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3. April 2009, 09:27 Uhr

Auf ein Rodeo mit der Polizei

Straßburg, Krawalle, Polizei, Nato, Autonome

Die Polizei nimmt Jugendliche fest, die sich in einem Pferdestall versteckt hatten© Eric Vazzoler

Erst zuschlagen, dann nachfragen

Ein paar Hundert Jugendliche sind schon da, und bis zum Samstag, wenn Obama konferieren und lang und schönreden wird, sollen es mehrere Tausend sein. Die paar Hundert, die sich ein "Rodeo" mit der Polizei lieferten, so nannte die Lokalzeitung die Krawalle, werden nicht viel davon mitbekommen, da viele von ihnen am Ende auf dem Boden lagen, mit Kabelbindern gefesselt. Ein französischer Polizist sammelte die Ausweise ein und sagte: "Jetzt machen wir es wie in der Schule." Die Hand hoch, wer aufgerufen wird. Dann ab in den Wagen. Am Abend, um 19 Uhr, endeten die ersten großen Krawalle, und die Polizei war endgültig Sieger. "Die deutschen Polizisten überlegen viel zu viel", sagt ein Deutscher, der im Elsass arbeitet. Er hat sich den Einsatz vom Straßenrand aus angeguckt. "Die Franzosen hauen im Ernstfall zuerst drauf und fragen danach, ob man denn überhaupt dabeigewesen sei." Die Deutschen kontrollieren lieber Pässe, und das machen sie genauer als ihre französischen Kollegen.

Michael aus Karlsruhe, 32 Jahre alt und ohne festen Wohnsitz, sitzt seit Mittwoch in Kehl fest, auf der anderen, der deutschen Seite des Rheins. Ein Beamter hatte ihn durchsucht und laut Protokoll "eine Brille, einen Schal und ein Messer" gefunden, jene Dinge, die ihm aufgrund von "polizeilicher Gefahrenabwehr" abgenommen wurden. Michael sitzt nun mit "dem Captain", wie er seinen Kumpel nennt, auf einer kleinen grünen Wiese, die zwei Straßen trennt. Diese Handvoll Leute will den Presseleuten glaubhaft machen, dass es täglich "hunderten Kollegen" genauso ergehe. Sogar auf Güterzüge hätten sich diese geschmissen, um ins Camp zu kommen.

Unterbrochener Warenverkehr

Die Geschäftsleute in Kehl haben derweil mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Zwei französische Polizisten halten mit ihren Motorrädern vor dem Laden von Hussein, 44. Seit mehr als fünf Jahren betreibt er einen Tabakladen, wie so viele hier in diesem Grenzort, die viel Umsatz machen mit Franzosen, die möglichst viel Tabak über die Grenze nehmen wollen. 400 Sorten habe er im Angebot. Doch außer französischen Polizisten kauft kaum jemand Zigaretten in diesen Tagen. Der Umsatz sei um 60 Prozent eingebrochen.

"Die Polizisten wissen, dass sie niemand kontrolliert", sagt Hussein. Aber die Stammkunden, vor allem die Araber und Türken aus Frankreich, die würden gar nicht mehr kommen. Die haben Angst vor den Kontrollen. Jeder mit einem muslimischen Namen werde durchsucht, weil es Warnungen vor terroristischen Anschlägen gebe, sagt Hussein. Ein Bekannter, der aus dem Irak stamme, sei vor Tagen vor seinem Laden von Beamten befragt worden. Aber so richtig, zwei Stunden lang, "der wurde 100 Prozent durchgefilzt".

