Irak trotzt den Engländern die Selbstständigkeit ab, 1932 wird der Vertrag unterzeichnet, der das Land zum souveränen Mitglied des Völkerbunds macht. Die Briten erhalten Flottenstützpunkte, trainieren das irakische Militär, lassen sich "enge Konsultationen" bei allen außenpolitischen Fragen garantieren und etablieren in Bagdad einen Botschafter, der "bevorzugten Status" hat. Arabische Nationalisten argwöhnen fortan bei jeder politischen Entscheidung, dass London insgeheim die Hand im Spiel hat. "Nur aus der fortgesetzten Opposition zum Abkommen mit England sind die Revolution 1958 und in der Folge die anti-westliche Haltung im Irak zu verstehen", urteilt die amerikanische Historikerin Phebe Marr.
1933 stirbt König Faisal in einem Schweizer Krankenhaus nach einer Herzattacke. Zwar ist er zur Behandlung seines Herzleidens, das ihn schon länger plagt, nach Europa gekommen. Doch nationalistische Kreise im Irak glauben, der Secret Service habe den König umgebracht, weil er zu aufsässig geworden sei. Sein 21-jähriger Sohn Ghazi wird Faisals Nachfolger.
Der junge König ist unter Soldaten groß geworden und unterhält engste Beziehungen zum Offizierskorps, das sich immer nationalistischer gebärdet. Er richtet im Palast einen Radiosender ein, von dem aus er die Konzessionen der Briten an die zionistische Bewegung in Palästina geißelt und den Anschluss Kuwaits an den Irak fordert: "Der Scheich von Kuwait ist nichts weiter als eine britische Marionette und ein Feudalherr, der sich selbst überlebt hat."
Ghazi hält still, als seine Generäle 1936 putschen und de facto die Macht übernehmen. Drei Jahre später rast der junge König heftig alkoholisiert mit seinem Sportwagen gegen einen Strommast - Cousin Abdallah übernimmt für Ghazis unmündigen Sohn die Regentschaft.
Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, sind die Offiziere im Irak fasziniert von den Siegen der Nazis. Sie fühlen in Berlin vor, ob das großdeutsche Reich sie im Fall eines Konflikts mit den Briten unterstützen würde. Die Antwort ist enttäuschend: Das Auswärtige Amt warnt sie ausdrücklich, überstürzt gegen die britische "Schutzmacht" loszuschlagen.
Trotzdem putschen 1941 vier Generäle. Ihre Truppen umzingeln den Königspalast. Abdallah kann entkommen. Der Pfarrer der amerikanischen Kolonie in Bagdad schmuggelt ihn, verborgen unter einer Decke, auf der Rückbank seines Autos aus der Stadt. Unter Berufung auf den englisch-irakischen Beistandspakt landen starke britische Truppenverbände in Basra. Die irakischen Generäle fordern deren unverzüglichen Abzug und erklären jede neue Truppenbewegung zum feindlichen Akt.
Ausgerechnet als die Briten mit einer Transportmaschine Frauen und Kinder evakuieren wollen, machen die Iraker Ernst: Sollte dieses Flugzeug zu starten versuchen, würden sie es unter Feuer nehmen. Daraufhin beschließt der britische Standortkommandant einen Überraschungsangriff. Den Briten gelingt es, den Belagerungsring der Iraker um den Flugplatz zu sprengen. Die irakischen Truppen ziehen sich bis fast nach Bagdad zurück. Die britische Luftwaffe zerstört binnen weniger Tage 25 der 40 Kampfflugzeuge des Irak. Die Aufständischen senden einen dringenden Hilferuf nach Berlin. Nazi-Deutschland reagiert, aber halbherzig und zu spät. Einen Monat nach Beginn der Kämpfe stehen im Mai 1941 britische Truppen vor Bagdad. Die Putschisten fliehen. Die Engländer nehmen die Zügel im Land wieder fest in der Hand.
Alle Anführer des Staatsstreichs werden zum Tode verurteilt und im Lauf der nächsten Jahre hingerichtet, soweit man ihrer habhaft wird. Den letzten Verschwörer lässt der Englandfreundliche Premier Nuri al-Said noch im Oktober 1945, ein halbes Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am Tor des Verteidigungsministeriums aufhängen. Doch ein Großteil der Iraker betrachtet die Toten als Märtyrer, das Königshaus samt seinem ergebenen Diener Nuri hingegen als willfährige Werkzeuge des britischen Imperialismus.
