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25. August 2008, 15:45 Uhr

Granaten kennen keinen Feierabend

Frank Thayer ist Sergeant im 506. Regimental Combat Team der 101. Luftlandedivision. Das sind die Nachfolger jener Jungs aus der Fernsehserie "Band of Brothers", die Europa damals von den Nazis befreit haben. Jetzt geht es darum, in Afghanistan die Taliban loszuwerden. Leichter gesagt als getan, denn die Turbankrieger wollen nicht so recht mitspielen. Sie haben ihre eigenen Regeln und diese haben mit konventioneller Kriegsführung oder den Genfer Konventionen nichts zu tun: Sie benutzen Kinder als wandelnde Bomben und Zivilisten als Schutzschilde. Sie brennen Schulen nieder, in denen Mädchen unterrichtet werden, ermorden Lehrerinnen oder Angehörige von Hilfsorganisationen. Sie finanzieren ihren heiligen Krieg aus den Gewinnen des Opiumhandels und sind strikt gegen jede Entwicklung, die Afghanistan aus dem Zeitalter des Propheten Mohammed ins 21. Jahrhundert katapultieren könnte. Ihre Taktik besteht darin, der afghanischen Bevölkerung Angst einzujagen; ihnen zu zeigen, dass die schwache und korrupte Regierung in Kabul aber auch die internationalen Koalitionstruppen sie nicht beschützen können. "Kaum ein Tag vergeht ohne Angriffe", sagt Thayer.

Allein in diesem Jahr töteten die Gotteskrieger bisher 28 Helfer

Vor allem auf die Provinzen um Kabul, die lange Zeit als ruhig galten, haben es die Gotteskrieger abgesehen - Wardak, Ghazni, Kunar, Nuristan oder eben Logar, nur ein paar Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Mitte August ermordeten Taliban hier drei ausländische Mitarbeiterinnen der Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC), nur ein paar Kilometer von Sergeant Thayers Stützpunkt entfernt. Fünf vermummte Männer feuerten die Magazine ihrer Kalaschnikows leer, als das Auto der Frauen an ihnen vorbeifuhr, deutlich als humanitäre Organisation gekennzeichnet. Hinterher vermeldete ein Sprecher der Extremisten, man sei stolz darauf "weibliche Spione der Besatzungstruppen getötet zu haben." Denn in der Weltanschauung der Extremisten hätten die Frauen nicht im Interesse des Landes gearbeitet und den Truppen jener Länder angehört, "die Afghanistans Freiheit bedrohen".

Allein in diesem Jahr töteten die Gotteskrieger 28 Helfer - im gesamten vergangenen Jahr waren es 15. Ende Juli exekutierten Taliban in der Provinz Ghazni zwei afghanische Frauen, denen man vorwarf, einen Sexring für die Besatzungstruppen aufgebaut zu haben. Und vor der indischen Botschaft in Kabul riss eine Autobombe vierzig Afghanen in den Tod. Ende August starben zehn französische Soldaten bei Kabul in einem Hinterhalt und in Khost, nahe der pakistanischen Grenze, versuchten sechs Selbstmordattentäter einen Stützpunkt der Amerikaner zu stürmen. Es sind spektakuläre Aktionen wie diese, die es in die Abendnachrichten des Westens schaffen - und mit jeder weiteren Horrormeldung schwindet die Unterstützung in den Heimatländern der internationalen Truppen. Die Taktik der Taliban scheint aufzugehen.

Das blutigste Jahr der afghanischen Tragödie

Denn mit militärischen Mitteln können sie den Krieg nicht gewinnen. Müssen sie auch nicht. Es reicht, wenn sie den Krieg in die Länge ziehen, ihn aussitzen; ein Scharmützel hier, ein Selbstmordattentäter dort. Das siebte Jahr der afghanischen Tragödie ist mit bisher 2500 Toten gleichzeitig auch das blutigste.

Von den Opfern seien etwa tausend Zivilisten gewesen, sagen Hilfsorganisationen, 260 allein im Juli - trauriger Rekord. Die meisten von ihnen kamen durch Angriffe der Taliban ums Leben, zu viele starben aber auch bei Luftangriffen der Koalitionstruppen, die ihre Attacken um etwa vierzig Prozent gesteigert haben. Das macht sich nicht gut in den Schlagzeilen und deshalb hoffen die Turbankrieger, dass Nato und Amerikaner irgendwann entnervt und entkräftet Afghanistan verlassen.

