
Mit vor Schmerz aufgerissenem Mund hält Zaza Rasmadze seinen leblosen Bruder im Arm. Es ist der 12. August 2008, etwa 11.30 Uhr am Vormittag. Eine russische Rakete hat den Bruder und dessen schwangere Frau getötet© Gleb Garanich/Reuters
7. August: Der Roki-Tunnel ist die einzige Landverbindung zwischen Russland und Südossetien. Die georgische Armee hat am Tunnelausgang einen Scout postiert. Der meldet nach georgischen Angaben um 3:41 Uhr, erste russische Militärfahrzeuge würden nach Südossetien einrollen. Am frühen Nachmittag beschießen ossetische Milizen einen georgischen Checkpoint mit 120-Millimeter-Munition, zwei Soldaten sterben. Georgiens Minister für Reintegration Temur Jakobaschwili setzt sich mit dem für Südossetien zuständigen russischen Sonderbeauftragten Juri Popow in Verbindung. Um die Lage zu entschärfen, wird ein Treffen in Zchinwali vereinbart, doch Popow kommt nicht. Sein Wagen hatte unterwegs angeblich eine Reifenpanne.
Präsident Saakaschwili berät sich in seinem Regierungssitz in Tiflis mit dem Chef des Sicherheitsrats. Sein Verteidigungsminister macht Urlaub im spanischen Promi-Seebad Marbella. Es ist bekannt, dass Saakaschwili und Russlands Premierminister Wladimir Putin sich hassen. Saakaschwili sagt: "Liliputin", Putin spricht vom "georgischen Saddam". Die Feindschaft hat viele Gründe. Saakaschwili will sein Land in die Nato führen und pflegt eine enge Freundschaft zum damaligen US-Präsidenten Bush. Dessen Regierung unterstützt Georgiens Militär sei Jahren mit Training, Waffen und Dollar-Millionen. Zu Saakaschwilis Wahlversprechen gehört: "Die territoriale Einheit Georgiens wieder herstellen."
US-Diplomaten hatten mehrfach gewarnt, er könnte es auf einen Krieg ankommen lassen. Unerklärlich ist deshalb, dass an jenem 7. August kein Vertreter der US-Regierung versucht, Saakaschwili zu erreichen. Als amerikanische Ausbilder vormittags im Stützpunkt in Tiflis eintreffen, heißt es: "Das Training fällt aus." Junge georgische Soldaten sitzen abmarschbereit auf ihren Rucksäcken, singen Volkslieder, ein Priester segnet sie mit Weihrauch.
Um 19:10 kündigt Saakaschwili im Fernsehen eine einseitige Waffenruhe an. Doch um 23:30 Uhr ändert er seine Entscheidung. Diesen Zeitpunkt bezeichnet Saakaschwili als Kriegsbeginn durch die Russen. Denn nun kommt angeblich vom Ausgang des Roki-Tunnels die Meldung, die russische Armee würde sich mit 150 Fahrzeugen auf Zchinwali zubewegen. Das bestreitet der Kreml entschieden.
8. August: Um Mitternacht befindet sich das Zentrum Zchinwalis unter schwerem Granat- und Artilleriefeuer. Zivilisten verstecken sich in den Kellern ihrer Wohnhäuser. Gerüchte kursieren, die Georgier würden Handgranaten in die Keller werfen, um die Menschen auf die Straße zu treiben. Laut Funkaufklärung westlicher Geheimdienste, hat Georgien 12.000 Mann an der Grenze zu Südossetien zusammengezogen. Saakaschwili behauptet, die Russen hätten Zchinvali unter Beschuss genommen. Doch das ist unwahrscheinlich. Nach Erkenntnissen der EU-Aufklärer rollen die Bodentruppen der russischen 58. Armee erst gegen elf Uhr Vormittags durch den Roki-Tunnel. Im Lauf des Tages schwillt die Karawane zu einem nicht enden wollenden Konvoi an. Weil das russische Kriegsgerät alt, rostig und marode ist, bleiben immer wieder Panzer liegen, es kommt zu Staus.
Beide Seiten kämpfen dilettantisch. So urteilen später Nato-Experten. Auf georgischer Seite sind Panzerbesatzungen im Einsatz, die bei Kriegsausbruch noch glaubten, sie würden ins Manöver ziehen. Sie haben keine Landkarten und wissen zuweilen nicht, ob sie auf ossetischem oder georgischem Gebiet herumfahren. Die Russen setzen Aufklärungsdrohnen ein, die einen solchen Lärm machen, dass sie von den eigenen Leuten für feindliche Flugzeuge gehalten und abgeschossen werden. Obwohl der Kreml mehrere zehntausend Mann mobilisiert hat (die Georgier behaupten 80.000), fehlen qualifizierte Piloten. 15 bis 20 Flugzeuge werden abgeschossen oder fallen durch Flugfehler vom Himmel, darunter ein 60 Millionen Euro teurer Tupolew TU-22M-Bomber.
