Zwar erkennen die Puritaner die Oberherrschaft der Krone an, doch sie wählen sofort ihre eigenen Ratsgremien. Deren Beschlüssen sowie jedweden "gerechten und für alle gleichen Gesetzen" geloben sie "jede gebührende Achtung und Gehorsam". Der Anfang einer demokratischen Staatsform, die auf dem Konsens zwischen Regierenden und Regierten beruht, ist damit in dieser britischen Randbesitzung gemacht.
Anstelle der Fürstenwillkür, wie sie in Europa herrscht, setzen die Puritaner nicht die Freiheit schlechthin. Statt sich der Obrigkeit zu unterwerfen, gängeln sie sich lieber selbst. Ein bigotter Konformismus prägt den Alltag, und auch er wird nie mehr ganz aus dem amerikanischen Leben verschwinden. In den spartanischen Kirchen sind Orgeln als "Dudelsack des Teufels" verboten. Draußen trifft der Bannfluch alles, was Freude macht: tanzen, trinken, flirten. Und Stimmrecht hat nur, wer dem wahren, also dem puritanischen Glauben anhängt.
Abweichler, die ihr Christentum nicht ganz so eng auslegen, werden eingesperrt, ausgepeitscht oder in die Wildnis ausgewiesen. Vier Aktivisten der protestantischen Quäker-Sekte richtet man 1659 in Massachusetts hin - ihr wiederholtes Eintreten für die Gewissensfreiheit in religiösen Fragen ist in den Augen der Puritaner mit ihren starren Glaubenssätzen Ketzerei. Die Hysterie der reinen Lehre erreicht ihren Höhepunkt mit den Hexenprozessen von Salem 1692.
Trotzdem wird das Sittendiktat der Puritaner nie flächendeckend. Die Neue Welt ist dazu einfach zu groß. Wer anders denkt, wer anders leben will, kann ausweichen, kann sich aufmachen zu neuen Horizonten und seine Gegenwelt aufbauen - ohne wie im engen Europa gleich wieder an andere Grenzen zu stoßen. Auch dieser Aufbruch zu immer wieder neuen Ufern wird zu einem Charakterzug, der Amerika bis heute prägt.
Als beispielsweise die Gottesfürchtigen von Massachusetts Bay den Dissidenten Roger Williams hinausjagen in die undurchdringlichen Wälder, sieht er diese Vertreibung als Chance und gründet die Kolonie Rhode Island. Dort verwirklicht er seine revolutionären Ideale: Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat. Und der britische Quäker William Penn etabliert 1681 sein "heiliges Experiment" abseits der Puritaner-Herrschaft in dem nach seiner Familie benannten "Pennsylvania". Hier gibt es keine Todesstrafe und keine Sklaverei, wie sie südwärts von Virginia wegen des Arbeitskräftemangels in der Tabakindustrie üblich ist, dafür aber Kranken- und Irrenhäuser. Mit den Indianern wird ein langfristiger Friedensvertrag geschlossen und sogar eingehalten. Und Penn stellt die Einwanderung auf eine breitere Grundlage. Neben seinen Landsleuten holt er Iren, Schweden und Deutsche über den Atlantik.
1715 leben fast 500 000 Menschen in den Kolonien. Die englische Krone hat sich die schwedischen und holländischen Streu-Besitzungen einverleibt, darunter Neu-Amsterdam, das jetzt New York heißt. Sie lässt den 13 entstandenen Kolonien weitgehende Selbstverwaltung, nimmt auf die meisten aber über den von London ernannten Gouverneur Einfluss, ohne dass die Siedler das als Fremdherrschaft empfinden. "Wir in Amerika sind in jeder Beziehung Engländer, obgleich der Atlantik seine Wogen zwischen uns und dem Throne wälzt, dem wir alle in Untertanentreue verpflichtet sind", sagt noch Mitte des 18. Jahrhunderts Francis Hopkinson, später einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Und als 1759 in der letzten Schlacht der britisch-französischen Kriege um Kanada die Franzosen vor Quebec entscheidend geschlagen werden, feiern amerikanische Milizen gemeinsam mit englischen Söldnern den Sieg und die Eingliederung Französisch-Kanadas ins Britische Empire.
