Doch über die genaue Anzahl der Opfer gibt es auch vier Tage nach dem Angriff noch immer keine zuverlässigen Zahlen. Am Morgen des 4. September um halb neun Ortszeit, veröffentlicht die Bundeswehr auf ihrer Internetseite eine Mitteilung zu der Attacke. Titel der Erklärung: "Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kunduz". Darin ist die Rede von 56 getöteten Taliban. Doch im Laufe des Freitags mehren sich die Zweifel an der Darstellung. Einige Dorfbewohner sprechen von rund 150 Toten und Verletzten, darunter viele Zivilisten. Im Laufe des Wochenendes variiert die Zahl der Toten und der Verletzten. Verteidigungsminister Jung aber bleibt bis Sonntag bei der offiziellen Darstellung - und auch, dass es bei dem Bombardement nur Tote aus Reihen der Taliban gegeben habe.
Das Vorgehen der Bundeswehr am Morgen nach der Attacke bringt die Militärführung in Bedrängnis. Denn laut "Washington Post" hätten die Deutschen entgegen der Direktive des Oberkommandeurs Stanley McChrystal nicht sofort nach dem Angriff ein Erkundungsteam zum Angriffsort geschickt, sondern erst Stunden später. Demnach haben sie bis zum Morgen gewartet - und dann nur ein unbemanntes Aufklärungsflugzeug entsendet, das Fotos machen sollte. Thomas Rabe, Sprecher des Verteidigungsministeriums, sagt zur Erklärung, die deutschen Soldaten seien auf dem Weg zu dem Ort von Aufständischen angegriffen worden. Das Verteidiungsministerium präzisiert die Geschehnisse für den Vormittag des 5. September folgendermaßen:
Um 12.30 Uhr trifft ein deutsches Untersuchungsteam der Bundeswehr vor Ort ein.
Um 13.09 Uhr wird das Team von Unbekannten beschossen. Die Bundeswehr schickt unbemannte Drohnen zur weiteren Aufklärung. Auch ein Untersuchungsteam der Isaf-Truppe trifft ein, sowie der Oberbefehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal. Zehn Minuten nach seinem Abflug werden am Ort des Geschehens Mörsergranaten abgeschossen.
Erst am Montag spricht Verteidigungsminister Jung erstmals von der Möglichkeit, dass es auch Zivilisten getroffen haben könnte. Zu dem Zeitpunkt aber gehen Nato- und Isaf-Vertreter bereits von 125 Opfern aus, von denen eine Reihe nicht zu den Aufständischen zu zählen sei. Der Distrikt-Gouverneur von Char Darah, Abdul Wahid Omarkhel, sagt am Montagmittag, mehr als 130 Menschen seien ums Leben gekommen. Er habe eine Liste der Opfer erstellt und der Delegation von Präsident Hamid Karsai übergeben, die den Vorfall untersucht.
Weshalb hat Klein das Bombardement befohlen? In dem Bericht der "Washington Post" wird er mit der folgenden Begründung zitiert: "Wenn wir die Aufständischen entkommen lassen, könnten sie die Tankzüge als Waffe gegen Polizeistationen oder unser Feldlager einsetzen". Die Sorge Kleins ist begründet. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Tanklaster als rollende Bomben benutzt werden. Erst im August kamen bei einem solchen Anschlag in Kandahar 40 Menschen ums Leben. Dennoch muss sich die Bundeswehr nun die Frage stellen lassen, wie verhältnismäßig der Einsatz der Bomben war. Denn eigentlich sind die Nato-Truppen dazu angehalten, so wenig Luftunterstützung wie möglich anzufordern, um die Zahl der zivilen Opfer zu begrenzen. Die Nato hat erkannt, dass zivile Opfer ihrer Mission in Afghanistan massiv schaden.
Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) gibt Oberst Klein unbeachtet aller Vorwürfe Rückendeckung: Der Verteidigungsminister halte es nicht für sachgerecht, dass die Staatsanwaltschaft Potsdam nun prüfe, ob ein Ermittlungsverfahren wegen eines Tötungsdelikts gegen den deutschen Oberst eingeleitet werden müsse. "Ich bedaure jeden Zivilisten, der verletzt wurde oder gegebenenfalls ums Leben gekommen ist", so Jung, "man muss aber die Gefahr sehen, die für unser Lager bestanden hat, denn es war eine klare Bedrohung durch die Taliban vorhanden."