Von Gerald Drißner, Straßburg
Seite 1: Auf ein Rodeo mit der Polizei
Seite 2: Erst zuschlagen, dann nachfragen
 
 
KOMMENTARE (10 von 43)
 
dreicon (06.04.2009, 09:43 Uhr)
@dirk_37
Habe ich eigentlich schon beantwortet. Siehe 03. 04. 22:01 = blinde, hirnlose Gewalt, 05. 04. 16:59: Chaoten, gehören abgeurteilt. Das prickelnde an der kommun-sozialistischen Idee ist für mich, daß sie ein Bewohnen dieser Erde durch den Menschen unter größtmöglicher Ressourcenschonung denkbar macht. Sind wir doch einmal ehrlich, ein auf Gedeih und Verderben auf Wachstum angewiesenes Wirtschafts-/Gesellschaftssystem, auf die gesamte Menscheit ausgedehnt, könnte dieser Planet keine Sekunde aushalten. D. h. natürlich, nicht der Planet würde zugrunde gehen, nein, die Menschheit. Da sie alle Lebensgrundlagen verbraucht hätte, bevor sie überhaupt in Ihrer Gänze daran teilgehabt hätte. Dazu kommt noch, daß ein auf Wettbewerb ausgerichetet System mindestens ebenso viele Verlierer produziert, wie es Gewinner hervorbringt. Die Mär von "Win-Win Situaionen" ist nur eine Mär. Kann es aber Sinn des (relativ kurzen) menschlichen Lebens sein, daß mindestens über die Hälfte systembedingt Verlierer sind? Genauso wie der "moderne Mensch" einer Schimäre nachrennt, wenn er darauf hofft, Konsum würde ihm ein Glücksversprechen erfüllen (und die ganze s. g. angebotsorientierte Wirtschaft tut nichts anderes, als ihm dies einzuhämmern), genauso kann es nicht sein, daß der ständige Wettbewerb, das immerwährende gewinnen müssen, ihn letztendlich zu einer wirklich positiven Lebensbilanz befähigen kann. Ein "Herdentier", und der Mensch ist biologisch und soziologisch gesehen nunmal ein Gemeinschaftswesen, kann ein befriedigendes Leben eben nur in der Gemeinschaft erfahren. Es gilt also, die genauso selbstverständlich immer wieder anzutreffenden "Alphatiere" sozialnützlich einzufangen. Ob jetzt mittels kommunisti-sozialistischen, oder sozial wirklich nutzbar gemachten kapitalistischen Ideen, scheint im Prinzip egal zu sein.
Dirk_37 (05.04.2009, 18:17 Uhr)
@dreicon IV
Wir zwei beide spammen hier ja den Thread ganz schön zu.-)
...
Ok, nach ´45 war die Sowietunion wie ganz Europa am Boden. Der Kapitalismus wurde nicht nach Kriegsende erfunden und schon gar nicht von den Amerikanern!
Welchen Teil des Kommunismus finden Sie persönlich denn so prickelnd?
Mc Carthy war ein Psychopath, darin sind wir uns einig. Meinungsmache, um seine eigenen Ziele durchzusetzen, gab´s leider schon immer, auch im kommunistischen/ sozialistischen System! Das will ich nicht relativieren, nur mal erwähnen.
...
Das alles ist sicherlich eine Diskussion wert, aber zurück zum Artikel: sind Sie also der Meinung, der Mob würde irgendwas positiv verändern, wenn er Privateigentum vernichtend durch die brennenden Straßen zieht? Und Privateigentum ist der Kern des Kapitalismus´.!!!
MfG Dirk
dreicon (05.04.2009, 17:31 Uhr)
@dirk_37
Selbstverständlich kann ich keinen Beweis für die Funktionalität eines
sozialistisch gedachten Modelles einer Gesellschaftsordnung antreten.
