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2. Juli 2009, 13:21 Uhr

Obama zieht die Samthandschuhe aus

Krieg, Afghanistan, Obama, Merkel, Soldaten

Die Offensive hat begonnen: In der afghanischen Provinz Helmand schreiten US-Soldaten zum Helikopter, der sie in das Einsatzgebiet bringt© Joe Raedle/Getty Images

Druck auf Berlin

Den Auftakt machte gestern Morgen im sonnig-schwülen Berlin ein Mann, der die Floskeln der Diplomaten-Sprache eigentlich beherrschen müsste wie kein zweiter: Ivo Daalder, US-Botschafter bei der Nato. Nur wenige Wochen nach Obamas Amtsantritt wurde Daalder nach Brüssel geschickt, die Nato gilt als Schlüsselposten. Und er schickte einen seiner Besten: Ivo Daalder ist in den Niederlanden geboren, lebt seit Jahrzehnten in den USA, einer wie er ist in beiden Welten zuhause. Seit Jahrzehnten spezialisiert auf Außenpolitik, ein Meister der Think-Tanks, er hat 12 Bücher geschrieben, eines seiner letzten ist eine Abrechnung mit der Politik der Bush Jahre: "Entfesseltes Amerika."

Natürlich war es kein Zufall, dass Ivo Daalder nach Berlin gekommen war, um Klartext über Afghanistan zu sprechen. Natürlich war es kein Zufall, dass er dafür - ganz undiplomatisch - zunächst einmal maximale Öffentlichkeit suchte, bevor er sich mit Kollegen hinter verschlossenen Türen traf. Als ob er demonstrieren wollte: es gibt keinen Weg zurück. Als ob er die zögerliche Kanzlerin zwingen will, Stellung zu beziehen.

Eine öffentliche Rede also auf dem "Transatlantischen Forum", dazu Pressegespräche. Und was er zu sagen hatte, erinnerte stellenweise an die erste Angriffswelle einer politischen Großoffensive. Verbindlich im Ton, stets bemüht um Gemeinsamkeiten, doch in der Sache eisenhart: "Unsere frühere Strategie in Afghanistan war falsch", sagte Ivo Daalder. "Wir haben zugehört, wir haben gelernt. Unsere neue Strategie folgt der Politik der Entwicklungshilfe, der Diplomatie und der Verteidigung, die viele unserer Alliierten schon seit längerem favorisieren. Aber es reicht nicht aus, wenn wir einander nur in die Augen schauen."

Mehr Soldaten und viel mehr Geld

Und Daalder hatte auch gleich ein paar konstruktive Vorschläge mitgebracht. Die 400 deutscher Soldaten, die zur Absicherung der Wahlen nach Afghanistan geschickt werden, die sollten bleiben. "Sicherheitslage verbessert sich ja nicht durch irgendein Wunder. Und unsere Generäle haben bestimmt genug Aufgaben für sie."

Doch vor allem sollen die Deutschen das tun, was sie schon immer am besten konnten: zahlen.

Mit 750 Millionen Dollar zahlten die USA den Großteil der Kosten für afghanische Flüchtlingslager, so Daalder. Die gesamte EU sei mit gerade mal 76 Millionen Euro dabei. Entscheidend aber sei der Aufbau der afghanischen Armee, zu dem sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet habe.

Die Milliarden Dollar teure Armee

Und dann rechnete Daalder vor, kühl und klar: "Wir helfen beim Aufbau der afghanischen Armee, 134.000 Mann. Es wird mindestens 17 Milliarden Dollar kosten, diese Armee aufzubauen - und jährlich weitere zwei Milliarden Dollar, diese Armee zu unterhalten. WIR müssen diese Rechnung zahlen. Die USA haben in diesem Jahr 5,6 Milliarden Dollar bereitgestellt, im kommenden Jahr sollen es 7,5 Milliarden Dollar sein. Wir stellen 21.000 zusätzliche Soldaten zur Verfügung, schicken Hunderte ziviler Experten. Wir erfüllen unsere Verpflichtungen." Europa und Deutschland können mehr tun. Und sie müssen mehr tun."

