
Die Offensive hat begonnen: In der afghanischen Provinz Helmand schreiten US-Soldaten zum Helikopter, der sie in das Einsatzgebiet bringt© Joe Raedle/Getty Images
Den Auftakt machte gestern Morgen im sonnig-schwülen Berlin ein Mann, der die Floskeln der Diplomaten-Sprache eigentlich beherrschen müsste wie kein zweiter: Ivo Daalder, US-Botschafter bei der Nato. Nur wenige Wochen nach Obamas Amtsantritt wurde Daalder nach Brüssel geschickt, die Nato gilt als Schlüsselposten. Und er schickte einen seiner Besten: Ivo Daalder ist in den Niederlanden geboren, lebt seit Jahrzehnten in den USA, einer wie er ist in beiden Welten zuhause. Seit Jahrzehnten spezialisiert auf Außenpolitik, ein Meister der Think-Tanks, er hat 12 Bücher geschrieben, eines seiner letzten ist eine Abrechnung mit der Politik der Bush Jahre: "Entfesseltes Amerika."
Natürlich war es kein Zufall, dass Ivo Daalder nach Berlin gekommen war, um Klartext über Afghanistan zu sprechen. Natürlich war es kein Zufall, dass er dafür - ganz undiplomatisch - zunächst einmal maximale Öffentlichkeit suchte, bevor er sich mit Kollegen hinter verschlossenen Türen traf. Als ob er demonstrieren wollte: es gibt keinen Weg zurück. Als ob er die zögerliche Kanzlerin zwingen will, Stellung zu beziehen.
Eine öffentliche Rede also auf dem "Transatlantischen Forum", dazu Pressegespräche. Und was er zu sagen hatte, erinnerte stellenweise an die erste Angriffswelle einer politischen Großoffensive. Verbindlich im Ton, stets bemüht um Gemeinsamkeiten, doch in der Sache eisenhart: "Unsere frühere Strategie in Afghanistan war falsch", sagte Ivo Daalder. "Wir haben zugehört, wir haben gelernt. Unsere neue Strategie folgt der Politik der Entwicklungshilfe, der Diplomatie und der Verteidigung, die viele unserer Alliierten schon seit längerem favorisieren. Aber es reicht nicht aus, wenn wir einander nur in die Augen schauen."
Und Daalder hatte auch gleich ein paar konstruktive Vorschläge mitgebracht. Die 400 deutscher Soldaten, die zur Absicherung der Wahlen nach Afghanistan geschickt werden, die sollten bleiben. "Sicherheitslage verbessert sich ja nicht durch irgendein Wunder. Und unsere Generäle haben bestimmt genug Aufgaben für sie."
Doch vor allem sollen die Deutschen das tun, was sie schon immer am besten konnten: zahlen.
Mit 750 Millionen Dollar zahlten die USA den Großteil der Kosten für afghanische Flüchtlingslager, so Daalder. Die gesamte EU sei mit gerade mal 76 Millionen Euro dabei. Entscheidend aber sei der Aufbau der afghanischen Armee, zu dem sich die internationale Gemeinschaft verpflichtet habe.
Und dann rechnete Daalder vor, kühl und klar: "Wir helfen beim Aufbau der afghanischen Armee, 134.000 Mann. Es wird mindestens 17 Milliarden Dollar kosten, diese Armee aufzubauen - und jährlich weitere zwei Milliarden Dollar, diese Armee zu unterhalten. WIR müssen diese Rechnung zahlen. Die USA haben in diesem Jahr 5,6 Milliarden Dollar bereitgestellt, im kommenden Jahr sollen es 7,5 Milliarden Dollar sein. Wir stellen 21.000 zusätzliche Soldaten zur Verfügung, schicken Hunderte ziviler Experten. Wir erfüllen unsere Verpflichtungen." Europa und Deutschland können mehr tun. Und sie müssen mehr tun."
Denn die internationale Gemeinschaft zahle bislang gerade mal 350 Millionen Dollar für die Ausbildung der afghanischen Armee. Nach ersten Schätzungen brauche man mindestens zwei Milliarden Dollar mehr. "Wenn wir nicht mehr Geld ausgeben, dann werden wir mehr Soldaten schicken müssen. Nämlich 134.000 Soldaten mehr. Wir müssen entschlossen und sofort handeln."
Die Zeit drängt. In einem Jahr schon sollen erste Erfolge sichtbar sein, heißt es in Washington. Denn dann muss Obama dem Wahlvolk seine weitere Strategie für Afghanistan erklären. Noch mehr Opfer? Noch mehr Geld? Oder vielleicht schon das, was im Moment noch niemand aussprechen will: einen Zeitplan für einen möglichen Truppenabzug. Eine Exit-Strategie.
Phase I ist vorbei, Phase II hat begonnen: Amerikas Forderungen liegen auf dem Tisch. Und als ob er es noch einmal bekräftigen müsse, sagte Top-Diplomat Daalder: "Wenn ich sage WIR, dann meine ich WIR". Und so freundlich, so verbindlich klang das einen Moment lang gar nicht mehr. Vielmehr so, als ob er mit einem störrischen Kind reden müsse.