Dazu waren die kapitalistisch organisierten Gegner einfach zu stark. Sie werden mir doch zustimmen, wenn ich behaupte, daß die Startchancen im Nachkriegseuropa in Ost und West sehr ungleich waren. Hier das von der damals einzigen wirtschaftlichen Großmacht beherrschte und gesponsorte Westeuropa, dort von einem ausgebluteten, sich im Stadium der direkten Nachfolge eines noch unindustrialisierten durch Leibeigenschaft geprägten Agrarreiches beherrschten, ungesponsorten (weil nichts da war) Osteuropa. Warum konnte in ganz Amerkia ein McCarthy denn so wüten? Weshalb herrschte eine derart paranoide Kommunistenhatz? Vielleicht weil man den Charme der Idee sehr wohl gesehen hat, aber logischerweise gleichzeitig erkannte, daß diese Idee mit kapitalistischen Strukturen nicht funktionieren wird. Selbst wenn ein Stalin nicht der Stalin gewesen wäre, ein System, welches eine
Gesellchaft anders organisieren wollte als das amerikanische, hätte
damals nicht die kleinste Chance gehabt.
Dirk_37 (05.04.2009, 17:07 Uhr)
@dreicon III
Da Sie sich auf die Geschichte berufen, haben Sie bei mir Dämme eingbrochen..:-) (ist ein Steckenpferd von mir!):
Bewegen wir uns nicht im Konjunktiv sondern sehen uns die Fakten an: der Sozialismus hat nirgends funktioniert, weder in Europa, Asien noch in Lateinamerika! Die Idee mag seine Reize haben, das hat die Idee des Anarchismus zum Teil auch! In dem Artikel ging es um die Randale, und ich habe lediglich gesagt, daß Krawall und Zerstörung von Eigentum nichts bringt, nichts brachte und nichts bringen wird!
Außerdem möchte ich Sie sehen, wie Sie argumentieren wenn Ihre Hütte/Auto etc. davon betroffen wäre!! Dann ist es nämlich mit dem Gesäusel um evtl. sozialistische Systeme ganz schnell vorbei und es würden die Fäuste fliegen, zumindest wäre es bei mir so!
...
Verstehen Sie, ich hätte kein Problem damit wenn die Betroffenen, also Manager,Banker,Politiker... durch die Straßen gepeitscht werden, aber das Eigentum von Arbeitern anzuzünden, halte ich für pervers!
Natürlich will ich auch keine Leute real hängen sehen, auch keinen Zumwinkel &CO, aber die sollen merken welchen Mist sie verbockt haben, nur eben nicht auf die Art, die im Artikel dargestellt wurde,mfG Dirk
dreicon (05.04.2009, 16:59 Uhr)
dirk_37 III
Es ist nicht leicht, handelnde Gruppen immer mit den "richtigen" Namen, wie immer diese definiert werden können (für eine passende Schublade vielleicht?) zu benennen. Ich versuche, meine Einordnung nach den geäußerten Zielen zu treffen. Wenn jemand, ein Einzelner, eine Gruppe, oder wieviele auch immer, undifferenziert und ziellos Gewalt gegen Personen und Eigentum des Volkes ausübt, dazu zählt genauso öffentliches Eigentum, dann sind dies für mich ganz einfache Chaoten, und eine politische Zuordnung obsolet. Sie gehören schlicht und ergreifend abgeurteilt. Der systemverändernde Protest bedarf seiner zielführenden Definition und Organisation. Er wird sich sicher aber nicht ohne Gewalt durchführen lassen.
dreicon (05.04.2009, 16:40 Uhr)
@Dirk_37 II
es ist Teil der jüngsten Geschichtsklitterung a'la Helmuth Kohl, permanent auszublenden, daß die deutsche Wiedervereinigung zum überwiegenden Teile einem Michael Gorbatschow zu verdanken ist. Unsere Brüder und Schwestern in der DDR hätten keine Chance gegen Honnecker und Genossen gehabt, wären diese nicht ohne den vorher gewohnten Rückhalt gewesen. Im Übrigen bin ich nach wie vor der Meinung, daß der real existierende Sozialismus, also die autoritäre Version des osteuropäischen Kommunismus einzig auf seine stalinistisch geprägte Entwicklung im damaligen Russland - UdSSR zurückzuführen ist. Die Idee als solche läßt durchaus Spielräume für andere denkbaren Modelle zu.
