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29. August 2003, 16:20 Uhr

Dr. Seltsam und die Bombe

Kim lässt sich von seinen Generälen während eines Manövers an einem geheimen Ort in Nordkorea die Lage erklären. Ohne je selbst in der Armee gedient zu haben, wurde der Diktator zum gefeierten Kriegshelden erklärt und machte sich zum Marschall© AFP

Kim, die Sphinx: Er ist ein Terrorist, der mit hoher Wahrscheinlichkeit hinter den Anschlägen auf eine südkoreanische Regierungsdelegation in Burma 1983 und vier Jahre später auf einen südkoreanischen Passagierjet auf dem Flug von Abu Dhabi nach Seoul steckte; mehr als 130 Menschen kamen insgesamt ums Leben. Ein exzentrischer Playboy, der bei einer Party nur in Hose und Unterhemd bekleidet ein Orchester dirigierte, wie die japanische Edelprostituierte Keiko Yoshimura erzählt, die in den achtziger Jahren in Pjöngjang zu Diensten war. Ein Held, der zum Marschall aufstieg, ohne je in der Armee gedient zu haben. Ein Genie, das in nur zwei Jahren sechs Opern komponierte, von denen jede besser ist als die Werke von Mozart und Verdi, wie die staatliche Propagandamaschinerie behauptet.

Der Schwindel begann schon bei Kims Geburt

"Alles Lüge, alles Show", flüsterte Kim bei einem der gewaltigen Jubelaufmärsche einem Getreuen ins Ohr. Der Schwindel begann schon bei Kims Geburt. Als er im Februar 1942 am heiligen Berg Paektu das Licht der Welt erblickte, verkündeten ein doppelter Regenbogen und ein heiliger Stern der Menschheit die Ankunft des Erleuchteten. So lernen es Nordkoreas Schulkinder, so steht es in den offiziellen Kim-Biografien. Jeder soll denken, dass der "Geliebte Führer" auf einer Stufe mit Tangun steht, dem Urvater der Koreaner, welcher der Legende zufolge vor 5000 Jahren das erste Königreich gründete. Kim aber wurde im Osten Sibiriens geboren. Dorthin waren Vater und Mutter geflüchtet, als die Japaner im Zweiten Weltkrieg Nordkorea besetzt hatten. Kim ist unter dem Namen Jura ins Geburtenregister der Stadt Chabarowsk eingetragen.

Seine Mutter starb, als er sieben war. Allein stand Kim fortan im Schatten des übermächtigen Vaters. Der behandelte "ihn wie einen Hund", berichtete James Lilley, der als amerikanischer Botschafter in Südkorea oft Kontakt mit Überläufern aus dem Norden hatte. Kim demonstrierte dennoch stets Gehorsam. Bei einem Staatsbesuch in Moskau, er war 17, half er dem Vater vor aller Augen in die Schuhe. So schaffte er es, die Palastintrigen in Pjöngjang zu überleben und sich gegen den Clan seiner Stiefmutter zu behaupten, die ihren eigenen Spross als Kronprinzen durchsetzen wollte.

"Brutaler und listiger Überlebenskünstler"

1974 wurde Kim Jong Il auf einer geheimen Sitzung des Politbüros zum Nachfolger von Kim Il Sung erkoren. Seit den achtziger Jahren bestimmte er zusammen mit seinem Vater die Geschicke des Landes. "Im politischen Kampf ist er ein brutaler und listiger Überlebenskünstler", weiß Hwang Jang Yop, der damalige Chefideologe des Regimes. 1997 flüchtete Hwang während eines Peking-Besuches in die südkoreanische Botschaft, heute lebt er in Seoul.

Auch auf der Weltbühne hält sich Kim für einen meisterhaften Strippenzieher. Gegenüber Vertrauten rühmt er sich, seine alten Verbündeten in Moskau und Peking ebenso gegeneinander auszuspielen wie auch die Gegner Washington und Seoul. Um seinen Forderungen nach internationaler Wirtschaftshilfe und einer amerikanischen Nichtangriffserklärung Nachdruck zu verleihen, ließ er sogar "Taepodong"-Mittelstreckenraketen abfeuern, im August 1998 querte ein Test-Projektil sogar japanisches Hoheitsgebiet. Am stacheldraht- und minenbewehrten 38. Breitengrad, der letzten Grenze des Kalten Krieges, kommt es des öfteren zum Schusswechsel aus Maschinengewehrstellungen. Im vergangenen Jahr versenkte ein nordkoreanisches Kriegsschiff ein Patrouillenboot aus Südkorea. Fünf Matrosen starben.

Schutz durch ein Heer von Leibwächtern

Sein Land und seine Herrschaft will Kim nun mit Atomwaffen schützen. "Das Beispiel Irak hat ihm gezeigt, dass Schurkenstaaten ohne Atomwaffen leichter von Amerika angegriffen werden", sagt der amerikanische Korea-Experte Viktor Cha. Wenn es um seine persönliche Sicherheit geht, vertraut Kim Jong Il einem Heer von Leibwächtern. Sie haben Befehl, auf jeden zu schießen, der sich der "Sonne der Menschheit" verdächtig nähert. Der ehemalige Bodyguard Lee Young Kuk hat beobachtet, wie Fischer niedergeschossen wurden, die unbeabsichtigt in den 16Kilometer-Kordon vor Kims Strandvilla eingedrungen waren. Die Verwandten bekamen einen Kühlschrank, einen Farbfernseher und die Nachricht, dass ihre Männer und Väter "in Erfüllung ihres Dienstes" verunglückt seien.

Ex-Leibwächter Lee hat wegen eines Fluchtversuches vier Jahre im Konzentrationslager Yodok im Nordosten des Landes verbracht.

Der athletische Mann magerte von 94 auf 54 Kilo ab und verlor vier Zähne. Weil er geschlagen wurde, ist er auf dem linken Ohr fast taub, die Sehfähigkeit seines rechten Auges ist eingeschränkt. "Ein 24-jähriger Häftling versuchte zu fliehen, wurde gefasst, an einen Jeep gekettet und zu Tode geschleift", berichtet er. Dann mussten alle Gefangenen an der entstellten Leiche vorbeiparadieren. Später gelang Lee die Flucht aus dem Land. Er arbeitet heute in Seoul.

Kims Gulag

Menschenrechtler schätzen, dass mehr als 150 000 Menschen in Kims Gulag gehalten werden, bis zu 400 000 Insassen sollen in den vergangenen 30 Jahren gestorben sein. Fast jeder der 25 Millionen Nordkoreaner kennt jemanden, der plötzlich abgeholt wurde.

 
 
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