sechs Wochen der Konferenz. Am Ende wollte ihm Ziegler, 30-jährig und überschäumend vor Idealismus, nach Kuba folgen. Den Sozialismus in seiner reinen Form erleben. Doch Che beschied ihm: "Schau Dich um, Juan. All die Banken, Versicherungen, die teuren Hotels, die mächtigen Firmen. Hier bist Du im Gehirn des Ungeheuers! Was willst Du mehr? Dein Schlachtfeld ist hier."
Ziegler entschied, den Rat anzunehmen. Zu bleiben in Genf. Zu kämpfen. Bis heute. Und für wie lange noch? Ziegler, reich nur an Schulden aus unzähligen Verleumdungsklagen, wird nicht aufhören, weiter schießen und also weiter schreiben. Markus Krebser, Freund und Mitschüler aus Kindertagen, sagt: "Ziegler wird keine Altersruhe finden." Er darf es wohl auch nicht, denn er kann jetzt nicht plötzlich schweigen, nur weil die Zeit auch für ihn keine Pause einlegt und ihn bald vierundsiebzig werden lässt. Dafür ist seine Stimme zu wichtig. Meinen jene, die ihm wohl gesinnt sind. Vor sechs Wochen bekam er Besuch von der Witwe Che Guevaras. Alle paar Jahre sehen sich die beiden. Bei der Verabschiedung sagte sie ihm: "Er hat dich gemocht!"
Ziegler sagt: "Che war ein wirklich großer Kämpfer." Er dreht seine Handflächen nach oben. "Ich bin ja nur ein ganz banaler, kleinbürgerlicher Mensch." Jean Ziegler begleitet bis hinaus zum Auto. Er umarmt und küsst auf die Wange. "Alles Gute für Dich."