Um 14:30 Uhr meldet Georgiens Generalität, Zchinwali sei unter Kontrolle. Doch der Triumph währt nicht lange. Saakaschwili hat seine Männer in ein Himmelfahrtskommando geschickt. Schon gegen Nachmittag erobern die Russen Zchinwali zurück.
9. bis 12. August: Die russische Seite spricht vom Genozid am ossetischen Volk und von 2000 Toten Zivilisten. Später wird sich herausstellen, dass es 167 waren. Doch der Kreml gibt sich mit der Rückeroberung Zchinwalis nicht zufrieden. Er will Georgiens Armee ausschalten. Russische Soldaten sind jetzt ins georgische Kernland vorgerückt, weit über 1000 halten Gori besetzt. Kampfjets bombardieren Militärstellungen bei Tiflis, die russische Schwarzmeerflotte mit dem Raketenkreuzer "Moskwa" versenkt im Hafen von Poti ein georgisches Schnellboot.
Am Vormittag des 9. August trifft ein hochzufriedener Wladimir Putin im nordossetischen Wladikawkas ein. Er hat seinen Besuch der Olympischen Spiele abgebrochen, um die Truppe zu inspizieren. Tags darauf kapituliert Saakaschwili. Seine Soldaten ziehen ab. Es ist mehr eine Flucht. Die eigenen Landsleute, verängstigt und enttäuscht, stehen am Straßenrand und beschimpfen sie.
Doch die Russen sind noch nicht fertig. Sie haben ihre Offensive auf Abchasien ausgeweitet, die zweite - ebenfalls Russland-freundliche - Separatistenrepublik auf georgischem Territorium. Am 12. August reist Frankreichs Präsident Sarkozy nach Moskau, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. So lange gehen die Angriffe weiter. Als um 11:30 Uhr eine SS-26 Rakete in einem Wohnhaus in Gori einschlägt, sterben acht Zivilisten, darunter Zviadi Rasmadze und dessen schwangere Frau. Sofia Muradovi und 14 weitere werden verletzt. Insgesamt kostete der Krieg 391 Zivilisten und schätzungsweise 700 Soldaten das Leben.
Wenn die EU-Kommission nächsten Monat ihren Bericht vorlegt, wird sie darin vermutlich ein salomonisches Urteil über die Kriegsschuld fällen. Beide Seiten, so heißt es im Hauptquartier in Genf, hätten "überraschend bereitwillig" kooperiert. Auch wenn die wichtigsten Unterlagen erst spät eingingen. Die Georgier lieferten Mitte Juni, die Russen erst im Juli.
Kommissions-Chefin Heidi Tagliavili, eine renommierte Schweizer Diplomatin, die den Spitznamen "Mutter Courage" trägt, hat intern angekündigt, es könne "nicht Zweck des Berichts sein, die Stimmung unnötig anzuheizen". Und so wird sie die Rolle der Russen als Provokateure vermutlich milde bewerten, die Nachlässigkeit der USA eventuell ganz ausklammern und Saakaschwili nicht als skrupellosen Hasardeur dastehen lassen. Denn das könnte Georgien den lang ersehnten Weg in die Nato endgültig verbauen und die Lage im Land noch mehr destabilisieren.
Saakaschwili ist zweifellos der große Verlierer dieses Krieges. Die Mehrheit der Georgier fordert heute seinen Rücktritt. Dass ihr Held der Rosenrevolution von 2003, den alle nur "Mischa" nennen, den Weg der Demokratie längst verlassen hat, dass er die Opposition unterdrückt und die größten Medien kontrolliert, mögen die Menschen ihm noch verzeihen. Aber diesen Krieg nicht.
Zwei Wochen nach Georgiens Kapitulation erkannte Russland Südossetien als unabhängig an. Ebenso Abchasien. Die Weltgemeinschaft protestierte, doch faktisch sind beide Republiken für Georgien auf unabsehbare Zeit verloren. Seit Monaten stehen in der Innenstadt von Tiflis nun Zelte von Demonstranten und blockieren den Verkehr auf dem Rustaveli. Im Mai, am Tag der Unabhängigkeit, versammelten sich 60.000 Menschen im Fußballstadion zu einer Anti-Saakaschwili-Kundgebung. Zwar geben auch sie den Russen die Hauptschuld an dem Krieg, doch dass sich Saakaschwili darauf eingelassen hat, so sieht es die Mehrheit, "war selbstherrlich, überheblich und dumm".
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