
Traurende legen Blumenkränze an der Stelle nieder, wo Dink erschossen wurde© Burak Kara/Getty Images
Ich hätte nach meinem Grundwehrdienst die Offizierslaufbahn einschlagen können. Damals war ich bereits verheiratet, hatte zwei Kinder und das dritte war unterwegs. Um befördert zu werden, legte ich wie viele meiner türkischen Kameraden ein Examen ab. Danach mussten alle Offiziersanwärter antreten und bekamen ihre Orden überreicht. Mein Name wurde als einziger nicht aufgerufen. Und da begriff ich: In der säkularisierten Türkei ist es nicht möglich Offizier zu werden, wenn man kein Moslem ist! Ich war so traurig, dass ich mich hinter einem Zelt versteckte und zwei Stunden weinte. Damals habe ich zum ersten Mal wirklich begriffen, was es heißt, in der Türkei ein Armenier zu sein.
Genau. Dieses Erlebnis war der Wendepunkt. Ich gründete "Agos" die erste und bis heute einzige zweisprachige Zeitung in der Türkei. Ich wollte die armenischen Probleme in die türkische Gesellschaft tragen und sie öffentlich diskutieren. Am Anfang war das nicht einfach, denn bis zu diesem Zeitpunkt waren die Armenier immer noch so traumatisiert von der Geschichte, dass sie nicht bereit waren, auf einmal alles nach außen zu kehren. Aber nur so konnten wir den gepflegten Vorurteilen begegnen und dagegen kämpfen, dass man das Wort "Armenier" als Schimpfwort benutzte und uns immer wieder in die Nähe terroristischer Vereinigungen wie der PKK stellte. Und dazu mussten wir der türkischen Gesellschaft einen Spiegel vorhalten.
Wir sind Bestandteil der gesellschaftlichen Veränderungen, die in der Türkei sehen kann, wer es wirklich will. Die Zeitschrift ist zu einer wirklichen Brücke zwischen der armenischen und der türkischen Gesellschaft geworden. Immer mehr Menschen, auch Orhan Pamuk, haben ihre Stimme für uns erhoben. So wie er gehören viele türkische Intellektuelle zu unserer Leserschaft.
Die Antwort auf die Frage war im Übrigen mehr an die Armenier als an die Türken gerichtet: Ich glaube nämlich, dass ich anders bin als viele Armenier, die lieber den Kopf einziehen, wenn's brenzlig wird. Aber wohin das führt, wenn man immer den Kopf einzieht, das habt gerade ihr Deutschen - und nicht nur ihr - in der Geschichte zur Genüge erfahren. Das ist es, was mich und leider nicht nur mich zur Zielscheibe macht. Auch meine Familie ist davon betroffen.
Es ist nicht leicht für Kinder und Frau zu wissen, dass der Vater immer wieder Morddrohungen erhält, am Telefon, in zahlreichen E-Mails. Sie müssen erleben, wie vor der Tür demonstriert wird. Sehen Sie, wenn ich eingangs den Vergleich mit der Taube machte, dann ist es doch auch so, dass eine Taube, so viel Angst sie auch hat, doch nur eines möchte: In die Freiheit entkommen. Und das ist es doch, wofür ich kämpfe, dass wir alle in die Freiheit entkommen. Dass diese Situation eines Tages zu Ende ist.
Kommen Sie mir doch nicht so. Es reicht, wenn ich das immer wieder von meinen Freunden höre. Ich möchte meinen Kampf hier fortsetzen. Das ist doch nicht nur mein Kampf. Das ist der Kampf aller, die sich in der Türkei um Demokratisierung bemühen. Wenn ich aufgebe und das Land verlasse, wäre das doch eine Schande für uns alle. Hier ist das Land meiner Vorfahren, hier sind meine Wurzeln und ich habe ein Recht darauf, in dem Land zu sterben, in dem ich geboren bin.
Interview: Ellen Rudnitzki/IC-MN