
Russlands Präsident Dmitri Medwedew kritisiert Putin ohne seinen Namen zu nennen© Yuri Kochetkov/EPA/DPA
Hinter dem Angriff auf Mechel stehen die großen Rivalen des Konzerns. Vor allem Wladimir Lisin, Chef des Novolipetzker Hüttenkombinats NLMK, hatte bei seinem Freund Putin interveniert, weil Mechel im Frühjahr seine Kokskohlelieferungen an ihn eingestellt und sich fortan geweigert hatte, langfristige Verträge abzuschließen. Auch andere Stahlgießer schlossen sich der Klage an und warfen Sjusin vor, "die heimische Industrie zu schädigen", sagt Wladimir Schukow, Analyst bei Lehman Brothers in Moskau.
Die Verstöße, die Mechel begangen haben soll, könnten zu Strafsanktionen in Höhe von 50 bis 200 Millionen Dollar führen, schätzen Analysten. Eigentlich kein Problem für ein hochprofitables Unternehmen dieser Größe. Viele Investoren glauben aber, Mechel werde die Attacken nicht überleben. "In dem von Präsident Putin geschaffenen System wird die Bürokratie seine Worte als Signal wahrnehmen, um Mechel zu vernichten und die staatliche Kontrolle in der Branche zu verstärken", sagt Dmitri Butrin, Journalist der Internetzeitung "Gazeta.ru".
Längst ist Mechel eingekreist: Das Antimonopolkomitee untersucht seit Mai die Preisgestaltung, die Steuerfahndung ermittelt wegen Steuerhinterziehung, das Arbeitsministerium will die von der Explosion betroffene Zeche schließen, und das Umweltministerium wirft der Firma vor, Kohle außerhalb des lizensierten Gebiets zu fördern.
Die Lage erinnert an die Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos, dessen Chef Michail Chodorkowski es gewagt hatte, die Politik des damaligen Präsidenten Putin zu kritisieren. Der ehemalige Vorstandschef sitzt seit fast fünf Jahren hinter Gittern. Der Kreml ließ Yukos zwangsversteigern - den Zuschlag gewann die staatliche Ölfirma Rosneft, in dessen Aufsichtsrat Putins Vertrauter, der Ex-Geheimdienstler und heutige Vize-Premier Igor Setschin, sitzt. Just dieser Mann wurde nun von Putin beauftragt, die Stahl- und Bergbauindustrie in Russland zu "überprüfen". Der staatliche Konzern Rostechnologii soll Interesse an Mechel haben. Er wird von Sergei Tschemesow angeführt, einem ehemaligen Geheimdienstler - und ein Freund Putins.
Der Fall Mechel scheint mehr zu sein als der Angriff auf ein einzelnes Unternehmen. Es ist der Versuch einer "Redefinition der Geschäftsmethoden in der Bergbauindustrie", sagt Ronald Smith, Chefanalyst der Moskauer Alfa-Bank. "Die Regierung plant eine Umstrukturierung des Metallurgiesektors, sie will langfristige Lieferverträge einführen", sagt Olga Mitrofanowa, Metallexpertin bei Unicredit Aton. "Dafür braucht sie mehr Einfluss und Kontrolle."
Alte Seilschaften kommen ans Tageslicht - sie bestimmen maßgeblich darüber, wer in der russischen Wirtschaft das Sagen hat. "Wir dürfen uns keine Illusionen über die Macht von Wirtschaft und Politik machen", sagt Roland Nash, Chefstratege der Investmentbank Renaissance Capital in Moskau. In einem Land mit schwachen Institutionen spiele die informelle Kommunikation eine große Rolle. Die meisten russischen Oligarchen, die in der Chaosherrschaft von Boris Jelzin ihr Vermögen rafften, kennen die Bedeutung der guten Vernetzung.
Einer von ihnen ist Wladimir Potanin, der 1995 die Nickelschmelze im sibirischen Norilsk privatisierte. Seit einem halben Jahr kämpft er um die Kontrolle beim Nickelproduzenten. Oleg Deripaska, Haupteigner des Aluminiumimperiums Rusal, hat sich mit 25 Prozent bei Norilsk eingekauft und möchte den Konzern nun mit Rusal verschmelzen.
Potanin setzt auf eine ungewöhnliche - und riskante - Strategie: Jüngst schlug er Putins Vertrauten Wladimir Strschalkowski zum Generaldirektor von Norilsk vor. Der ehemalige KGB-Offizier aus St. Petersburg ist Chef der staatlichen Tourismusbehörde. "Wenn der Staat sein Augenmerk auf die Metallindustrie wirft, muss man in der Führung Leute haben, die einen guten Draht nach ganz oben haben", sagt ein Moskauer Analyst. Der Markt scheint die Lage ähnlich zu beurteilen. Die Aktien von Norilsk stiegen nach der Bekanntgabe der Kandidatur um fast vier Prozent.
Auch andere Firmen versuchen, das politische Risiko nach dem Modell von Potanin zu senken. Agro-Invest, einer der größten Agrarholdings Russlands und die Tochtergesellschaft des schwedischen Unternehmens Black Earth Farming, ernannte kürzlich den Duma-Abgeordneten Wasili Schestakow zum Chefberater. Schestakow hat einen klaren Auftrag. Er soll im Auftrag von Agro-Invest russische Bürokraten künftig daran hindern, dem Unternehmen "Steine in den Weg" zu werfen.
Schlagkräftige Argumente hat der neue Mann zuhauf: Er gehört seit Jahren zum "inneren Kreis" des Regierungschefs - auch, als der noch Präsident im Kreml war. 2004 veröffentlichten die beiden gemeinsam ein Buch: "Judo. Geschichte. Theorie. Praxis." Beide tragen den schwarzen Gürtel - und wissen allzu gut, wie sie den Gegner zu Boden ringen.