Ihren ersten Coup landet die CIA 1953 in Persien, damals eines der wenigen Länder im Mittleren Osten mit demokratischen Ansätzen. Doch den Amerikanern passt nicht, dass der Iran die Ölindustrie verstaatlichen will. Der regionale CIA-Boss Kermit ("Kim") Roosevelt, ein Enkel von Präsident Theodore Roosevelt, setzt so lange Schmiergelder und Schlägerbanden ein, bis Premier Mohammad Mossadeq im Schlafanzug aus seiner Residenz fliehen muss. Wenig später sitzt eine US-Marionette, der 33-jährige Schah Reza Pahlevi, auf dem Pfauenthron. Die skrupellose Aktion lohnt sich für die Amerikaner. Sie teilen sich fortan 80 Prozent des iranischen Ölvorkommens mit den Briten. Doch langfristig sollte sich die Raffgier rächen.
Auch vor der eigenen Haustür, in Mittel- und Südamerika, zerschlägt die CIA viel Porzellan. In Guatemala arrangiert sie einen Putsch und macht die Bananenrepublik praktisch zur Privatkolonie des US-Konzerns "United Fruit Company". In anderen Ländern Lateinamerikas stützt Washington die übelsten Diktatoren. Durch ihre Prinzipienlosigkeit - Demokratie predigen, aber Despoten unterstützen - verlieren die USA in der Dritten Welt ihre Glaubwürdigkeit: Richard Nixon bekommt den Hass in Peru und Venezuela zu spüren, die er noch als Eisenhowers Vize besucht. In Caracas wird sein Wagen sogar mit Steinen beworfen, er muss um sein Leben fürchten und flieht Hals über Kopf aus dem Land.
Am Morgen des 5. Oktober 1957 versetzen die Sowjets den USA und der ganzen westlichen Welt einen weiteren Schock. Sie haben mit einer Rakete den ersten Satelliten ins All geschossen. Mit einer Geschwindigkeit von 29 000 km/h umrundet der "Sputnik" die Erde. War dies der Beweis, dass der Kommunismus die Demokratie besiegen kann? Dreieinhalb Jahre später, am 12. April 1961, kreist der Russe Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum. Und Staatschef Nikita Chruschtschow tönt: "Jetzt müssen die Kapitalisten unser Land erst mal einholen."
"Unsere Nation muss einen Mann auf den Mond schicken, bevor dieses Jahrzehnt zu Ende geht", fordert John F. Kennedy im Gegenzug. "Ich erwarte, dass das klappt. Wenn ich vorher sterbe", fügt er scherzhaft drohend an, "werde ich im Himmel eine bessere Aussicht haben als ihr unten auf der Erde." Das klingt utopisch, doch tatsächlich landet am 20. Juli 1969 Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond.
Kennedy ist ein Glücksfall für Amerika, ein Ausnahme-Präsident, jung, gut aussehend und telegen. Seine elegante Gattin Jackie macht das Weiße Haus zum Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen, seine Geliebte Marilyn Monroe ist die attraktivste Schauspielerin ihrer Zeit - und dann ist da noch Kennedys Papa Joe, der ganz ungeniert verkündet: "Was sind schon 100 Millionen Dollar, Hauptsache sie helfen meinem Sohn."
Der Sonnyboy hat allerdings einen schweren Start, gerät in den ersten Tagen seiner kurzen Präsidentschaft in die heißeste Phase des Kalten Kriegs. In Vaters Winterpalast in Palm Beach gibt er CIA-Direktor Dulles grünes Licht, den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro zu ermorden - mit einer Zigarre, die explodieren soll. Doch das Komplott schlägt ebenso fehl wie die vom CIA im April 1961 dilettantisch eingefädelte Invasion an der kubanischen Schweinebucht. 114 Männer sterben, 1189 werden gefangen genommen. Kennedy muss 53 Millionen Dollar Lösegeld für ihre Freilassung zahlen. Trotz seines lässigen, jungenhaften Auftretens gewinnt er Format und zeigt Härte: Als Chruschtschow bei einem Treffen im Sommer 1961 in Wien auf den Tisch haut und Ansprüche auf West-Berlin anmeldet, entgegnet Kennedy: "Wenn das so ist, Herr Vorsitzender, dann gibt es Krieg; der Winter wird kalt."
