Man kann eher vermuten, dass der größte Teil der Libanesen wie jedes andere Volk auf der Welt reagieren wird: mit Zorn und Hass gegen die Invasoren. So geschah es 1982, als die Schiiten im Süden des Libanon - bis dahin so gefügig wie ein Fußabstreifer - sich gegen die israelischen Besatzer erhoben und die Hisbollah gründeten, die dann stärkste Kraft des Landes wurde. Wenn die libanesische Elite sich nun als Kollaborateur Israels erweisen sollte, wird sie von der Landkarte gefegt.
Auch Amerikas Politik ist voller Widersprüche. Präsident Bush wünscht im ganzen Nahen Osten "Regimewechsel". Das gegenwärtige libanesische Regime ist aber erst kürzlich von den Amerikanern eingesetzt worden. Bisher ist es Bush nur gelungen, den Irak zu zerstören und dort einen Bürgerkrieg zu verursachen. Er könnte dasselbe im Libanon erleben, wenn er die israelische Armee nicht rechtzeitig stoppt. Außerdem könnte ein vernichtender Schlag gegen die Hisbollah nicht nur die Wut des Iran entfachen, sondern auch unter den Schiiten im Irak, auf deren Unterstützung sich Bushs Pläne eines pro-amerikanischen Regimes gründen. Nicht zufällig hat die Hisbollah den Überfall mitsamt Soldatenentführung zu einem Zeitpunkt durchgeführt, als die Palästinenser um Beistand riefen.
Die palästinensische Sache ist in der ganzen arabischen Welt populär. Indem sie zeigt, dass sie ein Freund auch in der Not ist, wenn alle anderen Araber so schmählich versagen, hofft die Hisbollah ihre Popularität zu vergrößern. Gäbe jetzt schon ein israelisch-palästinensisches Abkommen, dann wäre die Hisbollah nur noch ein lokales libanesisches Phänomen, ohne Einfluss auf unsere Situation.
Weniger als drei Monate nach der Bildung der Olmert-Peretz-Regierung ist es ihr gelungen, Israel in einen Zwei-Frontenkrieg zu ziehen, dessen Ziele unrealistisch und dessen Folgen nicht abzusehen sind. Wenn Ministerpräsident Olmert hofft, als "Mister Macho-Macho", als Sharon Zwei, angesehen zu werden, wird er enttäuscht werden. Dasselbe gilt für den verzweifelten Versuch von Verteidigungsminister Peretz, als imponierender "Mister Sicherheit" ernst genommen zu werden. Jeder hat begriffen, dass diese Operationen - im Gazastreifen genau so wie die im Libanon - längst von der Armee geplant und diktiert worden waren. Der Mann, der jetzt in Israel die Entscheidungen fällt, ist Dan Halutz, der Generalstabschef und frühere Luftwaffen-General. Nicht zufällig wurde der "Job" im Libanon der Luftwaffe zugeteilt.
Die israelische Öffentlichkeit ist vom Krieg nicht begeistert. Sie hat sich mit stoischem Fatalismus damit abgefunden, weil man ihr erzählt hat, es gebe keine Alternative. Und in der Tat, wer könnte gegen ihn sein? Wer möchte nicht, dass die "entführten Soldaten" befreit werden? Wer möchte nicht, dass die Katjuschas entfernt werden und die Abschreckung wieder funktioniert? Kein Politiker wagt es, die Operation in Frage zu stellen, (außer den arabischen Knessetmitgliedern, die von der jüdischen Öffentlichkeit ignoriert werden). In den Medien herrschen die Generäle - und nicht nur die in Uniform. Es gibt fast keinen früheren General, der nicht von den Medien eingeladen wird, um zu kommentieren, zu erklären und zu rechtfertigen - und alle sprechen mit einer Stimme. Als kleine Illustration: Israels bedeutendster Fernsehsender lud mich zu einem Interview über den Krieg ein, nachdem bekannt geworden war, dass ich an einer Anti-Kriegs-Demonstration teilgenommen hatte. Ich war ziemlich überrascht. Aber nicht lange - eine Stunde vor der Sendung rief ein sich entschuldigender Talkshowmaster an und sagte, es hätte sich ein schrecklicher Fehler eingeschlichen - in Wirklichkeit wollte man Professor Shlomo Avinery, den früheren Generaldirektor des Außenministeriums einladen. Auf ihn kann man zählen, wenn es darum geht, eine Handlung der Regierung mit abgehobener akademischer Sprache zu rechtfertigen - ganz gleich, um welche es sich handelt.
"Inter arma silent musae" - "Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Musen" heißt ein altes Sprichwort. Hier passt eher: Wenn die Kanonen donnern, hört das Gehirn auf zu arbeiten. Nur noch ein kleiner Gedanke: Als der Staat Israel in der Mitte eines grausamen Krieges gegründet wurde, waren die Wände mit Plakaten zugepflastert, auf denen folgendes zu lesen war: "Das ganze Land - eine Front, das ganze Volk - eine Armee!" Seitdem sind 58 Jahre vergangen, doch der Slogan ist noch genau so gültig wie damals. Was sagt das über die Generationen von Staatsmännern und Generälen aus?