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16. August 2008, 10:11 Uhr

Shushanik und die Angst vorm Krieg

Lolita Kabisowas Haus wurde zerbombt. Jetzt haben sie und ihre acht Kinder Zuflucht in einem Kloster gefunden© Caritas Georgien

Zwei Tage lang irren die Mutter und ihre Kinder durch den Krieg. Ein Höllentrip. Nicht nur wegen des Babys, das ebenso getragen werden muss, wie der sechsjährige Soflan, der keinen Schritt mehr gehen kann, seit er an Kinderlähmung erkrankte. Es sind die Soldaten, die ihnen Angst machen. Kriechend versuchen die neun Menschen vorwärts zu kommen. Über ihren Köpfen pfeifen die Schüsse. Manchmal treffen sie andere Flüchtlinge, die auch nicht wissen, wohin und schreckliche Geschichten erzählen. Immer wieder stoßen sie auf Militär, auf ausgebrannte Panzer, zerschossene Autos und immer wieder auch auf Tote, die irgendwo liegen.

Nachts kommt die Angst

Es ist ein Zufall, Schicksal oder einfach nur Glück, dass sie, irgendwann im Örtchen Zhava angekommen, auf den Lada von Schwester Nona treffen. Die Nonne hat sich nicht zum ersten Mal auf eigene Faust aufgemacht, um verirrte Flüchtlinge aufzusammeln. Lolita und ihre Kinder kommen in das Kloster des orthodoxen Erzbischofs von Stawropol. Ihre Rettung.

Seit Wochenbeginn leben sie nun hier und werden von den Ordensschwestern betreut. Es geht ihnen gut. Nur nachts, wenn es dunkel ist und die Flugzeuge übers Land fliegen, kommen die Bilder der vergangenen Tage zurück. Dann fängt Boris, der Siebenjährige, laut an zu weinen. Er hat Angst, dass die Bomber wieder kommen. Was soll Lolita ihm sagen? Dass er sich keine Sorgen machen muss? Am Freitag hat ein Geistlicher Linda getauft. Zur Sicherheit. Wer weiß, was noch kommt.

Es wird alles gebraucht und das schnell

Stefan Telöken vom UNHCR in Deutschland hat Dutzende solcher Berichte gehört. Sie kommen aus Südossetien, aus Georgien, aus Nordossetien und Abchasien. Mehr als 220 Flüchtlingslager sind mittlerweile eingerichtet worden. In Schulen, Kindergärten, Ferienheimen und Turnhallen. Aber auch Lager mit provisorischen Zelten sollen die Unherirrenden und Heimatlosen aufnehmen. "Das ganze Ausmaß der Flüchtlingsproblematik können wir allerdings nur schätzen", sagt Telöken. Bislang hatten die Mitarbeiter des UN-Flüchtlingswerkes zu Südossetien, dem vermutlich am schwersten betroffenen Gebiet, noch keinen Zugang. Es sei zu gefährlich, hatten die Sicherheitsexperten gewarnt. Erst in den nächsten Tagen sollen Spezialisten beginnen, die Region zu erkunden.

Telöken hofft, dass ihnen erspart bleibt, was ein UNHCR-Team diese Woche in der Nähe der schwer zerstörten georgischen Stadt Gori erlebten. Uniformierte hatten die Fahrzeuge gestoppt, die Mitarbeiter bedroht und gezwungen ihre Fahrzeuge zu verlassen und die Schlüssel zu übergeben. Trotz dieses Zwischenfalls setzt UNHCR seine Erkundungsmissionen fort.

Die Leute stehen vor dem Nichts

Am Montag soll bei den Vereinten Nationen ein Finanzierungsappell vorgelegt werden. Denn dass die rund anderthalb Millionen Euro, die das Flüchtlings-Hilfswerk bislang in Hilfsgüter für den Kaukasuskonflikt investiert hat, nicht reichen werden, ist klar. "Der Bedarf an Decken, Kleidung, Nahrung, Matratzen, Medikamenten und Schuhen ist riesig." Das bestätigt auch die Caritas, die seit vergangener Woche in Tiflis und Wladikawkas für die Flüchtlinge im Einsatz ist. "Die meisten sind Frauen, Kinder und alte Menschen. Wir haben bei uns Hochschwangere und Neugeborene, viele Schwerkranke. Sie können nicht zurück, weil ihre Häuser zerschossen, die Städte und Dörfer zerstört sind. Die Leute stehen vor dem Nichts", sagt Ilona Adamova von der Caritas Georgien.

Auch Shushanik, Lolita Kabisowa und ihre Kinder haben nichts aus ihrem alten Leben retten können. Sie müssen noch mal ganz von vorn beginnen. Wenn Frieden ist. Irgendwann.

Von Manuela Pfohl
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