"Die uns da draußen auflauern", sagt Halima, die im Camp Kassab nahe Kutum Zuflucht gefunden hat, "das sind die gleichen Männer, die uns überfallen haben." Halima ist etwa 25, genau weiß sie das nicht. Der Angriff auf ihr Dorf begann an einem Nachmittag im Januar. Zuerst kamen Antonow-Bomber und warfen fass-dicke Sprengbomben auf die aus Lehm gemauerten Rundhütten. Die Hirsestrohdächer fingen sofort Feuer. Dann griffen Dschandschawid auf Pferden und reguläres Militär in Jeeps an. Sie töteten die Männer, vergewaltigten die Frauen und führten die jungen Burschen gefesselt als Sklaven ab. "Lauft doch weg, wenn ihr könnt", höhnten sie und erschossen Halimas Bruder.
Zwei Tage lang suchte Halima nach dem jüngsten ihrer vier Kinder, einem einhalbjährigen Jungen. Als sie ihn endlich gefunden hatte, wanderte sie mit den Kindern, dem Verdursten nahe, tagelang durch die Glut der Halbwüste ins Camp Kassab. Ob ihr Mann noch lebt, weiß Halima nicht. "Ich kann nicht zurück. Von den 60 Hütten meines Dorfes sind nur sechs nicht zerstört worden. Und ich habe Angst, dass die Dschandschawid wiederkommen."
Wo immer man mit Überlebenden der Vertreibung redet - stets ist das Schema der Angriffe dasselbe. Erst kamen Hubschrauber des Militärs, die das Gelände erkundeten, dann die Antonow-Bomber, danach Soldaten in Jeeps und schließlich ihre arabischen Verbündeten auf Kamelen und Pferden. Sie stahlen das Vieh der Bauern und nahmen mit, was sie tragen konnten. Dennoch erklärt Sudans Außenminister Mustafa Osman Ismail ungerührt: "Wir sorgen für Sicherheit in Darfur." Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum, der UN-Berichterstatter für den Sudan war, nennt das eine krasse Lüge: "In meinen Augen ist das, was im Sudan geschieht, Völkermord." Von einem "Ruanda in Zeitlupe" sprechen andere Menschenrechtler; dort wurden vor zehn Jahren 800 000 Menschen ermordet.
Eine in ihrer Dimension vergleichbare Tragödie droht in Darfur. Die Deutsche Welthungerhilfe sagt voraus, dass dort bald zwei Millionen vom Hungertod bedroht sind, falls die Nahrungsmittelhilfe nicht bis Ende nächsten Jahres fortgesetzt wird. Der Holländer Eric de Mol, zweithöchster Vertreter der UN in Khartum, sagt resigniert: "Es gibt keinen Grund, optimistisch zu sein. Die Darfur-Krise wird uns noch Jahre beschäftigen." Denn die Dschandschawid würden keineswegs entwaffnet; die Flüchtlinge weigerten sich, in die zerstörten Dörfer zurückzugehen, weil sie dort nicht sicher wären; die Regierung tue nichts. De Mols Fazit: "Die internationale Gemeinschaft erweist sich zunehmend als unfähig, solche Krisen zu lösen."
Ein wenig hilflos steht Ingeborg Schäuble zwischen den Mauerresten einer niedergebrannten Hütte. Angekokelte Kleider quellen aus einer halb geöffneten Blechkiste. Die Bewohner des Dorfes Nermi müssen in Panik geflohen sein. Ingeborg Schäuble zieht eine verkohlte Kindersandale unter einem geborstenen Kochtopf hervor. Am Amt als Vorsitzende der Welthungerhilfe hängt ihr Herz. Sie braucht keine roten Teppiche, reist unter widrigen Umständen in die Armenhäuser der Welt. Den Traum eines Bundespräsidenten Wolfgang Schäuble hat sie nie mitgeträumt. Als Glück empfindet sie, bei der Welthungerhilfe bleiben zu können.
Im Sudan muss ihre Organisation wieder einmal Nothilfe leisten. Muss in Nord-Darfur 100 000 Flüchtlinge mit Hirse, einer Weizen-Milchpulver-Mischung und Kraftkeksen vor dem Verhungern bewahren. "Wir wollten hier eigentlich Entwicklungsarbeit leisten", sagt Ingrid Schäuble und sorgt sich um den Fortgang eines Projekts, bei dem die sudanesischen Frauen lernen, wie man aus Lehm und Ziegenmist einen Ofen baut, auf dem sich holzsparend kochen lässt.
"Es wird die Zeit kommen", sagt Ingeborg Schäuble, "da man die Herrschaften vor Gericht bringt, die das zu verantworten haben." Dass die Dschandschawid noch immer um die Flüchtlingslager herumlungern dürfen, nennt sie "eine Verhöhnung der Opfer". Und fügt leise hinzu: "Wir werden das noch lange aushalten müssen."