Als die Sowjets Raketen auf Kuba stationieren, steht die Welt vor einem Atomkrieg. Kennedy hält zwar einerseits die Falken in den eigenen Reihen im Zaum, die sofort losschlagen wollen, droht Moskau aber, 156 Interkontinental-Geschosse auf die Sowjetunion abzufeuern. Die Russen ziehen ihre Trägerwaffen wieder ab, die USA gewinnen fortan in der Ost-West-Konfrontation die Oberhand.
Ihr Präsident fasziniert die Menschen - auch in Deutschland. In Berlin, der seit knapp zwei Jahren geteilten Stadt, reißt er die Massen mit, als er bei seinem Besuch 1963 in die Rede vor dem Schöneberger Rathaus die Worte einflicht: "Ich bin ein Berliner."
Innenpolitisch beschreitet der Demokrat Kennedy ganz neue Wege; zusammen mit seinem Bruder Robert, den er zum Justizminister macht, postuliert er eine moralische Wende.
Sein Satz "Ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country" (Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst) ist typisch für die Aufbruchsstimmung der 60er Jahre. In ihrem programmatischen "Kampf gegen die Armut" und in ihrer Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung werden die Kennedy-Brüder zu tragischen Lichtgestalten des modernen Amerika. Der Präsident wird am 22. November 1963 aus bis heute ungeklärten Motiven in Dallas ermordet, sein Bruder kommt fünf Jahre später um. Der Nachfolger im Weißen Haus, der Texaner Lyndon B. Johnson, hat keine glückliche Hand. Er eskaliert den Vietnamkrieg und führt das Land in die erste militärische Niederlage seiner Geschichte. Die Illusion amerikanischer Omnipotenz ist für immer zerstört.
Die Nation, so die Schriftstellerin Gertrude Stein, ist inzwischen "das älteste Land des 20. Jahrhunderts". Ein neues Zeitalter hat begonnen, und die USA sind darin am weitesten fortgeschritten. New York ist die Hauptstadt der Welt, eine Metropole nicht nur des Finanzmarkts, sondern auch der Kunst. In der Literatur findet das Land zum neuartigen Genre der Science-Fiction-Romane und bringt einen Nobelpreisträger nach dem anderen hervor, auch auf dem Gebiet der Literatur (William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck, Saul Bellow, Isaac B. Singer).
Mit der Kybernetik, entwickelt an der Universität Chicago, beginnt das Computer-zeitalter und die über nationale Grenzen hinausgehende Vernetzung. Der Medien-Theoretiker Marshall McLuhan spricht 1966 bereits von der Welt als einem "globalen Dorf".
Doch auch die Schattenseiten der Supermacht offenbaren sich immer deutlicher. In Wohnvierteln, Schulen, Bussen und selbst Imbissbuden der 17 Südstaaten herrscht noch immer strikte Rassentrennung, hartnäckig hält sich das Vorurteil, die Armut der Schwarzen beruhe auf "genetischer Minderwertigkeit". Brutal setzen sich weiße Schläger über die Diskriminierungsverbote der Bundesgerichte hinweg; mit passivem Widerstand, so genannten "Sit-ins", kämpfen die Schwarzen um ihre Bürgerrechte und scharen sich um den Baptistenprediger Martin Luther King. Im Gegensatz zur militanten Black-Panther-Bewegung setzt er auf friedliche Mittel, rührt im August 1963 beim "Marsch auf Washington" mit seiner emotionsgeladenen Rede ("I have a dream") 250 000 Menschen zu Tränen. Die Erfüllung seines Traums, "dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Slaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können..., dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt", erlebt er nicht mehr. Im April 1968, kurz bevor Robert Kennedy in einer Hotelküche in Los Angeles einem Attentat zum Opfer fällt, wird King in Memphis erschossen - von einem weißen Auftragskiller.
An der Demo in Washington nehmen auch 50 000 Weiße teil, darunter Bob Dylan, der mit seinem Song "The Times They Are A-Changin?" zum Herold der Protestbewegung der sechziger Jahre wird.