Heute sind Frauen aus der Mittel- und Oberschicht in den Städten Indiens oft finanziell unabhängig, sie können für sich sorgen, wenn sie Witwe werden. Doch noch vor wenigen Jahren war das anders. Minka Mukherjee, heute 83, unterrichtete an einer Universität im nordindischen Meerut, als vor drei Jahrzehnten ihr Mann starb. Doch ihr hoher gesellschaftlicher Status schützte sie nicht vor dem gesellschaftlichen Aus.
Mukherjee sitzt auf einem Plastikstuhl im Hinterhof des Witwenwohnheims der Organisation "Guild of Services". Sie hat ihre grauen Haare zu einem Zopf zusammengebunden und trägt einen weißen Sari über einem grünen Oberteil. Auf Jutesäcken liegen Räucherkegel zum Trocknen aus. Hinter grünen Doppeltüren liegen die kleinen Kammern, in denen die Frauen leben. Die meisten von ihnen sind geschlossen, um die Hitze aus dem Gebäude zu halten.
"Meine Kinder wollen noch heute Geld von mir", sagt Mukherjee in perfektem Englisch. "Doch woher soll ich das nehmen?" Ansonsten höre sie nichts von ihrer früheren Familie. "Die meisten Familien verstoßen Witwen vor allem aus finanziellen Gründen", glaubt Mukherjee. "Witwen bringen kein Geld. Und Geld ist heute das Wichtigste."
Neben ihr sitzt Anjali Chatterjee. Sie ist Brahmanin, die Anhängerin der hoch angesehenen Priesterkaste und stammt aus dem fernen Bengalen, wo vor elf Jahren ihr Mann starb. "Ich wollte nicht bei meiner Familie bleiben", sagt sie. "Mein Sohn ist alt genug und kann die Familie unterstützen." Ansonsten wäre sie ihrer Familie doch nur zur Last gefallen, fügt sie hinzu.
Sie steht auf und geht zu ihrem kleinen Zimmer, das direkt an den Hinterhof grenzt. Es ist nur etwa vier Quadratmeter groß ist. Chatterjee hat es sich zu einem Schrein ausgebaut: An der Wand hängt ein großes Krischna-Plakat, davor zeigen etliche kleine Bildnisse den Halbgott und seine Gefährtin Radha. Alle sind mit gelben und safranfarbenen Stoffketten geschmückt. Chatterjee hängt einen Sari vor die Tür, um die Sicht zu versperren, und beginnt ihre Gebete.
Die Sonne neigt sich über Vrindavan, es wird Abend. Die Frauen des Witwenheims versammeln sich im Hof und schauen Fernsehen. Aus der kleinen Kammer von Anjali Chatterjee dringt leises Glockengebimmel. Sie ist immer noch ins Gebet zu Krischna vertieft.
Auch wenn mittlerweile vor allem in den Städten viele Frauen selbst für sich sorgen können, wird es noch lange dauern, bis keine Witwen mehr nach Vrindavan kommen. Denn auch die Moderne, die so rasend schnell in Indien Einzug hält, wird so schnell nichts an dem Stigma ändern, das seit tausenden von Jahren über Witwen liegt.
Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.
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