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12. März 2002, 00:00 Uhr

Rambo will die Welt beherrschen

Seine Bilanz nach vier Regierungsjahren ist auf den ersten Blick beeindruckend: Er hat dem Land seinen Stolz zurückgegeben. Er hat mit den zusätzlichen Rüstungsausgaben den Grundstein für die langfristige militärische Vormachtstellung der USA gelegt. Er hat die Wirtschaft angekurbelt. Der Dow-Jones-Index erreicht Rekordmarken. An der Wall Street wissen die Dealer nicht, wohin mit ihrem Geld. Der König der Spekulanten, Ivan Boesky, der später wegen Betrugs und Insider-Trading zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird, ist einer der Helden jener genusssüchtigen Jahre. Und berühmt für seine Verschwendung. In den teuersten Restaurants Manhattans bestellt er gern sämtliche Hauptspeisen, probiert von allen eine Gabel und isst nur die, die ihm schmeckt. Den Rest lässt er stehen.

Im November 1984 werden der 73-jährige Reagan und sein Vizepräsident George Bush mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt. Den Wahlsieg verdankt Reagan vor allem seiner Fähigkeit, seine Politik zu verkaufen, und der politischen Apathie in weiten Teilen der Bevölkerung.

Zwar sind die Früchte des Wirtschaftsaufschwungs ungleich verteilt, zwar profitieren vom Börsenboom fast ausschließlich die Reichen. Und die Zahl der in Armut lebenden Amerikaner steigt unter Reagan drastisch an. So leben fast 40 Prozent der Kinder am Rande des Existenzminimums, ist die Säuglingssterblichkeit die höchste unter den 17 führenden Industrienationen. Und selbst die Einkommensteuersenkungen erweisen sich für die Mehrheit als Illusion. Die Steuern einer Durchschnittsfamilie steigen in jener Zeit, ihr verfügbares Einkommen sinkt. Aber die Verlierer protestieren nicht, sie wenden sich von der Politik ab. Die Beteiligung bei nationalen Wahlen sinkt in den achtziger Jahren auf unter 50 Prozent, so tief wie zuletzt 1924.

"Gier ist gut"

Desinteresse ist auch der Grund, weshalb Reagan die Korruptionsskandale seiner Amtszeit unbeschadet übersteht. Selten zuvor waren so viele ranghohe Mitglieder einer Regierung in Bestechungsaffären verwickelt. Ein Landwirtschaftsminister genehmigt sich Subventionen für seine eigene Farm. Ehemalige Lobbyisten schanzen ihren früheren Arbeitgebern Milliardenaufträge zu. Sie haben Reagans Aufforderung, habsüchtiger zu sein, seine Maxime "Gier ist gut" allzu wörtlich genommen.

Der von der Administration mitverschuldete Zusammenbruch der Spar- und Darlehenskassen kostet den amerikanischen Steuerzahler 1000 000 000 000 000 Dollar, eine Billiarde Dollar, mehr als doppelt so viel wie der Vietnamkrieg. Den Präsidenten scheint das alles nur am Rande zu interessieren. Zunehmend verbringt er mehr Zeit auf seiner Ranch in Kalifornien als im Weißen Haus. "Man behauptet, harte Arbeit hätte noch niemanden umgebracht", spöttelt er gern, "aber ich frage mich, warum soll ich das Risiko eingehen?"

Am Montag, den 19. Oktober 1987, sitzt John Phelan, Vorsitzender der New Yorker Börse, um 8 Uhr 30 in seinem Büro im sechsten Stock. Er hat die Chefs der führenden Investment-Banken und Handelshäuser um sich versammelt. Mit versteinerten Mienen blicken die Männer auf die Aktienkurse, die vom Rest der Welt gemeldet werden. Die Börse in Tokio hat mit Rekordverlust geschlossen. Sydney ist zusammengebrochen, ebenso Hongkong. Panikverkäufe in Frankfurt, London und Paris. Wie eine Flutwelle nähert sich das Chaos auf den Finanzmärkten der Welt Amerikas Ostküste.