Es hat in Darfur immer Konflikte gegeben zwischen den rund 100 Stämmen, die dort leben. Alle sind Muslime, fast alle dunkelhäutig. Dennoch unterscheiden die Menschen zwischen "Arabern" und "Afrikanern". Die einen züchten Kamele und Vieh und leben als Nomaden. Die anderen sind meist sesshafte Bauern. Streit miteinander bekamen sie nie aus religiösen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen. Man rangelte um Land und Wasser. Diese Konflikte verschärften sich nach den Dürrekatastrophen Ende der achtziger Jahre. Die Sahara wanderte südwärts, und die Nomaden suchten neue Weidegründe.
Parallel dazu entstanden in Darfur Rebellenbewegungen, die "Sudanesische Befreiungsarmee" (SLA) und die "Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit" (JEM). Mit Waffengewalt setzte sie sich gegen die von der Zentralregierung in Khartum betriebene Vernachlässigung der Region zur Wehr. Keine Schulen, keine Straßen, keine Hospitäler für die "Afrikaner", hieß die Devise von Präsident al-Bashir. Der wiederum gilt als Marionette einer eng mit dem Islamismus verbundenen Clique um Geheimdienstchef Salah Abdallah Gosh, die hinter der Menschenjagd stehen soll.
Natürlich geht es in diesem Konflikt auch um Öl. Zwar wird das schwarze Gold zurzeit nur im Süden und im Zentrum des Landes gefördert. Und die Fördermenge beträgt eher bescheidene 300 000 Fass pro Tag. Aber Öl spült bereits jetzt jährlich 1,5 Milliarden Dollar in die Staatskasse, fast die Hälfte der Staatseinnahmen. Und die Ölreserven des Sudan werden auf mindestens zwei Milliarden Fass geschätzt. Neue Vorkommen sind gerade in Süd-Darfur entdeckt worden. An deren Ausbeutung will die Rebellenbewegung der Provinz beteiligt werden. Das Regime in Khartum lehnt das strikt ab.
Den Zuschlag für die Ausbeutung des Öls in Süd-Darfur erhielt ein chinesisches Konsortium. Damit hat die Regierung nun einen Verbündeten mit unersättlichem Öldurst im UN-Sicherheitsrat. China kann sich jederzeit mit einem Veto quer legen, falls dort massive Sanktionen gegen den Sudan beschlossen werden. Die Vertreibung der Zivilbevölkerung schafft den Chinesen freie Bahn für die Ölförderung. "Die wollten das Gebiet leer räumen", sagt Johan van der Kamp, Projektleiter der Welthungerhilfe im Sudan. An eine Rückkehr der Flüchtlinge glaubt er nicht. "Wir werden es auf Dauer mit einem humanitären Problem größten Ausmaßes zu tun haben."
Im April 2003 überfielen 260 SLA-Rebellen den Flughafen der Provinzhaupstadt El Fasher. Im Schlafanzug rannten die völlig überraschten Soldaten aus ihren Unterkünften und in das Maschinengewehrfeuer hinein. Die Rebellen töteten damals 100 Soldaten und zerstörten fünf Antonow-Bomber. Den Kommandeur der sudanesischen Luftwaffe nahmen sie als Geisel. Im Gegenzug rüstete das Regime die arabischen Nomaden auf und gab ihnen freie Hand im Kampf gegen die Rebellen und bei der Vertreibung der Bauern. Die Dschandschawid, arabisch für "Teufel auf dem Pferd", begannen ihr mörderisches Treiben. Als die Welt den neuen Krisenherd Anfang dieses Jahres erstmals zur Kenntnis nahm, waren bereits 30 000 Menschen in Darfur ermordet worden.
Seit sechs Monaten leben Sumeia, 20, und Murrah, 28, im Flüchtlingscamp Zam Zam nahe El Fasher. Sie sitzen auf dem nackten Boden einer Hütte aus Dornengestrüpp, über die sich eine blaue Plastikplane spannt. Darunter staut sich die Hitze. Jede der Frauen trägt ein Baby an der Brust. Ihre Augen sind leer. Ihr Dorf wurde an einem Freitag gestürmt und zerstört. Auch hier kamen erst die Antonows und die Kampfhubschrauber, dann die Reitersoldaten. Die Frauen wissen nicht, weshalb. Steht nicht im Koran, dass Muslime nicht auf Muslime schießen? "Es gibt doch keinen Frieden durch Krieg", klagt Sumeia. Wo sind ihre Männer? Achselzucken. "Vermutlich kämpfen sie jetzt bei den Rebellen", sagt Bucay, die Übersetzerin. "Und nachts schleichen sie sich ins Lager, um von ihren Frauen Essen zu bekommen."
"Wir wissen", sagt ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe, "dass wir mit unseren Lebensmitteln auch den Krieg füttern. Aber es gibt keine Alternative."