Doch dann will König Georg III. einfach nicht begreifen, dass er die getreuen Untertanen jenseits des Meeres nicht wie Bürger zweiter Klasse behandeln kann. Vertreter der Amerikaner ins englische Parlament oder gar in die Regierung aufnehmen?
Unmöglich. Georg III. misstraut ihnen. Er lässt 10 000 Soldaten in den amerikanischen Besitzungen stationieren. Er verbietet den Kolonien, sich über die Bergkette der Appalachen hinaus nach Westen auszudehnen. Und er drückt ihnen Abgaben, Steuern und Zölle auf, ohne sie auch nur zu fragen. Steuern auf jeden amtlichen Stempel. Zölle auf Papier, Blei, Glas und Tee. Die inzwischen zwei Millionen Amerikaner schreien auf: "Keine Steuern ohne unsere Zustimmung." Die Situation spitzt sich zu. 1770 fallen in Boston Schüsse gegen Demonstranten. Drei Protestierer sterben. Samuel Adams, ein Feuerkopf, der nur zerknautschte Perücken trägt, um dem wohlfrisierten Bürgertum seine Verachtung zu beweisen, gründet die revolutionären "Sons of Liberty", Söhne der Freiheit. Ihre Hymne: "Reicht euch die Hände, tapfere Amerikaner!"
An einem trüben, regnerischen Tag im Dezember 1773 reichen sich im Hafen von Boston als Indianer verkleidete tapfere Amerikaner die Hände, um 342 Kisten Tee von drei englischen Schiffen ins Wasser zu kippen. Mit der "Boston Tea Party" beginnt der Krieg der Kolonisten gegen das Mutterland. Dass es ein Krieg um die Unabhängigkeit werden soll, ist anfangs keineswegs ausgemacht. Mehr als ein Drittel der Amerikaner will weiterhin unter britischer Herrschaft bleiben und rät zu Kompromissen. (Als so genannte Loyalisten werden diese Königstreuen bis zum Ende an der Seite der britischen Rotröcke kämpfen. 80 000 von ihnen wandern später fort nach Kanada.)
Doch in typischer Alte-Welt-Arroganz tun die Engländer alles, den Unabhängigkeitsgedanken zu schüren. Ein britischer General wird als Gouverneur von Massachusetts eingesetzt, amerikanische Familien müssen die Einquartierung königlicher Soldaten hinnehmen und bezahlen, den Amerikanern wird das Fischen vor den eigenen Küsten verboten. Der revolutionäre Patriotismus bordet über. Bürger, die zur Mäßigung raten, werden als "Feinde der Freiheit" gebrandmarkt.
Bei Lexington erleiden die amerikanischen Freischärler am 19. April 1775 frühmorgens ihre erste Schlappe gegen die englischen Truppen. Aber bei Concord fügen sie den britischen Verbänden vier Stunden später mit ihrer Guerilla-Taktik schwere Verluste zu. Das Blutvergießen hat begonnen, und wie schon bei den ersten Scharmützeln schwankt das Schlachtenglück in der Folge so unberechenbar wie selten in einem Krieg.
In merkwürdigem Kontrast zu seiner weltgeschichtlichen Bedeutung wird der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg dilettantisch geführt. Jede Seite lebt von den Fehlern der anderen. Die Milizen der 13 Kolonien sind schlecht bewaffnet und von zweifelhafter Disziplin. Die meisten Offiziere sind Freizeitkrieger - tapfer, aber ohne Schulung. Und die Soldaten mit ihren Jagdflinten sind zwar gute Schützen. Doch sie neigen dazu, schnell auseinander zu laufen, wenn sie nicht unmittelbar vor der eigenen Haustür zum Schutz ihrer Familien kämpfen.
Das britische Heer besteht im Verlauf der Auseinandersetzung zu einem immer höheren Anteil aus hessischen Söldnern, die ihr Landesherr an den englischen König verhökert hat. Die Truppen Ihrer Majestät leiden vor allem unter ihrem geradezu erbarmungswürdig bornierten Offizierskorps. Die Herren mit ihren frisch gepuderten Perücken vermögen sich einfach nicht vorzustellen, dass die amerikanischen Buschmänner den in Reih und Glied aufmarschierenden Soldaten ernstlich etwas anhaben könnten.