. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
2. Februar 2009, 16:07 Uhr

"Mein Gott, was haben wir denen getan?"

Gaza, Nahost, Krieg, Opfer

Schwer verletzt erreicht Ghada, die 16-jährige Nichte des Arztes, die Notaufnahme eines Krankenhauses in Ashkelon, nicht weit von Gaza entfernt© Edi Israel/Reuters

Die Überlebenden des Granatenangriffs liegen nun im Chaim-Sheba-Krankenhaus, Israels größter Klinik. Die gerät immer wieder in die Schlagzeilen, weil hier Zimmer an Zimmer, Flur an Flur die Opfer aller Kriegsparteien landen. Eine Handvoll Palästinenser aus Gaza, 42 israelische Soldaten, daneben zwei junge Fatah-Kämpfer, denen die Hamas in die Beine geschossen hat und die den Krieg nun verwirrt im Fernsehen gesehen haben: "Sollen sie die von der Hamas umbringen, aber ich habe Angst um meine Frau", sagt einer der beiden. Monatelang lagen zwei kleine Jungen mit ähnlich schweren Beinverletzungen auf einem Flur: ein Palästinenser aus Gaza, den eine israelische Rakete verletzt hatte, und ein Israeli aus Sderot, den ein Schrapnell einer Hamas-Rakete traf.

"Wir kümmern uns nicht darum, was andere sagen", sagt Direktor Zeev Rothstein, "wir sind ein Krankenhaus. Jeder, der hier unsere Hilfe braucht, wird sie bekommen. Aber es ist absurd." Er tätschelt den kahl geschorenen Kopf eines verletzten israelischen Offiziers, spricht von der Notwendigkeit des Krieges und davon, dass man alles tun werde, Abu al-Aischs verletzte Tochter zu retten, seinen Bruder Nasr und die zwischen Leben und Tod schwebende Nichte Ghada. Von hier aus betrachtet, scheint der hippokratische Eid eine verrückte Idee zu sein. "Aber vielleicht sind die anderen alle verrückt?", sagt einer der israelischen Freunde des palästinensischen Arztes, der gekommen ist, Beistand zu leisten. Vielleicht sei es in diesem Land verrückt, dass Ärzte alle Menschen gleich behandeln wollen - egal, wem Gott dieses Land versprochen habe.

Ein Zeichen setzen

Am Mittwoch der vergangenen Woche, als die Waffenruhe endlich spürbar wurde, als die Menschen in Gaza aus ihren Kellern kriechen, vor den Ruinen Feuer machen und nach Nahrung suchen, darf Abu al-Aisch auch seine unverletzten vier Kinder nach Tel Aviv bringen. Seine drei toten Töchter hat er zu Grabe getragen: Bisan, 20, die in "Friedenscamps" im US-Staat New Mexico jüdische Israelinnen kennengelernt hatte, ihre kleinen Schwestern Majar, 15, und Aja, 13. "Bisan hatte Angst, aus Amerika zurückzukehren", erinnert sich ihre Freundin Hawad aus Tel Aviv, "weil wir uns hier nie wieder sehen könnten. Zwei Stunden Autofahrt, aber eine unüberwindliche Grenze." Das war noch vor dem Krieg.

Nun liegt Gaza in Trümmern, nur die Hamas ist immer noch da. Viele Tunnel nach Ägypten, durch die Waffen, Nahrungsmittel und Treibstoff geschmuggelt wurden, sind Tage später schon wieder geräumt. Die Hamas kann immer noch ihre selbst gebauten Raketen abfeuern. Doch um all diese erklärten Ziele des Krieges sei es gar nicht gegangen, schreibt selbst sein Befürworter Shai Golden in der Tageszeitung "Haaretz": sondern einfach darum zu zeigen, dass Israel mit zerschmetternder Wucht zuschlagen könne, "dass es sich als der wahre 'Boss' in der Region fühlen darf!"