Frank44 (05.04.2009, 09:56 Uhr)
Gewalt wird absichtlich geschürt
Es besteht auf Seiten des kapitalistischen Herrschaftssystems die Absicht,Demonstrationen gegen das System in Gewalt münden zu lassen.
Das ist in Frankreich nicht anders als bei uns.
Heiligendamm 2007,G8 Gipfel,hat gezeigt,daß den Herrschenden dazu jedes Mittel recht ist.Da wurden zwei vermummte Polizisten im "schwarzen Block",die den Auftrag hatten Gewalt anzuzetteln, von Demonstranten enttarnt.
Das war den Verantwortlichen sichtlich peinlich.
Aber trotzdem geht das ganze Spiel weiter!
Die Krawalle in Strasbourg wurden auch künstlich angeheizt,durch Repressionen und unnötige Gewalt von Seiten der Polizei.
Man braucht solche Bilder,um die Proteste in schlechtes Licht zu rücken und um andere Menschen zukünftig von solchen Protesten fern zu halten!
Dirk_37 (04.04.2009, 20:02 Uhr)
@dreicon Teil II
Sorry, bin wohl auf den Tasten ausgeruscht:-) again:
+++Wann ist der Wechsel von autoritären zu demokratisch verfaßten Gesellschaften gewaltlos über die Bühne gegangen? +++
Ich sag nur deutsche Einheit, na,klingelt´s??
+++Dr. Martin Luther King hat gegen verblendete und fanatisierte Teile seines Volkes gekämpft, nicht gegen autoritäre Machtstrukturen. +++
Wieder nicht ganz richtig: die Rassenfrage war doch das Produkt eben der autoritären Führung der USA. Unterhalten Sie sich mal mit Schwarzen, heute 70 jährigen in den USA!
...
Ich bin ein sehr realistisch denkender Mensch, die rosa Brille ist längst verstaubt. Jedoch weiß ich eben auch, daß durch solche Aktionen wie dem Anzünden von Privateigentum unbescholtener Bürger bisher noch nie eine positive Veränderung stattgefunden hat. Dieser Logik zufolge müsste es ja in Berlin wie im Paradies zugehen (Krawallnächte...).
Nein, sowas verurteile ich genauso wie Gewalt von Neo-Faschisten. Da sind wir uns alle einig, nur wieso heisst das Gleiche beim schwarzen Block dann Widerstand? MfG Dirk
Dirk_37 (04.04.2009, 19:52 Uhr)
@dreicon
>>>Wann ist der Wechsel von autoritären zu demokratisch verfaßten Gesellschaften gewaltlos über die Bühne gegangen?>Dr. Martin Luther King hat gegen verblendete und fanatisierte Teile seines Volkes gekämpft, nicht gegen autoritäre Machtstrukturen.
dreicon (03.04.2009, 22:01 Uhr)
@kabelmann und Gleichgesinnte
Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich befürworte nicht diese blinde, hirnlose Gewalt, die sich letztlich auch nur gegen den gleichen "kleinen Mann" auswirkt. Aber das ist ja nicht ungewollt. Nach der antiken, römischen Devise "divide et impera" ist man in Elitekreisen höchstwahrscheinlich nicht unfroh, wenn sich "Volkeswut" erst einmal am Volke austobt. Auch an der "Front" Dienst tuende Polizisten sind diesem Volke angehörig. Nein, so ein Verhalten ist kontraproduktiv und lenkt den Volkszorn von den eigentlich demokratiezersetzenden Machtinhabern ab. Es ist auch geeignet, eine zielführende Meinungsbildung zu erschweren, unabhängig von der manipulativen Arbeit der kapitalabhängigen Journallie. Jedoch lehrt ein Blick in die europäische Geschichte, irgendwann sind noch alle "von Gottes - oder von des Geldes Gnaden Legitimierten" vom Volke hinweggefegt worden.
Übrigens: Dr. Martin Luther King hat gegen verblendete und fanatisierte Teile seines Volkes gekämpft, nicht gegen autoritäre Machtstrukturen.
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