Denn die internationale Gemeinschaft zahle bislang gerade mal 350 Millionen Dollar für die Ausbildung der afghanischen Armee. Nach ersten Schätzungen brauche man mindestens zwei Milliarden Dollar mehr. "Wenn wir nicht mehr Geld ausgeben, dann werden wir mehr Soldaten schicken müssen. Nämlich 134.000 Soldaten mehr. Wir müssen entschlossen und sofort handeln."

Amerikas Forderungen liegen auf dem Tisch

Die Zeit drängt. In einem Jahr schon sollen erste Erfolge sichtbar sein, heißt es in Washington. Denn dann muss Obama dem Wahlvolk seine weitere Strategie für Afghanistan erklären. Noch mehr Opfer? Noch mehr Geld? Oder vielleicht schon das, was im Moment noch niemand aussprechen will: einen Zeitplan für einen möglichen Truppenabzug. Eine Exit-Strategie.

Phase I ist vorbei, Phase II hat begonnen: Amerikas Forderungen liegen auf dem Tisch. Und als ob er es noch einmal bekräftigen müsse, sagte Top-Diplomat Daalder: "Wenn ich sage WIR, dann meine ich WIR". Und so freundlich, so verbindlich klang das einen Moment lang gar nicht mehr. Vielmehr so, als ob er mit einem störrischen Kind reden müsse.