Im Jahre 2007 hatte die Nato 37.500 Truppen im Land

Das scheint bisher noch nicht der Fall zu sein. Ein Grund für die ansteigende Gewalt in Afghanistan, so paradox das klingen mag, ist, dass inzwischen mehr Truppen am Hindukusch stationiert sind. Im Jahre 2007 hatte die Nato 37.500 Truppen im Land, heute sind es schon 53.000. Mit den amerikanischen Truppen der Operation Enduring Freedom (OEF) sind es sogar 71.000. Und die gehen inzwischen gezielt gegen die Gotteskrieger vor, vor allem im Süden und Osten des Landes - aber auch in Provinzen, die bislang als sicher galten, sind mehr Soldaten stationiert und werden immer öfter in Kämpfe verwickelt.

Die Taliban reagieren mit Selbstmordattentätern, so genannten IEDs, selbstgebastelten Sprengfallen, und schleusen immer mehr Kämpfer aus Pakistan ein. Deshalb fordern Nato-Kommandeure weitere 10.000 Soldaten, mindestens, um die ausufernde Gewalt in den Griff zu bekommen und beide Präsidentschaftskandidaten der USA haben dies versprochen; von zwei zusätzlichen amerikanische Brigaden ist die Rede, rund 7000 Soldaten. "Die Nacht ist eben am Dunkelsten vor dem Morgengrauen", sagt ein US-Soldat. Es muss also erst schlimmer werden, bevor es besser wird? So sei es auch schon im Irak gewesen.

Drei Stunden später kehrt Frank Thayer mit seinem Trupp zurück. Man habe zwar die Geschützstellung der Taliban gefunden und auf drei flüchtende Männer geschossen aber "wir waren nicht schnell genug. Verdammt!" Dann bricht er in Lachen aus. "Oh Mann, so nah sind sie mit ihren Mörsergranaten noch nie gekommen. Das war ganz schön knapp." Zum Glück sei ja alles gut gegangen, keine Verletzten, keine Toten. Zeit um endlich ein bisschen zu schlafen und Kraft zu sammeln. Die wird er brauchen.

Am nächsten Morgen fällt ein Dorfältester, der mit der afghanischen Regierung kooperierte, einem gezielten Mordanschlag zum Opfer. Er stirbt, als sein Auto mit einer ferngezündeten Bombe in die Luft gejagt wird. Am Nachmittag beschießen Extremisten einen Versorgungskonvoi der Amerikaner mit Panzerfäusten und töten den afghanischen Fahrer - das alles innerhalb weniger Stunden und nur ein paar Kilometer von Sergeant Thayer entfernt.

Wer sind die Marines? Mitglieder des United States Marine Corps (USMC) werden als Marines bezeichnet. Das Korps der Marineinfanteristen stellt eine von insgesamt fünf Teilstreitkräften der US-Streitkräfte. 2007 umfasste das Korps rund 186.000 aktive Mitglieder und rund 40.000 Reservisten. Bei einer Marine Expeditionary Unit (MEU), einer Expeditionseinheit, handelt es sich um den kleinsten unabhängig operierenden Verband in der Organisationsstruktur der Marines. Die 24. Marine Expeditionary Unit, die seit Ende April 2008 in der Provinz Helmand in Afghanistan im Einsatz ist, umfasst 2400 Soldaten. Nachdem die Einheit zunächst einen Aufstand niederschlug, ist es jetzt ihre wichtigste Aufgabe, gemeinsam mit britischen Soldaten mittels Patrouillen die Wiederkehr der Widerständler zu verhindern.

Was ist die Isaf? Isaf ist die Abkürzung für International Security Assistance Force, was mit Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe übersetzt werden kann. Die Truppe, die aus Soldaten aus rund 40 Ländern besteht und seit August 2003 unter Führung der Nato steht, soll in Afghanistan für Sicherheit sorgen und den Wiederaufbau des Landes unterstützen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UNO) beschloss die Entsendung der Truppen im Dezember 2001 als Reaktion auf eine Bitte der damals neuen afghanischen Regierung. Die Bundeswehr beteiligt sich seit dem Jahr 2002, mittlerweile mit rund 3500 Soldaten. Insgesamt ist die Truppe auf mehr als 50.000 Soldaten angewachsen. Besonders prekär ist die Sicherheitslage im Süden des Landes. Immer wieder haben vor allem Amerikaner, Briten und Kanadier, die dort die Hauptlast tragen, an die Bundesregierung appelliert, Truppen auch in diese heiß umkämpfte Region zu schicken. Allerdings ist das politisch brisant, weil damit gerechnet werden muss, dass dann auch mehr Soldaten sterben. Insgesamt starben in Afghanistan nach einer Berechnung des US-Fernsehsenders CNN bislang insgesamt 907 Soldaten, davon 567 Amerikaner. Diese Berechnung beinhalten jedoch auch jene Soldaten, die im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) gefallen sind. Insgesamt starben bislang 26 Bundeswehr-Soldaten.

Von Carsten Stormer, Pul-e-Alam
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