Westdeutschland war ein Schaufenster der Amerikaner gegen den Osten. Außerdem wollten sie Soldaten, viele Soldaten, eine tüchtige, gehorsame, prowestliche Bundeswehr. Lesen Sie doch die Stuttgarter Rede von 1946 des damaligen Auáenministers Byrnes nach!
Ja, das ist der Text, der die Wiederbewaffnung nach dem Krieg ermöglichte. Ein ganz kühles machtpolitisches Kalkül hinter schön klingenden Worten. Nochmals: Es gibt keinen Grund für eine überschwängliche Dankbarkeit der Deutschen gegenüber Amerika. Das ist Unsinn, auch wenn das bei Ihnen so etwas wie ein nationaler Konsens ist. Ich meine, Frankreich wird ja nun von George Bush wegen des Irak-Kriegs abgestraft. Aber die Franzosen könnten sagen, Moment mal, ihr Amerikaner habt dankbar zu sein - auf ewig, ohne uns gäbe es euch gar nicht! Schließlich haben französische Truppen Washington im Unabhängigkeitskrieg gegen die Engländer gerettet!
Und das zeigt, in einer Nussschale, sowohl die Kleingeistigkeit als auch die Gefährlichkeit meines Staates. Das hat etwas Totalitäres. Das Imperium erlaubt kein Abweichlertum - weder innen noch drauáen. Entweder seid ihr für uns, oder ihr seid gegen uns. Die blau-weiß-rote Fahne soll in jedem Gehirn flattern und sonst nichts. Und sie soll weltweit flattern, überall.
Nein, das wäre ja schön. Aber die Leute um und hinter Bush - und das wird weltweit immer noch unterschätzt - sind wirklich gefährlich. Sie kümmern sich einen Dreck darum, was andere denken. Das ist für sie irrelevant, Peanuts. Und deswegen kann Wolfowitz auch ungerührt sagen, das mit den Massenvernichtungswaffen im Irak, sorry folks, das war nur ein praktischer Vorwand, um Krieg zu führen. Das ist die Chuzpe von Imperatoren.
Das mag für andere verrückt klingen, für ihn ist das rational. Er hat seine wissenschaftliche Karriere als Kriegstheoretiker angefangen, er hat den deutschen Philosophen Carl Schmitt, einen ideologischen Vorbereiter des Faschismus, akribisch studiert. Er will die amerikanische Weltherrschaft. Wolfowitz denkt perspektivisch. Der Irak-Krieg ist für ihn ein kleiner, erster Schritt. Es ging in diesem Krieg nicht nur um den Nahen Osten. Es ging darum, den Chinesen eine Lehre zu erteilen: "Wir lassen uns nichts bieten!"
Nein. Amerika hat schon seit dem 19. Jahrhundert China im Blick. China ist einerseits ein großer Markt, aber andererseits ist dieses Land für Amerika in der Zukunft eine objektive Gefahr - so in 20 oder 30 Jahren, denkt Wolfowitz. Und er weiß: Man kann in China nicht einfach einmarschieren, dazu ist es zu groß. Also bereitet er sich auf einen neuen kalten Krieg vor. All die Leute um Bush haben diese imperiale Vision von Amerika. Und was besonders gefährlich ist: Die ökonomischen Interessen vieler Regierungsmitglieder werden noch zusätzlich befeuert von fundamentalistisch-christlichen Ansichten. Das alles schafft ein unglaublich hohes Maß an Selbstgerechtigkeit, Selbstgefälligkeit, Arroganz und gefährlicher Aggressivität. Sie haben ein ganz genaues Bild, wie Amerika sein soll, wie die Welt sein soll. Sie betrachten Amerika als ihre Kirche.
Ja, sicher. Aus Bushs Sicht sind weite Teile Amerikas dekadent, moralisch verkommen, viel zu sittenlos. Aus Sicht der christlichen Fundamentalisten war die Bombardierung Bagdads eher zweite Wahl.
Ja, glauben Sie mir, die würden tatsächlich viel lieber Bomben auf New York oder San Francisco werfen: Für sie sind diese Städte zu modern, zu multikulturell, bevölkert mit zu vielen Künstlern und viel zu vielen Homosexuellen, igitt! Sündenpfuhl. Babel. Und dieses Bild haben sie letztendlich auch vom "alten Europa", deswegen kritisieren und attackieren diese Leute den europäischen Sozialstaat so vehement: Diese Europäer arbeiten nicht, die wollen nur lange Ferien. Die Bush-Gang denkt alttestamentarisch: Man soll sein Brot im Schweiße seines Angesichts verdienen. Und die Europäer schwitzen zu wenig.
Zur Person Norman Birnbaum, 1926 in New York geboren, ist emeritierter Politikprofessor an der Washingtoner Georgetown Universität. Der Sohn polnischer Einwanderer war Berater Robert und Edward Kennedys, des Nationalen Sicherheitsrates der USA und er deutschen grünen. Vom "originellen Gesellschaftskritiker und gebildeten Erzähler"(Süddeutsche Zeitung) erschien gerade "Nach dem Fortschritt. Vorletzte Anmerkungen zum Sozialismus" (DVA, 34 EURO). Jürgen Habermas lobt: "Die Bilanz eines internationalen Gelehrtenlebens".