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9. April 2003, 14:34 Uhr

Er tötete, wen er wollte

Die Bewohner von Ouja, allesamt sunnitische Beduinen, gelten als zäh, gewalttätig und verschlagen. "Die einzige Loyalität, die sie kennen, ist diejenige zu ihrer Familie, zu ihrem Dorf. Man kann lügen, betrügen, stehlen und selbst töten, all das wird hingenommen, solange man ein loyaler Sohn seines Klans bleibt", schreibt der irakische Journalist Saad al-Bazzaz, geflohen 1992, über die Welt des jungen Saddam. Am besten aber, man wird vom Sohn zum Chef des Klans, dann kann man auch Klan-Mitglieder eliminieren. Saddams Lieblingsfilm, kein Wunder, ist die mörderische Mafia-Saga "Der Pate".

Er wächst heran in einer gewalttätigen Familie in einem harten Land. Der Irak war ein 1921 von den Briten aus drei Provinzen des Osmanischen Reichs geschaffenes Kunstprodukt mit einem Import-Monarchen an der Spitze, bewohnt von Schiiten, Sunniten, Kurden, Turkmenen und Christen, die einander befehdeten, wenn sie nicht gerade versuchten, das Regime zu stürzen (allein zwischen 1936 und 1941 gab es sechs Putschversuche). Die Menschen von Ouja gehören zum Bodensatz der neuen Nation. Und Saddam, vaterloses Kind in einer patriarchalischen Gesellschaft, ist der Elendste unter den Elenden, ein "ibn aziqa", ein Sohn der Gasse, der mit sechs nicht zur Schule geschickt wird, sondern barfuß als Gelegenheitshirte arbeiten muss. Seinesgleichen kann darauf hoffen, eines Tages Besitzer von ein paar Schafen zu werden – oder es in der nächsten Stadt zum Kellner zu bringen.

Die steile Karriere der Halbwaise aus der Steppe, beeindruckend auch nach westlichen Maßstäben, hat im traditionellen Irak kein Beispiel. Mit 31 Jahren ist Saddam Vizepräsident des Landes, Chef der allmächtigen Sicherheitsdienste sowie stellvertretender Generalsekretär der Baath, der Partei der Wiedergeburt, einer panarabischen, mehr national als sozialistisch eingefärbten Bewegung.

Zu verdanken hat er diesen Aufstieg Khairallah Tulfah, einem Onkel, der den Achtjährigen zu sich nimmt. Der Ex-Offizier, 1941 wegen Verschwörung aus der Armee entlassen und seither Lehrer, schickt Saddam zur Schule, bringt ihm das Schießen bei, erzieht ihn zum Hass gegen die Briten, die Schiiten und die Juden. Er gibt Saddam seine Tochter Sajida zur Frau. Im Gegenzug macht sein Neffe ihn später zum Bürgermeister von Bagdad.

Die einzige Aufstiegsmöglichkeit für gescheite Landeskinder ohne Geld ist damals die Armee, doch Saddam, der spätere Oberbefehlshaber der Streitkräfte und General von eigenen Gnaden, versagt nach dem Schulabschluss bei der Aufnahmeprüfung für die Militärakademie. Als Sprungbrett für seine ungeheuren Ambitionen dient ihm fortan die Politik. Treibhaus seines Ehrgeizes ist die Baath-Partei, deren Gründer Michel Aflak die Ansicht vertritt: "Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen. Damit sie verschwindet, muss man den Menschen, der sie vertritt, eliminieren." Dieses so schlichte wie brutale Weltbild wird Saddam später mit stalinistischen Weisheiten bereichern; gern zitiert er die Devise seines großen sowjetischen Vorbilds: "Wo ein Mensch ist, ist ein Problem, wo kein Mensch ist, ist kein Problem."

Im Eliminieren übt sich Saddam schon als Teenager. Er ist erst 19, als er an einem gescheiterten Umsturzversuch gegen die Monarchie teilnimmt. 1959 versucht er sich erneut als Killer. Mit einigen Mitverschwörern versucht er, General Abdel Karim Kassem zu ermorden, der den Irak ein Jahr zuvor zur Republik gemacht hat. Doch Saddam schießt zu früh. Kassem überlebt, Saddam wird ins Bein getroffen. Seit er selbst herrscht, muss jedes irakische Schulkind lernen, wie der junge Held sich einst mit einer Rasierklinge die Kugel aus dem Fleisch schnitt, zu Pferde den Tigris erreichte, den Fluss durchschwamm, die Wüste durchquerte und zu guter Letzt auf einem dicken Motorrad der Marke Norton in Syrien ankam.

1963 taucht Saddam wieder in Bagdad auf, nach einem erneuten Putsch will er endlich in der Regierung mitmischen. Stattdessen landet er, inzwischen verheiratet mit Sajida, für zwei Jahre im Gefängnis. Fünf Jahre später ist es so weit: Nach einem weiteren Coup ist Saddam angelangt, wo er schon immer hinwollte, an der Macht. Zwar muss er sie teilen mit einem Verwandten, dem Staatspräsidenten Ahmed Hassan al-Bakr, doch in Wahrheit hält er mit seinen Sicherheitsdiensten allein die Fäden in der Hand.

Als al-Bakr elf Jahre später in den nicht ganz freiwilligen Ruhestand geht, hat Saddam den Irak bereits vollständig verändert: Unter seiner Ägide wurden 1972 die Erdölquellen des Landes verstaatlicht; der Irak wird zu einem der reichsten Staaten der Region. Anders als der Schah im Iran lässt er das Volk teilhaben am Boom. Nicht, weil er es liebt, sondern weil er es fürchtet, so sein Biograf Said Aburish. Wie Stalin glaubt er, dass satte Menschen nicht rebellieren. Krankenhäuser, Schulen, Straßen, Eisenbahnen werden gebaut, Elektrizität erreicht jetzt auch entlegene Dörfer wie Ouja, die Armen erhalten gratis Kühlschränke und Fernseher, in denen sie immerfort Großonkel Saddam nebst zwei Söhnen und drei Töchtern ansichtig werden dürfen. Die Frauen bekommen den gleichen Lohn wie die Männer, eine Landreform wird durchgeführt, das Volk alphabetisiert.

 
 
 
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