Heute war Obama, der internationale Staatsmann, dran. Der Präsident und Oberbefehlshaber. Er lieferte eine ebenso furiose wie nachdenkliche Regierungserklärung als Präsident des Planeten Erde. Sein Auftritt wurde ein wichtiger Etappensieg in seiner globalen Glaubwürdigkeitsoffensive. Und zugleich die Rechtfertigung eines Mannes, der nun befehlen muss, dass seine Soldaten andere Menschen töten. Oder selbst getötet werden.
Da stand ein grundvernünftiger Mann vor der Welt, selbstbewusst, klug, konzentriert. Weder Messias noch Hoffnungsapostel und nur ein bisschen sentimental. Und schon in der vierten Minute kam er auf den Krieg zu sprechen, auf die beiden Kriege, die er nun führen muss. "Was ist ein gerechter Krieg?" fragte er: "Ich bezeuge die moralische Kraft des Gewaltverzichts. Aber gewaltfreie Bewegungen hätten Hitlers Armeen nicht aufgehalten. Und stelle mich der Welt, wie sie ist. Ich muss mein Land schützen. Ja, Krieg ist manchmal erforderlich. Aber er ist zugleich auch immer Ausdruck menschlichen Scheiterns. Ja, Krieg spielt eine Rolle bei der Bewahrung des Friedens. Der Krieg selbst aber ist ohne Glanz."
Da präsentierte sich ein Präsident im Krieg, der kein Kriegspräsident sein will. Dieser Präsident wird auch in Zukunft Gewalt anwenden - als rational und humanitär begründete ultima ratio: "Dass Gewalt manchmal notwendig ist, ist kein Zynismus, sondern Anerkennung historischer Tatsachen." Kein patriotisches Gefasel, keine Kriegslügen mehr wie noch von George W. Bush - und zugleich die klare Absage an "heilige" Kriege aller Art. Er werde internationale Normen einhalten, im Frieden wie im Krieg.
Und so legte Barack Obama einmal mehr ein Bekenntnis zu den USA als einer weltweit engagierten Supermacht ab, die sich in neuer Bescheidenheit übt. Ein glaubwürdiger Appell an Dialog, Vernunft, über Grenzen, Religionen, Ideologien hinweg. Denn globale Probleme lassen sich am besten gemeinsam lösen. Pragmatisch, in Kompromissen. Zu dieser Gemeinsamkeit bekannte er sich. Er hat diesen Krieg geerbt, Afghanistan, Pakistan, Al Kaida, eine ganze Region, die auf dem Pulverfass lebt. Erbte sieben verlorene Kriegsjahre, in denen sich Amerika um seine Glaubwürdigkeit brachte. Jetzt muss Obama in Afghanistan faktisch noch einmal neu anfangen, mehr als 100.000 US-Soldaten sollen die wiedererstarkenden Taliban nun in ihre Grenzen weisen. Es ist die Strategie der Eskalation, die sein Vorgänger George W. Bush in höchster Not schließlich im Irak anwandte: die "surge", eine Flutwelle amerikanischer Soldaten, die die Bevölkerung solange schützen sollen, bis Militär und Polizei selbst für Sicherheit sorgen können. Im Irak funktioniert es - mehr schlecht als recht. Die US-Truppen aber ziehen ab. Von einem Sieg in Afghanistan sprach Obama wohlweislich auch heute nicht. "Stabilisierung" lautet die offizielle Sprachregelung. Er weiß ja, er wird Afghanistan keinen Frieden bringen.
Doch dafür braucht er Partner. Sein Amerika, Obamas Amerika, fordert Verantwortung, Engagement und "Opfer" auch von anderen. Und so redete er einmal wieder seinen Freunden in Europa ins Gewissen: "Wir haben Fehler gemacht. Aber die simple Wahrheit ist auch: Wir haben seit 60 Jahren zur Sicherheit in der Welt beigetragen. Mit unseren Waffen und mit dem Blut unserer Bürger. Amerika kann den Frieden nicht allein sichern", sagte er. "Wir können nicht alleine handeln. Auch in Afghanistan nicht."
Und dann ist da noch der Rest der Welt. Der Nahe Osten, Israel und seine Siedlungen, die Palästinenser und ihre Hamas, der Iran und seine Atombombe. Nordkorea, China, der Hunger, die Armut, die Klimakatastrophe. "Er kommt mir vor wie ein Schach-Großmeister, der sechs Partien simultan spielt", so Henry Kissinger über Obamas außenpolitische Herausforderungen. "Er hat allerdings noch kein einziges Spiel beendet."
Er hat wenig Zeit, er weiß, ein paar Jahre nur. Eigentlich wäre er am liebsten sofort wieder zurückgeflogen nach Washington. Doch das Protokoll gebietet das Staatsbanquet am Abend, einen Blick auf den Fackelzug zu seinen Ehren.
Barack Obama hatte ein paar Freunde nach Oslo mitgebracht, auch den Schauspieler Will Smith mit Frau und der kleinen Tochter Willow. Das Mädchen schlief, als Obama vom göttlichen Funken in der Seele jedes Menschen predigte. Sie schlief, ganz friedlich an Papas Schulter.