
Gefangener in Guantanamo: "Schmerzen werden Teil des Lebens"© Shane T. McCoy/AP
Dort wollte ich mehr über meinen Glauben lernen, das war schon länger mein Plan.
Natürlich. Ich war in der Schule, da hieß es, in New York seien Flugzeuge abgestürzt. Zu Hause sagte meine Mutter, guck mal im Fernsehen, ein Erdbeben in Amerika. Nach zehn Minuten habe ich begriffen, dass das ein Angriff war. Meine erste Vermutung: Das waren die Japaner, aus Rache oder so. Von al Kaida hatte ich noch nie gehört.
Ich sah das als großes Unglück. Ich wusste nicht mal, dass das World Trade Center ein Symbol sein sollte, ich dachte, da wurden die Familien getötet, die darin wohnten. Bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich nie mit Nachrichten zu tun gehabt oder mit Politik.
Ich war, wie soll ich sagen, nachdenklich geworden. Ich hatte als Jugendlicher wilde Zeiten, mit viel Party und so. Ich habe viel trainiert. Erst Judo, dann Karate, Kickboxen und Boxen. An den Wochenenden habe ich neben meiner Schiffbauerlehre gutes Geld verdient, bei Discos und Konzerten, als Türsteher oder Bodyguard. Viele Frauen stehen auf so was. Aber das war immer nur für ein paar Wochen oder Monate, nie zum Heiraten, das hat nie geklappt. Und meine Freunde aus Kindertagen wurden immer weniger, sie nahmen Drogen, wurden kriminell, wurden abgeschoben.
Nein, ich bin schon selber darauf gekommen, dass mein Glaube all das bietet, was ich suchte. Aber ich wusste so vieles nicht, nicht einmal, wie man richtig betet.
Ja, aber da kann man nur mitbeten. Man lernt nichts.
Davon wusste ich nichts. Auf dem Heimweg von der Schule konnte ich da zum Freitagsgebet gehen.
Die waren freundlich und hilfsbereit.
Die haben viel von der Schule in Pakistan erzählt, dem Mansura-Center bei Lahore, in einem Naturgebiet ohne Autos, wo man den Islam studieren kann, ohne Ablenkung und nicht wie bei ihren Seminaren in Deutschland nur am Freitag, Samstag, Sonntag. Eine perfekte Schule. Da hab ich mir in den Kopf gesetzt, dass ich da hin will.
Ich dachte nicht, dass es Krieg geben würde, sondern dass die Amerikaner höchstens Sondereinsatzkommandos nach Afghanistan schicken würden. Außerdem hatte ich im Sommer in der Türkei geheiratet. Im Dezember sollte meine Frau ein Visum für Deutschland bekommen. Sie wäre neu hier gewesen, ich hätte sie nicht allein lassen können. Zwei Monate dauert so ein Islamstudium an der Schule in Pakistan, das wollte ich bis dahin durchziehen.
Nein, sie hätten versucht, mich zurückzuhalten. In der Nacht vor dem Flug habe ich meine Mutter geweckt. Ich sagte, ich hätte Rückenschmerzen, und bat sie, mich zu massieren. Dann hätte ich sie zum Dank umarmen können, so wollte ich mich verabschieden. Aber sie sagte: "Es ist mitten in der Nacht, lass uns das morgen früh tun."
Ja, aber von Frankfurt aus habe ich angerufen, bevor ich in den Flieger stieg.
Ich wusste, dass es dort warm ist. Ich dachte, so wie in der Türkei. Ich hatte eine dicke Jacke an und einen Pullover. Aber es war heiß, selbst mitten in der Nacht. Und als ich in Karachi ankam, habe ich gesehen, dass ich am Meer war. Da dachte ich, dass ich die Schule noch etwas verschieben kann, und bin mit dem Taxi in der Stadt rumgefahren, das ist dort extrem billig. Und der Fahrer hat mir dann eine Unterkunft besorgt.
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich bin in Pakistan umhergereist. Das hat mir gut gefallen, auf den Märkten gibt es Gaukler und Schlangenbeschwörer. Kung Fu ist sehr populär, die Schulen machen Shows draußen, mit Saltos, Schwerterwerfen. Als ich in Lahore zu der Schule kam, führte man mich in einen Raum zum Ausruhen. In der Nacht wurde wohl Afghanistan bombardiert. Als ich am nächsten Mittag ins Schulbüro kam, wollten sie keine fremden Schüler mehr. Vielleicht haben sie um meine Sicherheit gefürchtet, es gab in Pakistan gleich viele Demos gegen die Amerikaner, und ich sah mit meinen kurzen Haaren und der hellen Haut sehr westlich aus. Ich war total enttäuscht.
Es gibt auch Gruppen, die von Moschee zu Moschee ziehen, bei denen man fast so gut lernen kann wie in der Schule. Ich lernte jemanden kennen, Mohammed, der sprach Englisch, der kannte solche Gruppen. Mit dem bin ich mitgegangen.
Nein. In welche Städte wir kamen, weiß ich nicht genau. Aber eine Grenze haben wir mit Sicherheit nicht passiert.
Wir waren in Peshawar. Ich hatte schon Souvenirs für die Heimreise gekauft. Auf dem Weg zum Flughafen wurde ich an einem Checkpoint aus dem Bus geholt. Ich dachte nicht, dass ich verhaftet sei, ich dachte, das klärt sich alles. Ich wurde ins Polizeirevier gebracht, dann in eine Villa, dann zu einem Gefängnis. Überall stellte man mir dämliche Fragen: ob ich Kameramann sei, ob ich von der Polizei sei. Und immer hieß es, "no problem, wir fahren dich morgen zum Flughafen".
Am nächsten Morgen bekam ich einen Sack über den Kopf, mir wurden Handschellen angelegt. Wir fuhren einige Stunden zu einem sehr ruhigen Ort, man hörte keine Autos, keine Stimmen. Viele Metalltüren wurden nacheinander geöffnet. Als ich wieder sehen konnte, war ich in einem Raum ohne Fenster, ohne Toilette, nur ganz oben ein Loch, durch das Licht fiel, von einer Lampe, die man nicht sah.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 41/2006
Islamische Mission Tablighi Leben wie der Prophet und seine Gefährten wollen die Mitglieder der Tabligh-iJamaat. Die weltweit aktive islamische Missionsbewegung will so die Botschaft Mohammeds verbreiten und die muslimische Gemeinschaft stärken. Weil viele Tablighis einer strikten Auslegung des Korans anhängen, wurden sie von US-Behörden lange dem Dunstkreis von al Qaeda zugerechnet. Ermittler des Bundesnachrichtendienstes kamen 2002 zu dem gleichen Schluss wie verschiedene Islamexperten: Es handele sich um eine "sehr religiöse, aber nicht radikale pakistanische Gruppe". Hauptzentren der Tablighis sind Pakistan und Bangladesch. Von dort schicken sie Prediger bis Nordamerika, Afrika und Europa, einschließlich Bremen.