. .
Politik im Ausland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
10. September 2009, 19:58 Uhr

Die Bluewater-Affäre

Eine perfekte Inszenierung

Allein: Sein und Schein, vor allem der Schein des Internets, unterschieden sich am Donnerstag beträchtlich. Bei genauerer Betrachtung kristallisierte sich schon zu dem Zeitpunkt heraus, dass nicht nur der vermeintliche Anschlag ein Scherz war, sondern das gesamte Ereignis nichts anderes war als ein für deutsche Medien inszenierter, grandioser Fake. Denn weder gibt es das Restaurant noch den Fernsehsender, es gibt keinen simulierten Anschlag und auch keine Festnahmen - und auch keine Polizei, die irgendetwas bestätigt hat. Es gibt nur eine mitunter brillante Inszenierung einer internetbasierten Wirklichkeit, erdacht und gedacht mit dem Ziel, um die deutschen Medien in die Irre zu führen, vorzuführen.

Mit Erfolg. Nicht nur die dpa berichtete. Auch andere Medien, etwa heute.de, griffen die Meldung auf, bisweilen sogar mit Namensartikeln. Heute.de zitierte Reiner Petersen, den vermeintlichen Informanten aus den USA, mit den Worten: "Am Anfang war hier der Teufel los."

Erste Zweifel an der Geschichte nährte die Internetseite des TV-Senders. Die Namen der Kontaktpersonen klangen ebenso fantasievoll wie falsch. Die Moderatorin wurde als "Anchorwoman" Linda Davenport eingeführt, der zuständige Redakteur als "Marc Napster", in Anlehnung an die Tauschbörse Napster, ein anderer Redakteur hieß Jake Montana, vielleicht in Anlehnung an den einstigen Footballspieler Joe Montana. Schnell stellte sich heraus, dass der Wikipedia-Eintrag des Senders erst am Mittwoch erstellt worden ist - genauso wie der Wikipedia-Eintrag des Ortes Bluewater. In dem Wikipedia-Eintrag wiederum fand sich ein Link auf eine vermeintliche Seite der Gemeinde: www.bluewatercity.com. Dort wiederum gab es dann allerlei zu finden: Infos über Bluewater, über den Tourismus dort, eine Anzeige des Restaurants "Artisan Diner", auch Infos über Kontakte zur örtlichen Verwaltung, zur Polizei, zur Feuerwehr.

Für Journalisten waren genau die Kontakte zur Polizei die perfekte Falle: Wer Angaben schnell prüfen will, ruft eben bei der örtlichen Polizei an, die man googelt. Wer kann schon wissen, dass die Polizeistation nicht existiert, dass am anderen Ende der Leitung nicht ein aufgeregter Polizist in Kalifornien sitzt, sondern ein entspannter Deutscher, der einen gezielt narrt? Genau das jedoch ist geschehen, genauso ist es offenbar der DPA ergangen - und dann einer Reihe weiterer Medien. Dabei hat erst eine genauere Recherche ergeben, dass die Seiten des TV-Senders vpk-tv und bluewatercity.com beide am gleichen Tag, am 29.6.2009 eingerichtet, wurden.

Es ist in solchen Situationen sehr einfach, Kollegenschelte zu betreiben. Vielleicht hat stern.de bei der Geschichte auch nur Glück gehabt. In jedem Fall hat stern.de bei der offiziellen Polizeistelle der betroffenen kalifornischen Countys angerufen. Dort wusste niemand von einem Anschlag, echt oder gefälscht, oder von Festnahmen von irgendwelchen Deutschen. Von einer Polizeistation in Bluewater wusste man ebenso wenig wie von der dortigen Feuerwehr. Nur seltsame deutsche Medien hätten nun schon vermehrt angerufen, hieß es. Während in Deutschland die Medien also in Aufruhr über die Ereignisse in den USA waren, war in Kalifornien dunkle Nacht - und sonst nichts.

Dass die große Show bald zum Thema für die Feuilletons werden könnte, zeichnete sich bald ab. Wie leichtgläubig sind deutsche Journalisten, vor allem Online-Journalisten? Wie schnell lässt sich hier eine Wirklichkeit inszenieren, die einer genaueren Prüfung nicht standhält? Wie sehr leben wir in der Matrix von Twitter, Wikipedia und Youtube? Schnell war auch klar: Irgendjemand hat hier einen fantastischen PR-Scoop gelandet - mit Hilfe, vor allem, der DPA.

Um 13.44 Uhr ruderte die Agentur zurück. Sie berichtete per Eilmeldung: "Bitte verwenden Sie die Berichterstattung über den angeblichen Anschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater nicht. Die Deutsche Presse-Agentur geht Hinweisen nach, dass die als Quelle genannte Website des Fernsehsenders gefälscht ist und auch andere Websites über Bluewater nicht echt sind."

Am Nachmittag fand die Agentur dann auch heraus, wer sie so trefflich gefoppt hatte: Jan Henrik Stahlberg heißt der Mann, er ist ein deutscher Regisseur, unter anderem der Satire "Muxmäuschenstill". Weil am 24. September sein neuer Film "Short Cut to Hollywood" startet, habe er einen "PR-Versuch" gestartet, der sich nah an der Geschichte des Films orientiere, sagte Stahlberg am Nachmittag. Darin gehe es um drei "vollkommene Nichtskönner aus Berlin, die in den USA dadurch berühmt werden wollen, dass sie den Medien ein Selbstmordattentat versprechen". Er habe testen wollen, ob so etwas auch in der Wirklichkeit möglich sei. Der Journalismus in Zeiten von Twitter und Webrecherchere sei zunehmend von Schnelllebigkeit geprägt." Gesagt hat Stahlberg das übrigens auch der DPA, die am Nachmittag ein Stück mit der Überschrift "Regisseur Stahlberg narrt dpa mit gefälschten Websites" über den Ticker jagte. Auch entschuldigt hat sich die Agentur mittlerweile bei ihren Kunden, denen sie zugleich um 17.29 Uhr ein paar Ratschläge zur wichtigen Frage: "Wie überprüft man zweifelhafte Websites?" gab.

Der Berliner Filmverleih Senator, der Stahlbergs neuen Film vertreibt, distanzierte sich übrigens auch von der Fälschungsaktion seines Regisseurs. Wie echt diese Distanzierung ist, konnte nicht überprüft werden. Aber die handwerkliche Frage des Faktenchecks im Internet wird in Redaktionen nun ebenso Thema sein wie die Frage von Sein und Schein in den Feuilletons.

Wenn man sich die Bluewater-Affäre bei Lichte betrachtet, kann man aber auch einfach nur schallend lachen - vor allem dann, wenn man sich die Making-of-Videos anguckt, die die Komiker am Donnerstagabend auf die Seite des angeblichen TV-Senders stellten. Die zeigen, wie die vermeintlichen Informanten todernst die deutschen Nachrichtenredaktionen anrufen: "Hallo, mein Name ist Reiner Petersen ... "

Nach dem Auflegen wird in den Dokumentationsvideos laut gelacht, nein, gebrüllt.

Von Florian Güßgen
Seite 1: Die Bluewater-Affäre
Seite 2: Eine perfekte Inszenierung
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
DasBertl (11.09.2009, 12:22 Uhr)
Ich finds...
irre komisch. Mich wundert, das niemand von diesen sogenannten Journalisten CNN eingeschaltet hatte. Jedenfalls muss dem wohl so sein, denn WENN so etwas in den USA passiert wäre, wäre der Bericht so ziemlich sofort auf CNN, jedenfalls spätestens nach 5 Minuten. Aber nichts, nur in Deutschland ging die Nachricht um bis sies dann noch zu den Nachbarländern schaffte, von denen die meisten aber eh nicht darauf reingefallen sind. Das sollte einem doch seltsam vorkommen, jedenfalls wenn man ernsthafter Journalist ist....
Jedenfalls ist es mal wieder zum Brüllen. Und wieder hat niemand was aus Karl Theodor WILHELM zu Guttenberg gelernt^^
deeperblue (11.09.2009, 11:22 Uhr)
Guerilla-Marketing
Fakes wie diesen wird es immer geben und es macht keinen Unterschied, ob Online- oder Printmedium. Siehe die gefälschten Hitlertagebücher.
Aber es stimmt: Auch mir (Journalist bei einem lokalen Nachrichten-Internetportal) bereitet es manchmal Bauchschmerzen, innerhalb kürzester Zeit Meldungen zu überprüfen und meist ist dann wikipedia die einzige Recherchequelle... Ich wäre auf die Guerilla-Marketing-Aktion des Herrn Stahlberg vermutlich auch reingefallen.
ice-t (11.09.2009, 10:54 Uhr)
Zitat: " alles darauf ausgerichtet, die deutschen Medien vorzuführen, sie mächtig auflaufen zu lassen. Und zum Teil ist das auch gelungen."

Warum bloß zum Teil?
Es ist vollends gelungen...Und das finde ich gut.
Es zeigt die Manipulationsfähigkeit von Medien durch Dritte...
Es ist schön zu wissen, dass man auf sowas Banales reinfällt...und gleichzeitig wird in Afgahnistan gemutmaßt, wer die Schuld am Bombenabwurf bekommt...
Was soll man in so einer Medienlandschaft, überflutet von Lügen und Halbwahrheiten noch glauben? Richtig! Nichts!
frank.butterbrodt@me.com (11.09.2009, 10:45 Uhr)
Bezahlen für Online-Inhalte?
Klasse! Ein Dank an die Macher dieser köstlichen Aktion. Ein Spiegel wird vorgehalten und wir schauen alle rein.
Gerade der Journalismus der gerade im Umbruch steckt und für die Inhalte im Netz nach möglichen Geldgebern sucht wird das ein Denkzettel sein. Was im Druckerzeugnis noch einige Stunden Zeit hat zu gären da wird im Internet nicht lange gefackelt. Durch diesen Qualitätsunterschied wird es niemals einen Vergleich zwischen Online- und Druckerzeugnis geben können. Wir müssen uns fragen was mehr Wert hat: Qualität oder Schnelligkeit.
hiro42 (11.09.2009, 10:22 Uhr)
Grossartig!
Ernsthaft! Absolut grossartige Aktion! Es wird nichts ändern - Journalisten werden weiter Twitter und Wikipedia-Einträge als Quelle hernehmen. Aber vielleicht ganz hinten im Hinterkopf daran denken, nicht alles zu glauben was sie im Internet lesen.
Katastrophenjunkie (11.09.2009, 08:21 Uhr)
einfache Schuldzuweisung...
ist bei einer solchen Sache wenig vernünftig. Wir alle, die wir diese Art und Weise der Informationskultur mitgeprägen bzw. mitgeprägt haben, haben einen kleinen Teil dessen zu verantworten.
Ist aber immer schöner, wenn man irgend jemanden dafür verantwortlich machen kann. Glückwunsch an den Macher dieses "Köpenick"-Streiches. Einfach wunderbar, selten so gelacht!
Tempelhofer (10.09.2009, 20:32 Uhr)
Besorgniserregend
Es muss zu denken denken, wie leichtfertig und sorglos die Medien heute mit ihrer Informationsverantwortung umgehen. Journalismus ist heute zur bloßen Massenproduktion verkommen. Qualität und Sorgfalt spielen keine Rolle mehr, was zählt ist das billige Produzieren von Schlagzeilen, Quoten und Online-Clicks. Redaktionen sind zu Medien-Fabriken geworden, die eine endlose Flut von Artikeln, Fotoserien und Kommentaren produzieren, mit einer Halbwertzeit, die sich teilweise nur noch in Minuten misst. Die Informationslawine verschlingt so auch die, die sie produzieren.
MEHR ZUM ARTIKEL
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe