Immer mehr Schaulustige sammeln sich. Einer überragt sie alle, ist 1,83 Meter groß. Er trägt einen einfachen Soldatenmantel. Alle hören ihm respektvoll zu, als er mit feierlicher Stimme sagt: "Wir müssen töten. Es ist gut zu töten." Sie nennen ihn schon jetzt den "Großen Vorsitzenden". Es ist Mao. Als die Mutter stirbt, reißen sie den Säugling in Stücke und werfen ihn in einen Brunnen.
Maos Aufstieg wird von Exzessen begleitet. Eine junge Halbchinesin aus England erlebt, wie im Zentrum Pekings 200 Menschen zur Schau gestellt und dann durch Kopfschüsse getötet werden, ihre Hirnmasse spritzt auf die Umstehenden. Als sich Bauernführer der Provinz Hunan über das Morden beschweren, brüllt Mao sie an: "Eine Revolution ist kein Bildermalen oder Deckchensticken. Es ist notwendig, eine Schreckensherrschaft in jedem Bezirk zu errichten."
Während des von Mao inszenierten "Großen Sprungs nach vorn" 1958 bis 1961 verhungern 38 Millionen - die größte Hungersnot in der Geschichte der Menschheit. Mao presst den Bauern Getreide und Fleisch ab, um damit bei der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern Know-how für den Bau der Atombombe zu kaufen. "In den beiden kritischen Jahren 1958 und 1959 hätten allein die Getreideexporte, die fast genau sieben Millionen Tonnen ausmachten, genügt, um 38 Millionen Menschen täglich mit weiteren 840 Kalorien zu versorgen - dem Unterschied zwischen Leben und Tod", schreibt Jung Chang.
Auch die DDR kommt in den Genuss der Lieferungen und kann 1958 die Lebensmittel-Rationierung aufheben. Chinesische Bauern ernähren sich von Gras und Blättern. Ganze Dörfer sterben. "Die Toten sind nützlich", erklärt Mao am 9. Dezember 1958 vor Spitzenfunktionären der Partei, "sie düngen den Boden."
Viele im Westen glauben, China habe, anders als Indien, den Hunger besiegt. Mao persönlich versorgt Bewunderer wie den US-Journalisten Edgar Snow mit Märchen über gigantische Umwälzungen, die dieser in seinem Buch "Roter Stern über China" verbreitet. Revolutionsromantik mischt sich mit Fernost-Exotik, Unkenntnis mit politischem Kalkül. Paul Breitner liest demonstrativ die Mao-Bibel beim Training der Nationalmannschaft. Der Philosoph Jean-Paul Sartre lobt Maos "revolutionäre Gewalt" als "tief moralisch". Der "Spiegel" würdigt Mao bei dessen Tod als "größten Politiker des Jahrhunderts", US-Außenminister Henry Kissinger nennt ihn einen "Mönch, der seine revolutionäre Reinheit bewahrt hat".
In Wirklichkeit ist Mao nur eines wichtig: seine Macht. Die will er auf die ganze Welt ausdehnen. 1957, beim Gipfel der kommunistischen Parteien in Moskau, sieht er seine Stunde gekommen. Stalin ist seit vier Jahren tot, der neue sowjetische Parteichef Chruschtschow umstritten. Als einziger ausländischer Parteiführer wohnt Mao im Kreml, wo ein Zimmer eigens für ihn eingerichtet ist, mit Holzbett und Hocktoilette. Über das weiche Federbett und die westliche Kloschüssel hatte er sich zuvor beschwert.
Die versammelten KP-Führer ruft er zum Atomschlag gegen den Westen auf: "Im schlimmsten Fall stirbt die Hälfte der Weltbevölkerung. Aber der Imperialismus würde ausgelöscht, und die ganze Welt würde sozialistisch." Die Zuhörer schauen sich entsetzt an.
Viele Chinesen feiern den Bauernsohn im blauen Kittel weiter als Erlöser. "Der Osten ist rot, China hat einen Mao Tse-tung geboren, er ist des Volkes großer Retter." Die Hymne der Kulturrevolution schallt über den Platz, während die Rentner in Shaoshan morgens um sechs ihre Holzschwerter schwingen. "Mao hat den Frühsport erfunden", sagt die 62-jährige Zhang Jihong. Die Alten erinnern sich daran, dass es unter Mao fast nichts zu essen gab. Doch das, glauben sie, "war die Schuld der örtlichen Funktionäre. Mao wusste davon nichts. Mao ist und bleibt der größte Führer unseres Landes".