Seit dem Libanonkrieg 1982, als der Verteidigungsminister und spätere Premier Ariel Scharon zur Strafexpedition befahl, ein für alle Mal mit der PLO im Libanon aufzuräumen, hat es nicht mehr so viele Opfer gegeben. Der Krieg endete mit mehr als zehntausend Toten und dem Massaker an Zivilisten durch libanesische Milizionäre. In Israel trainiert, zogen sie durch die Flüchtlingslager Sabra und Schatila und metzelten deren Bewohner nieder. Abgeschirmt durch israelische Truppen, die nachts mit Leuchtgranaten für genügend Licht sorgten.

"Ich gehe davon aus, dass alle Menschen gleich sind"

Dem Krieg 1982 folgten weitere, eine Endlosschleife des Tötens, die immer neue Feinde schuf. Die PLO ging, Hamas und Hisbollah kamen. Und im Sheba-Krankenhaus, wo alle einander begegnen, liegt ein paar Hundert Meter neben der halben Familie Abu al-Aisch auch der untote Urheber des Krieges von 1982: Ariel Sharon wird seit einem Schlaganfall vor drei Jahren in der Klinik für künstliche Beatmung am Leben erhalten.

Dr. Abu al-Aisch will immer noch Frieden. "Ich bin Arzt", sagt er, "ich gehe davon aus, dass alle Menschen gleich sind." Er könne es ertragen, wenn die israelische Armee zugeben würde, seine Töchter aus Versehen getötet zu haben. Danach sieht es jedoch nicht aus.

Israelische Truppen seien aus der Nähe beschossen worden, hatte ein Sprecher der Armee unmittelbar nach dem Angriff erklärt. Sie hätten das Feuer erwidert und dabei das Haus des Arztes getroffen. Der widerspricht heftig: "Weder von unserem Haus, noch aus der Nähe gab es vorher Schüsse." Abu al-Aisch wird laut, der kleine Tisch vor ihm scheppert unter seiner Faust: "Sie sollen aufhören zu lügen!"

Die Schuldfrage

Tage später wird der Regierungssender Channel 1 eine neue Version aus Militärkreisen präsentieren: Die Metallsplitter im Kopf der Nichte sähen auf dem Computertomografen aus wie Fragmente einer Hamas-Rakete. Ein Sprecher der Armee erklärt eine Woche nach den Schüssen: Man müsse das gründlich untersuchen, könne nichts zum Vorfall sagen.

Dabei scheint die Indizienlage recht übersichtlich: Die Wohnung des Arztes weist zwei parallele Einschüsse in ungefähr anderthalb Metern Abstand auf. Das lässt sich weder mit Panzerfäusten noch mit den Raketen der Hamas bewerkstelligen. Auch drei andere Häuser in der Nachbarschaft wurden von Geschossen getroffen, deren Einschlagswinkel auf einen Hügel einen halben Kilometer entfernt weist. Dort lag eine israelische Panzerstellung.

Splitter im Haus des Arztes identifizierte der Militärexperte von Human Rights Watch, Marc Garlasco, als Reste von Panzergranaten. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert ließ am vergangenen Wochenende verbreiten, er habe weinen müssen, als er Abu al-Aisch vom Tod seiner Töchter erzählen hörte: "Wer tat es nicht?" Channel 1 verbreitete unterdessen, das Militär habe Schmauchspuren gefunden, die nicht auf israelische Granaten hinwiesen. Dr. Izz al-Din Abu al-Aisch sieht endlos müde aus. "Ich will, dass sie wenigstens die Wahrheit sagen. Es ist keine Schande, einen Fehler zu begehen. Aber wenigstens sollen sie ihn zugeben. Wenigstens das."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2009

Mehr Infos www.stern.de/gaza
Hier finden Sie auch den Clip aus dem israelischen Fernsehen

Von Christoph Reuter
1 2
weiter  
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Gaza-Streifen Israel bombardiert erneut Tunnel

Die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen erweist sich weiterhin als brüchig: Israel hat mehrere Tunnelanlagen und eine leere Polizeistation angegriffen. Dem Angriff waren palästinensische Raketeneinschläge auf israelischem Boden vorausgegangen. mehr...

Davos Türken feiern Erdogan nach Eklat

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist es wegen des Kriegs im Gaza-Streifen zu einem Eklat gekommen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verließ nach einem Streit mit dem israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres das Podium. In Istanbul wurde er dafür gefeiert. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe