
ECOWAS-Friedenssoldat in Monrovia: "das schlimmste Land der Welt"© dpa
Nach den Hilflosen hungern jetzt auch die Helfer. Über das Schicksal der Menschen im Rest Liberias mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern gibt es seit Wochen kaum Nachrichten. Hilfsorganisationen rechnen mit einer Katastrophe.
Nicht zum ersten Mal. Viel zu lange hat die Welt dem Siechtum Liberias tatenlos zugesehen, der Endlosspirale aus Gewalt und Vertreibung, die das rohstoffreiche Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten zerrieben hat. In den nächsten Wochen soll eine rund 3000 Mann starke Friedenstruppe der Ecowas (Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft) mit UN-Mandat das blutige Chaos beenden und einen Korridor durch die feindlichen Lager bahnen, damit endlich Hilfsgüter zu den Verhungernden gelangen - und der amtierende Präsident Charles Taylor unbehelligt den Gang ins nigerianische Exil antreten kann.
Doch das Feilschen um die Konditionen seines Rücktritts hält an und kostet jeden Tag neue Menschenleben: Denn gehen will der als Kriegsverbrecher beschuldigte Diktator nur, wenn das UN-Tribunal in Sierra Leone seine Klage fallen lässt.
Dem 55-Jährigen mit dem Hang zu schneeweißen Safarianzügen, mächtigen Sonnenbrillen und tellergroßen Spielzeugorden wird sein Volk keine Träne nachweinen. Taylors Raffgier und Brutalität schlägt selbst die gröbsten Klischees über schwarzafrikanische Tyrannen. Aufstieg und Fall des Despoten markieren den vorläufigen Höhepunkt der Leidensgeschichte des Landes, das bei seiner Gründung 1847 als Vorzeigemodell galt: die erste Republik Schwarzafrikas mit einer der modernsten Verfassungen ihrer Zeit. Amerikanische Geschäftsleute und eine Hand voll Philanthropen hatten 1822 von den Briten ein Stück ihres Kolonialterritoriums an Afrikas Westküste erworben, um darauf freigekaufte Sklaven anzusiedeln. Kein schieres Werk der Menschlichkeit: Mit Hilfe der verlässlichen Ex-Leibeigenen ließen sich Liberias enorme Kautschukvorkommen ausbeuten, zum Wohle von Firestone und Goodyear, den Kolossen der heimischen Reifenindustrie.
Die Amerika-Liberianer tauften ihre Hauptstadt dankbar nach dem fünften US-Präsidenten James Monroe, nannten sich "Congos" und imitierten außer der US-Flagge auch das Gebaren ihrer alten Herrschaft: Obwohl sie nur drei Prozent der Bevölkerung repräsentierten, stellten sie 133 Jahre lang die Machtelite und hielten die vielstämmigen Einheimischen ihrerseits wie Sklaven. Erst Unteroffizier Samuel Doe vom Stamm der Krahn beendete die Apartheit unter der Vorherrschaft der "Congos" 1980 mit einem blutigen Putsch: Seinen Vorgänger ließ er vierteilen, dessen Ministerriege am Strand von Monrovia erschießen - und sich zum ersten Präsidenten lokaler Herkunft wählen. Alle wichtigen Positionen wurden fortan mit Leuten seines Stammes besetzt, bei Bedarf auch vom Koch oder Dienstboten. Das Regime des Mannes, der weder richtig lesen noch schreiben konnte, dafür viel von Luxuskarossen, Voodoo und ethnischer Säuberung hielt, endete zehn Jahre später - noch brutaler, als es begonnen hatte.
Sein früherer Verwaltungschef Charles Taylor, ein Mann mit Wirtschaftsstudium in den USA und Kampfausbildung in Libyen, hatte seit Weihnachten 1989 mit einem Haufen blutjunger Rebellen den Marsch auf Monrovia angetreten: Seine Killerkids schlachteten Doe vor laufenden Videokameras genüsslich ab - Auftakt für ein jahrelanges Gemetzel zwischen Taylors "National Patriotic Front" und Doe-Anhängern, bei denen fast ein Drittel der Bevölkerung vertrieben wurde und 200 000 Menschen umkamen.
"PAPA" Taylor war der erste, der Kinder systematisch als Killermaschinen einsetzte. Zeitweise war die Hälfte seiner Krieger in den so genannten "small boy units" zwangsrekrutiert, bis heute stellen sie seine persönliche "Security"-Truppe. Jedes zehnte Kind im Land zwischen sechs und 16 Jahren steht unter Waffen, so Unicef, meist Waisen und streunende Flüchtlingskinder, die sich Taylors Monstermiliz mit Essen, Drogen und Voodoo-Zauber gefügig macht - und ihnen zugleich Ersatz für die verlorene Familie bietet. Fassungslos reagierte die Welt Anfang der neunziger Jahre auf die ersten Bilder der kleinen Ungeheuer im schrillen Hip-Hop-Look, die unter knallbunten Frauenperücken, mit Schweißerbrillen oder Duschhauben paradierten und wahllos aus ihren Kalaschnikows ballerten. Die Horrorszenen versucht die internationale Öffentlichkeit bis heute zu verdrängen: Verstümmelungen der Gegner bei lebendigem Leib, Gedärme, die als Absperrseile, Genitalien, die als Amulette missbraucht wurden - und kannibalistische Exzesse.