Von Katja Gloger
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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Marsmann (02.07.2009, 20:02 Uhr)
Kehrt um und gebt der Welt Hoffnung
Wir werden doch nicht mit diesem prima Präsidenten in den Strudel gesaugt werden, den der üble Bush noch in Schwung gebracht hat?!
Aquarius2 (02.07.2009, 19:46 Uhr)
UNO
weiß jemand, was das ist oder mal war?
Heute kann jeder jeden überfallen, Hauptsache USA sind beteiligt.
Und in Afrika werden massenhaft Frauen und Kinder getötet oder vergewaltigt, ohne dass es jemanden stört. Ist wohl nicht genug Öl da ...
Sternobyl (02.07.2009, 19:26 Uhr)
Wie immer bei Kriegen...
... man kann nur gewinnen, wenn man nicht dabei ist. Hmmm.
butcher99 (02.07.2009, 18:00 Uhr)
zwiespalt
Meine erste Reaktion war: schau an schau an, keine Verwendung der GIs mehr im Irak brauchen wir ein neues Betätigungsfeld.
Aber ich befürchte, so einfach ist es nicht. Dürfen wir uns die grausame Herrschaft der Taliban wirklich nur mit ansehen?
Albatros111 (02.07.2009, 17:56 Uhr)
Was wäre Afghanistan ohne uns?
Warum müssen wir den Afghanen eine Armee finanzieren? Vor dem Einmarsch der Nato sind sie doch auch ganz gut ohne uns ausgekommen. Da haben sie ihr Land erfolgreich gegen Briten und Russen verteidigt, ohne das der deutsche Steuerzahler das bezuschussen musste. Früher ist man in Länder einmarschiert, um sie auszuplündern. Heute marschieren wir ein, um sie reich zu beschenken. Was für ein Unfug.
Robbespierre (02.07.2009, 16:48 Uhr)
Naja
uns haben die Amerikaner auch die Demokratie gebracht. Beim zweiten Mal hats dann geklappt - missen möchte ich das wirklich nicht. Wenn das Ziel ist, die Menschen vor den Taliban zu schützen, finde ich das richtig. Leider sind die Amis viel zu doof für diese Aufgabe und schlachten regelmässig Zivilisten ab. Es bleibt ein Dilemma: Rausgehen bedeutet freie Bahn für die Taliban und massives Elend für die Menschen. Mit den amerikanischen Mördern zu bleiben bedeutet, das gesamte Volk gegen sich aufzuwiegeln. Im Zeifel finde ich es besser gegen Unrecht zu kämpfen, als es zu unterlassen. Das ist im Übrigen die wahrhafte linke Position (siehe auch spanischer Bürgerkrieg - Kampf gegen die Franco-Faschisten. Pazifismus ist untauglich, denn da Gute muß leider immer erkämpft werden)!
kepe (02.07.2009, 16:47 Uhr)
@blopp
Selber noch nicht in Aghanistan gewesen, oder? Es gibt nämlich durchaus Frauen, die ein bischen mutiger sind als Sie.
Bienban (02.07.2009, 16:40 Uhr)
Bitte Aufwachen!!!
Selbstverständlich ist Krieg eine schlimme Sache und ich bin immer dagegen aber wir konnten uns trotzdem in Bosnien nicht entziehen und es hat vielen Menschen letztendlich Gutes gebracht. Zu Afghanistan bin ich als Totalgegner des Krieges mittlerweiler völlig gespalten. Obama hat bestimmt keine Freude dieses Dinge zu tun, er MUSS. Die Tatsache ist, das es hier nicht nur um die durch die Taliban entrechtete Zivilbevölkerung geht sondern die Atommacht Pakistan ein unkalkulierbares Risiko darstellt und wir bei Kenntnis der ganzen Wahrheit keine Nacht mehr ruhig schlafen würden. Obama kennt die Wahrheit und WIR können Amerika nicht diesen ganzen Dreck allein aufbürden (auch wenn sie in der Bush-Zeit viel Schuld auf sich geladen haben), es geht um UNSER ALLER Sicherheit. Die Bedrohungslage ist auch eine deutlich andere wie bei dem Krieg mit den Russen. Bush hat mit dem Irakkrieg eine Mine losgetreten, die kaum beherrschbar scheint aber wegducken ist keine Lösung. Unsere FDJ-Kriegs-Kanzlerin sollte aber dann bei diesen fundamentalen Entscheidungen nicht mehr im Spiel sein, sie hat sich mit ihrem Verhalten zum Irak-Krieg für immer deklassiert. Deutschland braucht für die Rolle die erwartet wird, eine kompetente Führung die vor allem dieses Lügerei abstellt, unsere Jungs führen Krieg in Afghanistan und das muß verdammt noch mal so gesagt werden. Figuren wie dieser unsägliche Jung der diesen Krieg wider besseren Wissens hartnäckig leugnet und schwafel schwafel macht, hat in einem Verteidigungsministerium nichts zu suchen!
Johann58 (02.07.2009, 16:05 Uhr)
das steckt nun wirklich eine ganze Menge Zuendstoff drin
Angela Merkel bekommt nun was sie schon m it Bush wollte; Krieg! Bedigungslos und blind hinter der 'Weltmacht' herrennen ohne nachzudenken. Obama hat bereits im Wahlkampf exact das angekuendigt, was er umsetzt. Es gab immer das Geruecht, dass Bush Bin laden ueberhaupt nicht fangen will weil ihm sonst sein Lieblingsfeind ausgeht. Obama hat von vorneherein klar gemacht er wird verstaerkt in Afganistan und Pakistan nach Bin Laden suchen. Dass er samt seiner Mannschaft jetzt keine Lippenbekenntnisse mehr haben will sondern Taten ist erstaendlich. Nur was gibt uns im Westen eigentlich das Recht unsere Kultur und unseren Lebensstil mit Waffengewalt in Laender und Regionen zu tragen, die das so nicht wollen. Da es letztendlich nur darum geht, dass die Welt McDonalds Junk Food essen soll und Coca Cola trinken soll haben wir dort nicht zu suchen. Nicht dass ich nicht glaube, dass Maedchen das gleiche Recht auf Bildung und Freiheit haben, im Gegenteil aber muessen wir dafuer einen Krieg fuehren, der nie gewonnen werden kann und die Kriegsfolgen schlimmer sein werden asl die Zustaende vorher. So wenig wie wir wollen, dass muslimische Fundamentalisten im christlichen Westen ihre Subkultur errichten, so wenig wollen muslimische Laender unseren christlichen Lebensstil uebergestuelp bekommen.
SiliumSepp (02.07.2009, 15:56 Uhr)
Richtig wählen!
Jedem Wähler der Koalitionsparteien sollte klar sein, dass er mit einem Kreuzchen für diese Parteien im September aktiv einen Krieg unterstützt und dass er damit folgerichtig auch eine Mitschuld am sinnlosen Tod von jungen deutschen Soldaten trägt.
Aufwachen! Wir bzw. die Amerikaner werden es nicht besser machen als die Russen von 1979-89.
Entweder in Afghanistan entwickelt sich von allein sowas ähnliches wie Demokratie oder eben nicht. Aufzwingen kann man diesem Volk nichts.
http://siliumsepp.mybrute.com
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