1958 baumelt ein anderer Toter am Tor des Verteidigungsministeriums - Regent Abdallah. Der Ort für das makabre Zur-Schau-Stellen der Leiche ist mit Bedacht gewählt. Denn die Militärs, die jetzt die Revolution ausrufen, nehmen für sich in Anspruch zu vollenden, was die "Märtyrer" von 1941 begonnen hatten. Das Königreich Irak geht blutig zu Ende. Als Truppen der Aufständischen den Palast umstellen, versucht Abdallah zusammen mit dem inzwischen 23-jährigen König Faisal II., dem Sohn von König Ghazi, durch die Küchentür des Palastes zu verschwinden.
Ein junger Offizier erkennt die beiden und eröffnet das Feuer. Faisal II. und Abdallah werden getötet. Die Dynastie ist ausgelöscht. Eine aufgeputschte Menge holt später die Leiche Abdallahs aus dem Palast, verstümmelt sie, schleift sie durch die Straßen Bagdads und hängt sie schließlich vor dem Verteidigungsministerium auf.
Die beiden Führer des Putsches, General Karim Kassem und Oberst Salam Arif, verkünden dem Volk, die Armee habe "das Vaterland von der korrupten Clique befreit, die der Imperialismus einsetzte". Sie nehmen diplomatische Beziehungen zur Sowjet-union wie zu China auf und beenden die britische Militärpräsenz im Lande. 1959 räumen die Engländer ihren letzten Stützpunkt. Ihr Kolonialreich zerfällt, und London ist zu schwach, noch einmal energisch im Irak zu intervenieren. Eine Epoche ist zu Ende gegangen.
Die Hoffnungen der Bevölkerung auf soziale Reformen durch die neuen Machthaber sind riesengroß - und grotesk naiv. In der Hauptstadt nehmen die Leute aus den Geschäften einfach Waren mit, ohne zu bezahlen. Sie glauben allen Ernstes, durch die Revolution sei Geld überflüssig geworden. Die revolutionäre Hochstimmung hält nicht lange vor. An der Spitze entbrennt der Machtkampf. Anlass ist die Frage, ob sich der Irak der erst kürzlich gegründeten "Vereinigten Arabischen Republik", dem Zusammenschluss von Ägypten und Syrien unter der Führung von Gamal Abd el-Nasser, anschließen soll. Arif ist dafür, Kassem dagegen.
Zwischen beiden kommt es zum Showdown im wahrsten Sinn des Wortes: Bei einem "Versöhnungstreffen" in einer Kaserne zückt Arif seinen Revolver. Kassem glaubt, Arif wolle ihn erschießen. Arif wird später aussagen, er habe Selbstmord begehen wollen. Denn er drückt in jenem Moment nicht ab. So bleibt Kassem am Leben. Arif wird degradiert, wegen Hochverrat angeklagt, zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglich begnadigt. Kassem steht allein an der Spitze des Staates.
Im Oktober 1959 versucht die 1943 gegründete Baath-Partei, die den Zusammenschluss mit Ägypten favorisiert, Kassem zu ermorden. Ein Trupp junger Baath-Aktivisten beschießt mitten in Bagdad die Limousine des Staatschefs. Dessen Fahrer stirbt. Der General selbst kann sich, aus vielen Wunden heftig blutend, aber nicht lebensgefährlich getroffen, in Sicherheit bringen. Die Attentäter entkommen im Gassengewirr der Altstadt.
Einer von ihnen heißt Saddam Hussein. Mit seinen 22 Jahren hat er sich bereits einen zweifelhaften Namen als Mann fürs Grobe gemacht: Ein Jahr vor dem Attentat auf Kassem tötete er in seiner Heimatstadt Tikrit einen Kommunisten nachts auf der Straße mit einem Schuss in den Hinterkopf. Der junge Saddam wird bei dem Schusswechsel mit Kassems Leibwächtern ins Bein getroffen.
Seine Hofbiografen haben heute um diese eher harmlose Wunde eine Heldenlegende gestrickt: "Da es völlig unmöglich war, eine Klinik aufzusuchen, bat er seine Kameraden, die Kugel mit einer Rasierklinge, einer Schere und etwas Jod herauszuschneiden."