In dieser Woche reiht sich ein Gipfel an den anderen. G20-Gipfel in London, Nato-Gipfel in Straßburg, Kehl und Baden-Baden, EU-USA-Gipfel in Prag. Prime Time für die Regierungschefs. Für die Protokollabteilungen ist so eine Woche wie Weltmeisterschaft und Championsleague-Finale an einem Fußballabend. Die Planungen sind kompliziert. Für den Nato-Gipfel begannen mehr als 60 deutsche Diplomaten vor einem halben Jahr mit den Vorbereitungen.
Die Protokollabteilung im deutschen Außenministerium hat dabei bei Gipfeln die Oberhand. Steinmeiers Truppe entscheidet, wo Frau Merkel an diesen Tagen zu stehen und zu sitzen hat. "Jeder Schritt muss koordiniert werden", heißt es im Auswärtigen Amt. Steinmeier sagt, wo´s langgeht - zumindest in Fragen von Hotelauswahl, Menüfolge und Stadtrundgang.
Deutsche Regierungsmitglieder sind es gewohnt, dass ihr Tag in Fünf-Minuten-Intervallen getaktet wird. Bei Gipfel und Staatsbesuchen gelten verschärfte Bedingungen. Im Idealfall werde fast auf die Minute genau geplant, heißt es aus dem Außenministerium. Ein Puzzle müsse zusammengesetzt werden, das sei "durchaus kompliziert". Aber: Das Protokoll kann schnell auch wieder Makulatur sein, etwa wenn das Wetter nicht mitspielt und, zum Beispiel, der Spaziergang im Park nicht stattfinden kann.
Kompliziert ist etwa die Auswahl des Hotels: Die Suche nach der passenden Herberge ist extrem aufwendig. Die Wege zum Veranstaltungsort müssen kurz sein, die gesamte Entourage soll unterkommen, der Standard darf nicht zu niedrig sein, die Sicherheit muss gewährleistet sein, und schlussendlich muss die Technik auch vorhanden sein: Staatschefs müssen permanent für alle wichtigen Nachrichten erreichbar sein. Das kann auch gehörig schiefgehen. Weil seine Beamten zu spät mit der Hotelsuche angefangen hatten, musste Gerhard Schröder bei einem Gipfel in New York einmal zweitklassig absteigen, der Teppich war fleckig. Denn die besten Hotels am Platze hatten sich bereits andere Staatschefs gesichert. Schröder soll getobt haben.
Das Protokoll überlässt gewöhnlich nichts dem Zufall. Es regelt etwa genau, wie sich Staats- und Regierungschefs aufstellen, beispielsweise bei Fototerminen. Das sind formale Vorgaben, die sich im Laufe der Jahrzehnte zwischen den Staaten eingespielt haben. Die üblichen Aufstellungsregeln gehen so: Staatsoberhäupter kommen grundsätzlich vor Regierungschefs. Horst Köhler steht als Bundspräsident also immer vor Angela Merkel, der Kanzlerin. Barack Obama kann sowieso vorneweg gehen: Er ist sowohl Staatsoberhaupt wie auch Regierungschef.
Doch was tun, wenn mehrere gleichrangige Politiker aufeinander treffen - wie bei den Gipfeln dieser Woche? Wer darf vor wem auftreten? Oder bei Pressekonferenzen sein Statement zuerst abgeben? Das Protokoll regelt: In alphabetischer Reihefolge bitte. Aber es zählt nicht der Nachname, sondern der jeweilige Landesname. Und auch da bleiben Unklarheiten. Protokollarbeit ist eine Wissenschaft für sich.
In Falle der Rangfolge mussten sich die Diplomaten über die Frage einigen, welches Alphabet ausschlaggebend ist. Deutschland landet beispielsweise auf unterschiedlichen Plätzen: Ganz vorne als "Allemagne", im Mittelfeld als "Deutschland", weiter hinter als "Germany". Lange galt hier die französische Übersetzung - so konnte der deutsche Vertreter immer zuerst auftreten. Doch nach dem Ersten Weltkrieg erschien das anderen Nationen irgendwie unpassend. Seitdem gilt der Name in der Übersetzung des Heimatlandes.
Dabei dürfen die Planungsprofis die Eitelkeiten mancher Politiker nicht unterschätzen. Beim Vorbereitungstreffen zum G20-Gipfel musste Angela Merkel einspringen, um einen diplomatischen Eklat mit dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu verhindern. Auf der Abschlusspressekonferenz erteilte sie überraschend dem tschechischen Ministerpräsidenten das Wort, bevor sie als Gastgeberin ihre Sicht der Dinge vorstellte. Nach der ursprünglich geplanten Reihenfolge sollte erst Merkel (als Gastgeberin), danach der britische Premierminister Gordon Brown (als Ausrichter des Weltfinanzgipfels) und dann der tschechische Ministerpräsident Mirek Topolanek (als amtierender Ratspräsident der Europäischen Union) zu Wort kommen. Sarkozy, schließlich Vertreter der "Grande Nation", lehnte es aber brüsk ab, hinter dem Vertreter eines kleinen Osteuropastaates aufzutreten. Merkel ließ Topolanek daraufhin den Vortritt. Das musste Sarkozy schlucken.
Auch beim Nato-Gipfel sorgte der kleine Franzose für Aufregung im Diplomatenkorps. Im Bündnis gilt gewöhnlich die Sitzordnung, wonach sich die Staatsvertreter in alphabetischer Reihenfolge um den Nato-Generalsekretär platzieren. Doch weil die französische Stadt Straßburg Mitausrichter ist, wünscht Sarkozy direkt neben dem Generalsekretär im Rampenlicht zu sitzen.
Im Gegensatz zur langen Tafel sind beim Essen kleine, runde Tische einfacher. "Ein runder Tisch macht alle gleich", erklärt Jürgen Hartmann, Autor des Standardwerkes "Staatszeremoniell"* und langjähriger Protokollchef unter Helmut Kohl. Damit der Gesprächsstoff nicht ausgeht, bereiten die eigenen Diplomaten der Kanzlerin eine Kurzschrift - auch "Turbo" genannt - über ihren Tischnachbarn vor. Ein bisschen Plauderei gilt als das Mindeste. Ein paar Angaben zum Lebenslauf, zur politischen Lage in der Heimat, aber auch zu Hobbys und Kindern sind da vorsorglich vermerkt. "Willy Brandt konnte zwei Stunden neben seinem Tischnachbarn sitzen, ohne etwas zu sagen", sagt Hartmann, "das konnte unhöflich wirken."
Aber bei der jetzigen Weltwirtschaftskrise sollten die Themen nicht ausgeht. Im Zweifel geht ja immer: Und was macht die Krise aus ihrer Heimat?
* Jürgen Hartmann: "Staatszeremoniell", Heymanns, 408 Seiten, 68 Euro