Bereits wenige Minuten nach Öffnung der Börse stürzen die Kurse auch hier ins Bodenlose. "Es ist wie ein Fallschirmspringer, der fällt und fällt und nicht weiß, wann sich sein Schirm öffnet oder ob überhaupt", beschreibt Robert Hormats, ein Geschäftsführer der Investment-Bank Goldman, Sachs, das Desaster. Beim Läuten der Schlussglocke ist der Dow-Jones-Index um 508 Punkte gefallen, der Markt hat 22,6 Prozent seines Wertes verloren - fast doppelt so viel wie am Schwarzen Freitag 1929.

Börsencrash und Wirtschaftskrise

Börsencrash und Wirtschaftskrise hätten eigentlich das politische Ende des Präsidentschaftskandidaten George Bush bedeuten müssen. Bei Umfragen liegt Reagans Vizepräsident drei Monate vor der Wahl 17 Punkte hinter dem Kandidaten der Demokraten, Michael Dukakis. Doch dann bekommen die Amerikaner furchterregenden Besuch in ihren Wohnzimmern. Auf ihren Fernsehschirmen erscheinen finstere Gestalten: Häftlinge, viele von ihnen schwarz, die ein Gefängnis betreten, um es gleich darauf durch die Drehtür wieder zu verlassen. Brutale Verbrecher laufen frei herum.

Du kannst ihr nächstes Opfer sein, suggerieren die Bilder. Einer der Häftlinge ist Willie Horton. Er hat auf einem Freigang eine weiße Frau vergewaltigt und ermordet. Verantwortlich dafür soll der Gouverneur Dukakis sein. Der Schmutzfeldzug zeigt Wirkung. Bush spielt mit den Ängsten der Amerikaner und gewinnt.

Und Bush senior hat Glück. Innenpolitisch bewegt er nicht viel, aber außenpolitisch steigt Amerika unter seiner Führung zur einzig verbleibenden Weltmacht auf. Am 9. November 1989 stürmen Jugendliche die Berliner Mauer. Die ganze Nacht tanzen sie auf dem Symbol der europäischen Teilung. Es ist der Anfang vom Ende des Ostblocks und der Sowjetunion. Die USA haben den Kalten Krieg gewonnen.

Schon kurz darauf zeigt sich, über welch hochentwickelte Kriegsmaschine sie verfügt. Die irakischen Truppen Saddam Husseins haben im Golfkrieg keine Chance. Vier Wochen lang fliegen US-Bomber Angriff auf Angriff gegen ihre Stellungen. Als die Bodentruppen der Koalition aus 36 Staaten, angeführt von den Amerikanern unter dem Vier-Sterne-General Norman Schwarzkopf, den Marschbefehl bekommen, ist das besetzte Kuwait binnen Stunden befreit und der Krieg gewonnen. Den über hunderttausend toten Irakern stehen 148 getötete Amerikaner gegenüber. Die USA demonstrieren dem Rest der Welt im ersten High-Tech-Krieg ihre Überlegenheit. Es gibt keine Macht mehr, die sich mit ihnen messen kann. George Bush senior steht wie der große Sieger da. Seine Wiederwahl scheint gesichert.

Little Rock, US-Bundesstaat Arkansas, in der Nacht des 4. November 1992: Gouverneur Bill Clinton tritt im Scheinwerferlicht der TV-Kameras vor eine ungeduldig wartende Menge. Soeben haben ihn die Fernsehanstalten zum Sieger der Präsidentschaftswahlen erklärt.

Er ist so aufgeregt, dass er sich verhaspelt und auf die Lippen beißt, während er von der Macht des Wandels spricht und einen Neuanfang in Amerika beschwört. Seine meist jungen Anhänger jubeln, singen und tanzen vor Freude.

Der Baby-Boom erreicht das Weiße Haus

Nach zwölf Jahren regiert wieder ein Demokrat in Washington. Einer, der die Sprache der jungen Amerikaner spricht; einer, der während des Wahlkampfes mit dem Bus über Land zog und der in Talkshows Saxofon spielte. Der 46-Jährige steht für einen Generationswechsel. Er symbolisiert ein dynamisches und vor allem liberales Amerika. Die Vereinigten Staaten erleben während seiner acht Regierungsjahre einen beispiellosen Wirtschaftsboom. Sie werden mächtiger und stärker denn je - aber sozialer werden sie nicht.

 
 
 
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