
Polen: Der Chefredakteur der Tageszeitung "Gazeta Wyborcza", Adam Michnik (r.), mit seinen Stellvertretern in der Redaktionskonferenz© Robert Kowaleski
Warschau
Breite Holztreppen verbinden die weiten Etagen des modernen Verlagsblocks in Warschau, viel Glas, zum Licht stoßender Bambus, Wasserspender. Räume ohne Enge - die Architektur steht für das Programm der polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza". Die Journalisten an den Monitoren sind jung, viele von ihnen reich, einige mehrfache Millionäre. 1989 aus der Demokratiebewegung entstanden, ist die "Gazeta" heute die größte Tageszeitung Polens, eine der auflagenstärksten Europas und Flaggschiff eines Medienimperiums mit Zeitschriften, Internetredaktionen und Radiostationen - zu 95 Prozent im Besitz der Belegschaft.
Redaktionskonferenz am Nachmittag.
Irak ist nur ein Thema unter anderen. Der polnische Außenminister hat vor dem Parlament erklärt, dass Polen den USA auch ohne UN-Resolution folgen wird. Keine scharfen Debatten, kein Aufschrei gegen den Schulterschluss mit Amerika.
"Wenn ich Chirac im Fernsehen über den Frieden quasseln höre, könnte ich kotzen", poltert der scharfzüngige Kolumnist Witold Beres. Die Franzosen hatten 1939 Polen im Stich gelassen. "Das sitzt tief in unserer Mentalität. Wir glauben nicht an Europa, wir glauben an Amerika." Und er erzählt noch einmal den Witz vom ältesten Mann Polens, der weltweit live übertragen die Segnungen des Sozialismus preisen soll. "Hört mich wirklich die ganze Welt?", fragt der Alte, und dann ruft er: "Amerika, hilf uns!"
Die gestern gegen den Sozialismus stritten, sind heute Politiker, Wirtschaftslenker, Journalisten. Und schon verläuft ein Riss zwischen ihnen und den Jungen, die in der Demokratie heranwuchsen. So auch in der Redaktion. Adam Wajrak etwa ist skeptischer. "Worte kosten wenig. Was sollten wir schon in den Krieg schicken aus unserer verrotteten Armee?" Der Öko-Redakteur lebt auf dem Land, kennt den Alltag außerhalb der großen polnischen Städte. "Die einfachen Leute haben andere Sorgen, sind arm und überleben von einem Tag auf den anderen. Und nicht wenige sind beeinflusst durch die Worte des Papstes." Er hält einen Moment inne und sagt dann: "Ich denke schon, man sollte Saddam endlich mal rausschmeißen."
"Man unkt, wir seien das trojanische Pferd der Amerikaner in Europa", sagt Piotr Pacewicz, stellvertretender Chefredakteur, "und da ist was dran. Polen steht zu Amerika, und Amerika ist im Moment Bush." Der Intellektuelle im ausgewaschenen schwarzen T-Shirt muss seiner 68er-Generation im Westen leider einen Korb geben. Einem Volk, das so lange um Freiheit rang, ist diese wertvoller als der Frieden. "Pazifismus ist bei uns eine Randerscheinung."

Deutschland: Vor der US-Airbase in Geilenkirchen an der holländischen Grenze demonstrieren Friedensaktivisten gegen den Bush-Krieg© dpa
Es ist bitterkalt am verschlossenen Gittertor zur Nato-Airbase in Geilenkirchen, und Magda Kaufenbach stimmt zur Erwärmung einen christlichen Friedenskanon an. Die 65-Jährige war schon bei den Ostermärschen in den sechziger Jahren dabei. Jetzt schwenkt sie ihre blaue Fahne mit der weißen Friedenstaube gegen den Irak-Krieg. Die Katholiken von "Pax Christi" haben gerufen, und etwa 300 Friedensbewegte sind am vergangenen Samstag zur einstündigen Sitzblockade an die deutsch-niederländische Grenze gekommen.
Damit alles seine Ordnung hat, ist die Aktion zuvor mit Nato und Polizei abgesprochen worden. Junge Leute aus der Umgebung sitzen vor der Airbase. Von hier starten die 17 Awacs-Flugzeuge, die über der Türkei das Nato-Gebiet schützen sollen. An einer Zielerfassung im Irak dürfen sich die deutschen Soldaten an Bord allerdings nicht beteiligen. "Kompletter Irrsinn und eine offensichtliche Lüge", sagt Anna, 20, aus Krefeld. Schon in anderen Kriegen wurden die Awacs als Gefechtsstand genutzt. Eben ist der Versuch der Demonstrationsleitung gescheitert, einigen Soldaten einen Aufruf zum Ungehorsam im Kriegsfall zu überreichen. Die Militärpolizisten sind einfach nicht herübergekommen. Als der Protest stockt, sagt ein Mann ein Gedicht von Brecht auf, weiß aber auf einmal nicht mehr weiter. Mit Megafon sucht eine Frau der Aachener Theatergruppe "Wehrt euch" nach Leuten, die demnächst kleine Rollen übernehmen sollen. Ein junger Mann verteilt HipHop-CDs mit "chartmäßigem Sound für den Frieden". Auf einmal klettern drei Aktivisten von "Attac" auf das Pförtnerhäuschen der Airbase. "Kommt da runter, ihr Pappnasen", ruft eine ältere Frau. Als die drei wieder unten sind, gehen die Blockierer heim.