Wer heute durch die chinesischen Fernsehkanäle zappt, findet 15 Seifenopern, die Mao verherrlichen. Es wird viel geschossen, schließlich befreit er das Land von den japanischen Besatzern - eine Geschichte, die man in China von klein auf hört. Nur: Sie ist frei erfunden. Den Krieg gegen Japan führten die Nationalisten - die Gegner Maos, die später nach Taiwan flohen. 1937 befiehlt Mao seinen Soldaten, sich aus den Kämpfen gegen die japanischen Eindringlinge herauszuhalten und abzuwarten, bis diese die Nationalisten geschwächt haben. Im Dezember töten die Japaner in Nanjing 300 000 chinesische Männer, Frauen und Kinder. Als sich japanische Besucher später bei Mao für die Kriegsverbrechen entschuldigen, entgegnet er: "Ich würde eher den japanischen Kriegsherren danken."
Er begeht nicht nur Verrat an der Nation, sondern auch an der eigenen Familie. Auf dem "Langen Marsch" der Roten Armee bringt seine Frau He Zizhen 1935 in einer Strohhütte ein Mädchen zur Welt. Das Kind wird einer alten Bäuerin anvertraut, die mit Silberdollar und Opium bezahlt wird. Maos Frau protestiert, denn die Greisin kann keine Milch geben. Nach drei Monaten stirbt der Säugling. Mao zuckt mit den Schultern: "Das war richtig, wir mussten das tun."
Maos Frau weint, er ließ schon ihre drei vorherigen Kinder zurück, sie sind verschollen. Als sich andere Kämpferinnen empören, spottet Mao: "Was habt ihr Frauen so Angst vor der Geburt? Schaut euch meine Frau an, ihr geht eine Geburt so leicht von der Hand wie einer Henne das Eierlegen." Später löst er die Ehe mit He Zizhen per Brief auf: "Ab jetzt sind wir nur noch Genossen." Seine zweite Ehefrau, Yang Kaihui, wird von Maos Gegnern in Changsha zum Tode verurteilt. Er liegt mit seinen Truppen vor der Stadt, aber er rettet sie nicht, er ist bereits mit einer neuen Partnerin zusammen.
Während seiner vier Ehen nimmt sich Mao jede andere Frau, die er will. Er treibt es mit Bordbegleiterinnen in seinem Zug und mit Schauspielerinnen, mit Beamtinnen der Staatskanzlei und mit Dolmetscherinnen. 1966, im Land tobt der Terror der Kulturrevolution, vergnügt sich Mao im abgeschirmten Regierungssitz Zhongnanhai mit zwei Dutzend blutjungen Mädchen. Sie tanzen zur Melodie von "Der freudesuchende Drache flirtet mit dem Phönix", ein Lied, das zu dieser Zeit in China als pornografisch verboten ist. Dann wählt Mao die fünf hübschesten aus und zieht sich mit ihnen zurück. Mao steht auf Sex mit mehreren Frauen. Die Mädchen empfinden es als Ehre, sich dem "Großen Vorsitzenden" hinzugeben.
Überall im Land lässt er monströse Gebäude für sich errichten. In Shaoshan wird unter dem Decknamen "Projekt 203" ein gigantischer Wohnkomplex aus Stahl und Beton gebaut, mit eigener Bahnlinie sowie erdbeben- und atombombensicherem Bunker. Ein kompletter Gebirgszug wird dafür abgeriegelt, die Bauern müssen das Gebiet verlassen. Mao wohnt dort ganze elf Tage. Er lebt wie ein Kaiser, regiert wie ein Despot. "Mao war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten", fasst Jung Chang das Ergebnis ihrer Recherchen zusammen. "Kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran."
Trotzdem genießt Mao in China weiter großes Ansehen - selbst unter den neuen Kapitalisten. "Er ist ein Vorbild für uns Unternehmer", sagt Edward Zeng, 42, Gründer und Chef von Sparkice, einem der größten Internetunternehmen in China. "Mao war ein Mann mit Visionen." Der Kommunist wollte einst das Geld abschaffen. Heute prangt sein Porträt auf jedem Schein.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 39/2005